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Medizin

Herzinfarkt: Neue Kritik an Stammzellforscher Strauer

Freitag, 5. Juli 2013

dpa

London – Der britische Kardiologe Darrel Francis hat seine Fälschungsvorwürfe gegen den Düsseldorfer Kollegen Bodo-Eckehard Strauer erneuert. In einem Beitrag zum International Journal of Cardiology weist Francis auf „Diskrepanzen und Widersprüche“ in den Publikationen des inzwischen emeritierten ehemaligen Direktors der Klinik für Kardiologie an der Düsseldorfer Universitätsklinik hin, gegen den sein ehemaliger Arbeitgeber im Dezember letzten Jahres ein Untersuchungsverfahren wegen des Verdachts auf wissenschaftliches Fehlverhalten eingeleitet hat.

Strauer hatte seit 2001 mit Publikationen zur autologen Stammzelltransplantation, die bei Patienten nach einem Herzinfarkt die Regeneration des Herzinfarktes beschleunigen sollten, weltweit für Aufsehen gesorgt. Auf eine Kasuistik in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift, die damals auf einer Pressekonferenz der deutschen Öffentlichkeit als Durchbruch vorgestellt wurde, folgten mehrere klinische Studien und zahlreiche Publikationen, die international beachtet wurden.

2002 gehörte die „Stammzellentherapie beim Myokardinfarkt“ zu den Hauptthemen auf der Jahrestagung der American Heart Association, Strauer war dort ein gefeierter Redner, wie sich sein Kollege Peter Dominiak, Universität Lübeck, später erinnerte.

Doch die hochgesteckten Erwartungen in die Stammzelltransplantation sollten sich nicht erfüllen. In mehreren randomisierten klinischen Studien ließ sich keine nachhaltige Verbesserung der Herzfunktion nachweisen. Inzwischen ist es still geworden um den Therapieansatz. Dafür geriet Strauer in die Kritik.

Der Kardiologe Darrel Francis vom Imperial College London und Mitarbeiter werfen ihm vor, in seinen Publikationen unsauber gearbeitet zu haben. Zunächst fanden sie Ungereimtheiten in einer Publikation zur STAR-Studie, die Strauer 2010 im European Journal of Heart Failure veröffentlicht hatte. Später kamen weitere Anschuldigungen hinzu, die durch die Tatsache, dass ein Patient von Francis in Düsseldorf erfolglos behandelt worden war, eine persönliche Note erhalten haben könnte. Ein Anwalt von Strauer sprach in einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber dpa von einer „Abrechnung, die ein persönliches Motiv“ habe.

200 Diskrepanzen
In der aktuellen Untersuchung hat Francis insgesamt 48 Veröffentlichungen Strauers unter die Lupe genommen, wobei er auf mehr als 200 Diskrepanzen gestoßen sein will. Die Diskrepanzen beziehen sich auf unterschiedliche Angaben zu den fünf klinischen Studien, die Strauer nach 2011 zur Stammzelltherapie durchgeführt hatte und die Grundlage der Publikationen waren. Laut Francis hat es darin viele doppelte und überlappende Berichte gegeben mit widersprüchlichen Angaben zum Design der Studie, den aufgenommenen Patienten und den Ergebnissen.

Der Leser könne nicht immer unterscheiden, ob es sich um eine randomisierte oder nicht randomisierte Studie gehandelt habe und ob sie placebo-kontrolliert oder offen durch­geführt wurde. Es gebe widersprechende Angaben zur Datierung, zu den Einschluss­kriterien, zur Zahl der Patienten und auch „millionfache Unterschiede“ zur Zahl der verabreichten Stammzellen. Andere Diskrepanzen würden das Geschlecht der Patienten betreffen und teilweise würden die Arbeiten anderer Forscher mit den eigenen vermengt.

Auch in den Ergebnissen will Francis Ungereimtheiten entdeckt haben. Die Publikationen enthielten arithmetische und statistische Fehler, schreibt er. So sei in zwei Publikationen dieselbe Grafik abgedruckt wurden, allerdings mit unterschiedlichen Angaben zur Anzahl der behandelten Patienten. Insgesamt wurden die Ergebnisse nach Einschätzung von Francis übertrieben positiv dargestellt.

Flüchtigkeitsfehler eingeräumt
Ein (weiterer) Anwalt Strauers hat gegenüber Nature inzwischen Flüchtigkeitsfehler eingeräumt, die jedoch keinen Einfluss auf die Ergebnisse gehabt hätten. Daten­manipulationen werden von Strauer bestritten. Sie sind Gegenstand des laufenden Untersuchungsverfahrens der Universität Düsseldorf.

Francis hat auch den wissenschaftlichen „Impact“ von Strauers Studien zur autologen Stammzelltransplatation untersucht. Die fünf Kernstudien seien insgesamt 2.665 Mal von anderen Autoren zitiert worden, schreibt Francis, doch kaum ein Autor habe auf die Diskrepanzen in den Ergebnissen hingewiesen.

Fünf Meta-Analysen oder systematische Übersichten hätten die Düsseldorfer Studien mehr oder weniger kritiklos übernommen. Für Francis ist dies ein Hinweis auf die nicht perfekte Berichterstattung klinischer Ergebnisse in der Fachliteratur, selbst Meta-Analytiker würden sich willkürlich über Widersprüche hinwegsetzen. © rme/aerzteblatt.de

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