Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Ein Pro und Contra zur Impfpflicht

Montag, 8. Juli 2013

Köln – Angesichts der dramatisch hohen Zahl von Masernerkrankungen in Deutschland hat Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Daniel Bahr (FDP) eine mögliche Impfpflicht für Kinder ins Gespräch gebracht. „Es ist verantwortungslos, wenn Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen”, hatte Bahr der Bild-Zeitung gesagt. Ein Pro und Contra zur Impfflicht.

Wolfram Hartmann: Staatliche Fürsorgepflicht

Eine Impfpflicht ist in Deutschland nicht unbekannt. Bis 1976 gab es in Deutschland die Pockenimpfpflicht. Inzwischen sind die Pocken dank der Impfung weltweit ausgerottet. Auch jetzt sieht das Infektionsschutzgesetz in § 20, Abs. 6, bei einer Ausbreitung von Erkrankungen eine mögliche Pflichtimpfung vor.

Bei Masern handelt es sich um eine Virusinfektion mit teilweise schwerwiegenden, oft erst Jahre nach der Erkrankung auftretenden Folgen. Eine wirksame Behandlung von Erkrankten ist nicht möglich. Wissenschaftlicher Standard weltweit ist die Prophylaxe mittels einer gut verträglichen Lebendimpfung. Um die auch von der WHO angestrebte weltweite Ausrottung der Masern zu erreichen, ist eine Durchimpfungsrate von wenigstens 95 Prozent der Bevölkerung anzustreben, denn damit kann ein soge­nannter Herdenschutz erreicht werden.

Wolfram Hartmann (Präsident des BVJK) dpa

Alle Appelle an die Eltern, ihre Kinder vor dieser Erkrankung mit immer wieder fatalen Folgen durch eine rechtzeitige und komplette Impfung zu schützen, waren bisher nicht hinreichend erfolgreich. Der Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) fordert daher den Nachweis einer vollständigen Impfung vor Aufnahme eines Kindes in eine staatlich finanzierte Betreuungseinrichtung, damit auch solche Kinder vor einer Infektion geschützt werden, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können.

Hier gibt es eine staatliche Fürsorgepflicht (Artikel 24 UN-Kinder­rechts­konvention), wenn Eltern nicht alles tun, um ihre Kinder vor gefährlichen Erkrankungen zu schützen. Andere Länder haben uns gezeigt, dass dies gerade bei Masern eine erfolgreiche Methode ist.

Birgitt Bender: Selbstbestimmungsrecht hat Vorrang

Wir haben in Deutschland aus guten Gründen keine Impfpflicht, selbst bei Infektions­krankheiten mit zum Teil schwerwiegenden Verläufen. Das Selbstbestimmungsrecht hat Vorrang, eine Impfung ist stets und zuallererst eine persönliche Abwägung von Nutzen und Risiken. Außerdem käme eine Impfpflicht für den aktuellen Masernausbruch zu spät.

Die Impfquoten (zweimalige Impfung) sind bei den einzuschulenden Kindern zwischen 2000 und 2010 von 19 auf immerhin 92 Prozent gestiegen. Eine sachliche Aufklärung über die individuellen und epidemiologischen Vorteile einer Impfung (ohne Vernach­lässigung der möglichen Nebenwirkungen) wird also zu einer weiter steigenden Impf­bereitschaft führen – das sollte einer gewissen politischen Gelassenheit das Wort reden. Eine ergebnisoffen geführte Impfberatung beim Hausarzt/der Hausärztin des Vertrauens wird dazu beitragen. Die Schwächung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes erweist uns hier übrigens einen Bärendienst, was besonders die Kinder trifft, die auch vom Bildungs­wesen schlechter erreicht werden.

Birgitt Bender (Gesundheits­politische Sprecherin der Bundestags­fraktion von Bündnis 90/Die Grünen

Das Gegenteil von Vertrauen, nämlich Misstrauen und eine sinkende Impfbereitschaft, bewirken Forderungen nach einer Impfpflicht oder gar nach einem Ausschluss von ungeimpften Kindern aus Schule oder Kindergarten. Und wenn auch noch ein liberaler Bundes­gesund­heitsminister solche Maßnahmen ins Spiel bringt, dann ist das ein bemerkenswerter Ausdruck von Hysterie und Hilflosigkeit. Wie auch immer die Impf­entscheidungen (der Eltern) ausfallen, sie sind zu respektieren. Schließlich ist – neben möglichen akuten Nebenwirkungen – nach wie vor ungeklärt, welche Auswirkungen Impfungen langfristig auf die organismuseigene Immunregulation haben. © ol/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Mathilda
am Dienstag, 9. Juli 2013, 15:06

Impfpflicht ja - aber mit erweitertem Personenkreis!

Das Problematische an den Masern ist, dass Babys angesteckt werden, die noch gar nicht geimpft werden konnten, weil sie jünger als 14 Monate waren. Daher greift eine Impfpflicht für Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter zu kurz (so notwendig sie natürlich ist). Zusätzlich müssen alle Personen geimpft werden, die typische Kontaktpersonen von Babys und solchen Kleinkindern sind, die noch keinen Impfschutz durch 2malige Impfung haben. Also Impfpflicht (nach Prüfung des Antikörperstatus) für sämtliches medizinisches Personal, sämtliches Personal in Kindereinrichtungen und Schulen. (Werdenden) Eltern sollte ebenfalls eine Überprüfung des Antikörperstatus im Zusammenhang mit der Schwangerenvorsorge angeboten werden.
Alleine die Möglichkeit, dass Babys angesteckt werden können, verpflichtet den Staat zu diesen Maßnahmen!
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 9. Juli 2013, 14:56

Bahr und Spahn in BILD

Aber auch im Bilde? Nach Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Daniel Bahr (FDP) hat jetzt auch Jens Spahn als selbsternannter Impfexperte in der BILD-Zeitung publiziert: "Grundsätzlich sollten nur geimpfte Kinder Kitas, Kindergärten oder Schulen besuchen dürfen", sagte CDU-MdB und Gesundheits-Experte Jens Spahn der "BILD Zeitung": "Es kann nicht sein, dass die weltweite Ausrottung der Masern an gut situierten, aber schlecht informierten Impfgegnern in Ländern wie Deutschland scheitert." Nach FDP-Ge­sund­heits­mi­nis­ter Daniel Bahr kommt auch noch Jens Spahn, MdB und gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktionen, in die BILD-Redaktion. Mit großer Einmütigkeit werden "gut situierte, aber schlecht informierte Impfgegner" identifiziert und gebrandmarkt.

Aber Halt! Stopp! Sind gut situierte, aber i. d. R. schlecht Informierte nicht genau die Klientel, die der maroden FDP - und auch der CDU/CSU - bei der nächsten Bundestagswahl den "A...." retten sollen? Sind erklärte Impfmuffel nicht vergleichbar mit denen, die "Freie Fahrt für freie Bürger" fordern? Oder einen "freiheitlichen Turbokapitalismus" ohne lästige Fesseln durch Unternehmens-Steuern und Bankenaufsicht verlangen? Bzw. Feiern bis zum Umfallen, unlimitierten Alkoholgenuss propagieren, gegen Mindestlöhne sind und Rauchen, bis der Arzt kommt? Oder nach dem Motto leben: Legal, illegal, egal, IKEA-Regal?

Einerseits impfen wir in Deutschland wie die Weltmeister, erreichen aber gerade diejenigen n i c h t, die die größten Impflücken haben. Im Gegensatz zum präventiv erfolgreicheren Schweden, wo die Grundimmunisierung bis zum 12. Lebensmonat (LM) mit nur d r e i Impfungen abgeschlossen ist, und die e r s t e MMR-Impfung im 18. LM erfolgt, müssen wir in Deutschland v i e r Grundimmunisierungen bis zum 14. LM anwenden. Wegen der in Deutschland epidemiologischen Maserngefährdung wird die erste MMR im G e g e n s a t z zu Schweden bereits im 11.-14. LM und die zweite MMR im 15.-23. LM durchgeführt. Schwedische Kinder erhalten ihre zweite MMR erst im 6.-8. Lebensjahr (LJ). Unser weiteren Auffrischungsimpfungen im 5.-6. LJ und 9.-17. LJ sind mit denen in Schweden vergleichbar.

Das insgesamt mit deutlich w e n i g e r empfohlenen Impfungen durchstrukturierte "Nationale Schwedische Impfprogramm" wird übrigens mit wiederholten serologischen Studien ("repeated serological cross-sectional studies") vom "SMITTSKYDDSINSTITUTET" (Smi) evaluiert, so dass mögliche Serokonversionslücken detektiert werden, bevor die deutsche BILD-Zeitung davon Wind bekommt.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
HPlum
am Dienstag, 9. Juli 2013, 13:13

Impfpflicht wozu?

In meinen Augen schadet die Diskussion über Impfpflicht dem Ziel, die Impfbereitschaft zu erhöhen. Die vorliegenden Zahlen belegen ziemlich eindeutig, dass die Impfungen in ganz bestimmten Bevölkerungsgruppen abgelehnt werden, die insbesondere im heutigen Bildungsbürgertum der Grünen zu finden sind. Diese würden bei einer Impfpflicht jederzeit ärztliche Bescheinigungen ihrer gleich gesinnten Ärzte erhalten, dass ihr Kind nicht geimpft werden darf. Sie würden dann die heute sehr kleine Zahl von Kindern drastisch vergrößern, die nicht geimpft werden dürften. Darum wird diese Diskussion nur der demagogischen Argumentation der Frau Birgitt Bender Vorschub leisten, die langfristigen Auswirkungen seien nicht geklärt.
doc.assi
am Dienstag, 9. Juli 2013, 07:10

nach wie vor ungeklärt, welche Auswirkungen Impfungen langfristig auf die organismuseigene Immunregulation haben.

Woher nimmt Frau Bender (Juristin!) nach jahrzehntelanger erfolgreicher Masernimpfung diese Erkenntnis?
Die Pflicht-Pockenimpfung zog im übrigen damals keine sinkende Impfbereitsschaft nach sich, sondern wurde genau so achselzuckend, gleichmütig von der Masse hingenommen, wie die meisten heutigen Kapriolen der Gesundheitspolitik. Drei Tage Aufregung und dann zurück zur Tagesordnung. Der Deutsche lässt sich im allgemeinen gerne "von oben" sagen was gemacht werden muss. Nutzen wir das doch mal für etwas sinnvolles.
moria
am Montag, 8. Juli 2013, 22:06

Wirklich?

"Das Selbstbestimmungsrecht hat Vorrang, eine Impfung ist stets und zuallererst eine persönliche Abwägung von Nutzen und Risiken."

Ohne der Aussage von Frau Bender zuzustimmen, könnte man fragen, ob gleiches beim anlegen von Sicherheitsgurten gilt, deren Nutzen/Risiko Verhältnis ist schlechter als die von Masernimpfungen. Ist Frau Bender auch für das Abschaffen der Anschnallplicht?

"Eine ergebnisoffen geführte Impfberatung beim Hausarzt/der Hausärztin des Vertrauens wird dazu beitragen."

Eine Beratung zur Masernimpfung kann nicht "ergebnisoffen" geführt werden, wenn man nicht die Fakten ignoriert.

"Die Schwächung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes erweist uns hier übrigens einen Bärendienst, was besonders die Kinder trifft, die auch vom Bildungs­wesen schlechter erreicht werden."

Gibt es dazu Zahlen? Ich würde eher das Gegenteil erwarten: Je höher die soziale Schicht, desto höher die Wahrscheinlichkeit gegen Impfungen zu sein.

Man kann der "Impfplicht" entgehen, wenn man öffentliche Einrichtungen für seine Kinder meidet, es gibt ausreichend weltanschaulich festgelegte Schulen, die Kinder ohne Masernimpfung aufnehmen.

Nachrichten zum Thema

23.10.17
Merkel ruft zu Impfungen auf
Berlin – Zum Schutz vor Infektionskrankheiten hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zum Impfen aufgerufen. Es gelte, Risiken von schwierigen Erkrankungen zu vermeiden, sagte Merkel in ihrem am......
19.10.17
Impfung gegen Lepra könnte bald an Menschen getestet werden
Würzburg – Im Kampf gegen die Infektionskrankheit Lepra will das Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfswerk DAHW einen neuen Impfstoff auf den Weg bringen. Der Wirkstoff sei bereits erfolgreich an......
17.10.17
Ebola-Impfstoff eignet sich auch für die Immunisierung von Kindern
Lambarene/Tübingen – Der seit 2015 in Afrika getestete Impfstoff „rVSVΔG-ZEBOV-GP“ eignet sich auch für die Immunisierung von Kindern. Dieses Ergebnis aus einer Phase-1-Studie berichtet ein......
16.10.17
Impfen: Kinder- und Jugendärzte kritisieren Rabattverträge
Berlin – Die Rabattverträge der Krankenkassen zu Impfstoffen müssen abgeschafft werden. Das hat der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) heute gefordert. BVKJ-Präsident Thomas Fischbach......
13.10.17
Medizingeschichte: War Jenners Impfstoff gar keine „Vakzine“?
Berlin – Der Impfstoff, mit dem Edward Jenner im Jahr 1796 erstmals gegen die Pocken impfte und damit die Immuntherapie begründete, enthielt möglicherweise nicht wie bisher angenommen Kuhpocken,......
12.10.17
Pertussis­infektionen in Sachsen nehmen zu
Dresden – Die Zahl der Keuchhusten-Infektionen in Sachsen steigt. Für 2017 wurden bisher 842 Fälle gemeldet, im gesamten Vorjahr waren es 694 und 2014 nur 405, wie die Barmer in Sachsen gestern......
29.09.17
Neuer Typhus-Impfstoff für Kinder erfolgreich an Erwachsenen getestet
Oxford – Ein moderner Typhus-Impfstoff, der auch bei Säuglingen und Kleinkindern eingesetzt werden soll, hat sich in einem klassischen Expositionstest an gesunden (erwachsenen) Menschen als sicher und......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige