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Ärzteschaft

„Die Distanz zur Basis ist kleiner geworden“

Montag, 8. Juli 2013

Stuttgart – „Zur Sache, Herr Präsident!“  Unter diesem Motto stellt sich Ulrich Clever seit seinem Amtsantritt in der Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg dem Austausch mit der Basis. Er lädt in Absprache mit den Vorsitzenden der Ärztlichen Kreisvereine regel­mäßig zu Veranstaltungen vor Ort ein und steht dort den Kolleginnen und Kollegen Rede und Antwort. Zusätzlich bietet er eine Telefon-Sprechstunde an, bei der man ihn direkt anrufen kann. Clevers Fazit zur Halbzeit, nach  zwei Jahren: Der Austausch ist ein Gewinn – und man lernt anderes durch die Kontakte als gedacht.

5 Fragen an Ulrich Clever, Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg

DÄ: Herr Clever, etwa alle vier Wochen sitzen Sie für zwei Stunden am Telefon und lassen sich davon überraschen, wer von Ihren Kollegen mit einem Anliegen anrufen wird. Sind Sie noch nervös?
Clever: Am Anfang war ich aufgeregter als heute. Vor allem hatte ich mit mehr Geschimpfe gerechnet. Fast alle Anrufer sind aber sehr höflich. Wirklich böse Telefonate musste ich erst zwei oder drei führen. Die meisten Kollegen haben ein sachliches Anlie­gen. Es geht oft um individuelle Probleme mit dem Praxiseinstieg oder dem Praxis­verkauf, häufig auch mit der Weiterbildung. Im Grunde sind es die Anrufe, die ich mir gewünscht hatte: solche von Ärztinnen und Ärzten, die sonst offenbar keine abschließende Lösung für ihr Problem finden.

„Der Anruf bei mir ist kein Behördenanruf“

DÄ: Aber vermutlich könnten in vielen Fällen doch Mitarbeiter der Kammer weiterhelfen oder auch Mitarbeiter der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg?
Clever: Das schon. Teilweise gab es da auch bereits Kontakte. Aber die Landes­ärzte­kammer wird von manchen Ärzten sehr stark als Behörde erlebt. Der Anruf bei mir ist dagegen kein Behördenanruf, auch wenn ich der Präsident der Kammer bin. Es ist ein Anruf unter Kollegen. Genau das ist mir wichtig, und das empfinden die Anrufer auch als positiv. Deshalb sind sie in der Regel zufrieden mit dem Telefonat, selbst wenn ich nicht in allen Fällen helfen kann und zum Teil frustrierende Antworten geben muss, weil manches eben nicht geht wie gewünscht.

Wissen Sie, die Kammer wird ja nicht ganz zu Unrecht als Behörde wahrgenommen, sie ist in Teilen ja auch so etwas wie eine Behörde. Der Staat greift seit längerem mit Gesetzen in die Freiheiten der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) ein und hat ihnen viel Gestaltungsspielraum genommen. Die KVen  müssen immer mehr staatliche Auf­trags­verwaltung übernehmen, und das ist eine Bedrohung für sie. Mit den Kammern passiert das auch, nur schleichender.

Ein Beispiel dafür ist für mich die Überprüfung von Praxen und Versorgungszentren, die künstliche Befruchtungen anbieten, nach Paragraf 121 Sozialgesetzbuch V. Die Ärzte­kammern sind eingebunden in die Kontrolle, ob in den Einrichtungen nach wissen­schaftlich anerkannten Methoden gearbeitet wird und ob sie über die notwendigen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen verfügen. In solchen Zusammen­hängen werden wir eher als Behörde denn als Interessenvertretung der Ärzte wahrgenommen.

„Manche brutale Stammtischrhetorik bekommt man nicht mehr mit“

DÄ: Sie können das nicht ändern und ja auch nicht aus dem Stand heraus jedes Problem lösen helfen. Wie gehen Sie mit den Wünschen der Anrufer um?
Clever: Nehmen wir das Beispiel Weiterbildung. Manchmal lasse ich mir noch Informationen zusenden, um das Anliegen in Ruhe nachzuvollziehen. Typisch für die Nacharbeit ist auch, dass ich mich mit Mitarbeitern in einer der vier zuständigen Bezirksärztekammern in Verbindung setze und das Anliegen des Anrufers bespreche. Das wird nicht als Hineinregieren erlebt.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Bezirksärztekammern sind erfahren, man kann sicher sein, von ihnen immer sehr gute Auskünfte zu bekommen. Oft kennen sie den Fall, um den es geht, auch schon. Wir besprechen ihn dann und versuchen eine Lösung zu finden. Manchmal erreicht man beim Anrufer am Ende zumindest mehr Verständnis für die Position der Kammer.

Offenes Ohr beim Präsidium

Telefonsprechstunden beim Präsidenten persönlich ­– das bieten auch einige andere Lan­des­ärz­te­kam­mern an. „Wo drückt Sie der Schuh, und wie kann sich die Kammer noch mehr für Sie stark machen?“, heißt es regelmäßig bei der Lan­des­ärz­te­kam­mer Rheinland-Pfalz. Deren Präsidenten Frieder Hessenauer kann man seit knapp drei Jahren drei- bis viermal im Jahr persönlich anrufen.  Damit möglichst viele Ärztinnen und Ärzte ihr Anliegen an ihn richten können, bietet die Pressestelle der Kammer parallel zur Telefonzeit an, Fragen per E-Mail entgegenzunehmen.

Eine Telefonsprechstunde des Präsidenten hat auch die Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen eingerichtet. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach ist Mitte Juli darüber wieder zu erreichen. Die Bayerische Landes­­ärzte­kammer bietet eine Präsidiums-Hotline an. Präsident Max Kaplan und die Vizepräsidenten Heidemarie Lux sowie Wolfgang Rechl wechseln sich monatlich ab. Alle Termine sind über die Homepages der Kammern zu finden.  

Wissen Sie, manchmal müssen die Mitarbeiter schon eine ganze Menge aushalten. Das erkennt man, wenn man sich die Korrespondenz ansieht. Als Präsident wird man ja immer ein wenig abgeschottet. Man bekommt Informationen aufbereitet und wird höflich behandelt, das ist hilfreich und richtig. Aber manche brutale Stammtischrhetorik bekommt man so nicht mehr mit. Wie wirklich geschimpft wird, erfährt man dann, wenn man bestimmte Briefe liest oder eben draußen im Land zu Diskussionsveranstaltungen fährt.

DÄ: Das ist der zweite Teil Ihres Informationsangebots „Zur Sache, Herr Präsident!“ Sie sind regelmäßig in Baden-Württemberg zur Basis unterwegs und wollen alle 47 Kreis­vereine im Land besuchen. Was ist vor Ort anders als am Telefon, und was erleben Sie auf Ihren Touren?

Clever: Interessant ist, dass in den größeren Städten sehr viel weniger Ärztinnen und Ärzte zu den Veranstaltungen kommen als in kleineren Orten. Auch wenn es wie ein Klischee klingt: Auf dem Land wird oft angemerkt, dass sich von der Lan­des­ärz­te­kam­mer in Stuttgart eher selten jemand blicken lasse, und deshalb wird ein Besuch dort eher honoriert.

„Man kann den Kollegen auch mal danken für ihren jahrelangen Einsatz“
Grundsätzlich fordern einen die Veranstaltungen vor Ort stärker als die Telefonate. Da muss man sich immer nur auf einen Anrufer konzentrieren. Bei den Informations­veranstaltungen mit den Kollegen ist das anders: Man muss dem gerecht werden, der eine Frage hat, aber auch die anderen Zuhörer im Blick behalten. Oft sind Ärzte da, die mal ihren Kropf leeren wollen, wie ich gern sage.

Sie praktizieren seit langem, haben so manchen Knüppel zwischen die Beine bekommen und sind oft ganz schön zynisch geworden. Mit der heftigen Kritik, die von ihnen teilweise kommt, musste ich erst umgehen lernen. Man kann den Kollegen dann aber auch mal persönlich danken für ihren jahrelangen Einsatz und das, was sie geleistet haben. Das sagt ihnen doch sonst keiner.

Am Anfang bin ich auch davon ausgegangen, dass bestimmte Themen immer interessieren, beispielsweise die Zukunft der Ärztlichen Gebührenordnung. Bis mir in einem Landkreis mal die Kollegen gesagt haben: Alles schön und gut, aber wir haben hier kaum Privatpatienten. Seitdem frage ich grundsätzlich, ob dieses oder jenes tatsächlich interessiert, bevor ich dazu etwas referiere. Schwierig finde ich es manchmal, wenn in den Diskussionen die altbekannten innerärztlichen Konflikte aufbrechen. Da genügt ein Begriff, und die Debatte flammt auf. Als Kammerpräsident muss man unparteiisch den Kollegen gegenüber sein. Das ist nicht immer einfach.

DÄ: Sie hatten sich gewünscht, dass die Distanz zwischen der Kammer und ihren Mitgliedern durch die Kontakte kleiner wird. Ist sie das geworden?
Clever: Ich finde schon. Es gibt bestimmte Dinge, die lernt man nur, wenn man unterwegs ist. Beispielsweise, wie die Versorgungsströme in einem Kreis denn nun genau laufen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die Universitätsklinik Heidelberg hatte es nie leicht, Ärztinnen und Ärzte im praktischen Jahr (PJler) wie eigentlich vorgesehen nach Bad Mergentheim zu vermitteln. Da wollte wegen der ungünstigen Verkehrsanbindung kaum einer hin. Bei einem Termin in Bad Mergentheim habe ich vor kurzem gelernt, dass aber PJler von der Universitätsklinik Würzburg gern nach Bad Mergentheim fahren und die Versorgung so prima funktioniert. Was die geringere Distanz betrifft: Manche der Gesprächspartner am Telefon oder aus den Regionen treffe ich wieder, und dann freut man sich, wenn man schon einmal miteinander zu tun hatte. © Rie/aerzteblatt.de

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