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Politik

Gesundheit hält Eintritt in die Gründerszene

Mittwoch, 26. Juni 2013

Berlin – Die digitale Wirtschaft erweitert ihren Fokus und nimmt verstärkt das Gesund­heitswesen in den Blick. Davon ist Markus Müschenich überzeugt. Müschenich, bis vor einer Weile Vorstandsmitglied beim Sana-Klinikkonzern, engagiert sich mittlerweile als Unternehmer und hat  vor kurzem die Beteiligungsgesellschaft Flying Health gegründet, die Unternehmen der Internetmedizin unterstützen will. Unlängst hat er Bundes­wirt­schafts­minister Philipp Rösler (FDP) in die USA begleitet. Der Liberale reiste mit rund 100 Vertretern von Unternehmen der IT-und Startup-Branche, unter anderem ins Silicon Valley.

5 Fragen an Dr. med. Markus Müschenich, Flying Health

DÄ: Herr Müschenich, was haben Sie rückblickend an Eindrücken und Anregungen aus den USA mitgebracht?
Müschenich: Spannend war für mich, dass sich viele junge Unternehmen in den USA zunehmend auf E-Health-Anwendungen spezialisieren. Meiner Meinung nach erkennt man das an mehreren Entwicklungen. Erstens daran, dass Kapitalgeber im ersten Quartal 2013 dafür genau doppelt so viel Finanzmittel bereitgestellt haben wie im letzten Quartal 2012. Zweitens finden sich mehr und mehr Risikokapitalgeber, die sich auf das Thema Gesundheit spezialisieren. Und drittens unterstützt man in Nordamerika junge Gründer, die sich um neue Geschäftsmodelle für den Bereich Gesundheit und IT kümmern, sehr intensiv: durch Mentorenprogramme, Infos zu Unternehmensgründung und Unternehmensführung, kostenfreie Büroräume und anderes mehr. 

: Gibt es eine gemeinsame Zielrichtung?
Müschenich: Man sieht in den USA die Chance, E-Health als Teil der Regelversorgung zu etablieren. Dies würde für die Unternehmen bedeuten, dass sie mit definierten Umsätzen rechnen können und entsprechende Gewinne erzielen werden. Vor dem Hintergrund der amerikanischen Herangehensweise heißt das: Themen wie Qualität, aber auch Kostensenkung und vor allem Kostenvermeidung spielen in diesem Kontext eine große Rolle.

DÄ: Haben Sie dafür ein Beispiel?
Müschenich: Eines der großen Themen scheint mir in diesem Zusammenhang die Verhinderung unnötiger Wiedereinweisungen ins Krankenhaus zu sein. Ein Gründer in den USA, den ich kennengelernt habe, hat eine Anwendung für mobile Endgeräte entwickelt. Im Kern geht es darum, via Smartphone mit einem Patienten von der Indikationsstellung über die präoperative Phase bis in die poststationäre Phase hinein Kontakt zu halten und ihn so im Behandlungsprozess zu begleiten. So kann man Patienten Sicherheit geben. Für Kliniken bedeutet die Begleitung via Smartphone, dass ihnen geringere Kosten entstehen, wenn beispielsweise Wiederaufnahmen verhindert werden. Das ist ein Thema, was uns auch in Deutschland immer häufiger beschäftigt.

DÄ: Viele Ärztinnen und Ärzte sind sehr kritisch, was den Einsatz von IT im Gesundheitswesen betrifft. Ist für Sie vorstellbar, dass Deutschland eines Tages ähnlich innovationsfreudig und finanziell unterstützt nach hilfreichen E-Health-Lösungen sucht wie die USA?
Müschenich: Sagen wir mal so: Nach meiner Reise bin ich überzeugt davon, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis Firmen wie Google oder Facebook oder auch andere ihre Infrastruktur für E-Health-Anwendungen zur Verfügung stellen und eigene Dienste rund um die Gesundheit unterbreiten werden. Dann werden soziale Netzwerke dafür genutzt werden, Patientendaten zu generieren und zu verwalten. Vielleicht sprechen wir dann ganz selbstverständlich von Google-Healing oder Facebook-Health. Wenn Politik und Selbstverwaltung in Deutschland das Thema nicht schneller voranbringen, dann verlieren wir nicht nur Patienten an schwer kalkulierbare Anbieter. Dann verliert auch der Medizintechnikstandort Deutschland nachhaltig an Reputation.

Im Übrigen spielt das Thema Gesundheit heute schon eine zunehmende Rolle im Silicon Valley. Google hat mit Flu-Trends eine Applikation entwickelt, um den Verlauf von Grippeepidemien in Echtzeit verfolgen zu können. Ein anderes Beispiel ist eine Untersuchung des American Journal of Medical Quality. Sie zeigt, dass Kliniken, die von Facebook-Mitgliedern positiv bewertet wurden, tatsächlich auch eine vergleichsweise geringe 30-Tage-Mortalität aufweisen.

DÄ: Gibt es ein Projekt, von dem Sie sagen würden: Damit würde ich gern sofort in Deutschland starten?
Müschenich: Ich würde gern sehen, dass die Gematik das Thema Tele­ma­tik­infra­struk­tur wirklich arzt- und patientenbezogen auf den Weg bringt. Und ich fände Projekte spannend, die dazu beitragen, dass man Patienten durch die verschiedenen Sektoren begleitet und die heute noch entstehenden Brüche ausgleicht. Das wäre vielleicht ein lohnenswerter Ansatz für Kliniken und Praxisnetze. So könnte man die sektoralen Trennungen überwinden, ohne darauf warten zu müssen, dass das Sozialgesetzbuch entsprechend geändert wird. © Rie/aerzteblatt.de

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