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Ärzteschaft

Chirurgen und Intensivmediziner wollen keinen „Facharzt für Notfallmedizin“

Donnerstag, 1. August 2013

Berlin – Ärzteverbände haben davor gewarnt, das Berufsbild „Facharzt für Notfallmedizin“ einzuführen. Sie befürchten, dass sich ansonsten die Behandlungsqualität in deutschen Notaufnahmen nachhaltig verschlechtern könnte. Aufgrund des anhaltenden Mangels an Fachmedizinern in deutschen Kliniken hatte die Deutsche Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin eine entsprechende Facharztausbildung gefordert.

„Was zunächst verlockend klingt, ist in Wirklichkeit eine Mogelpackung“, warnten der Berufsverband der Deutschen Chirurgen (BDC), die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie sowie die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin. Während derzeit in deutschen Notaufnahmen voll ausgebildete Chirurgen, Internisten, Neurologen, Kinderärzte und Gynäkologen sowie andere Fachgruppen zusammen­arbeiteten, würde es in Zukunft dort zusätzlich den Facharzt für Notfallmedizin geben, der nur Bruchteile des Wissens der einzelnen Fachgebiete erlerne.

„Das wäre ein qualitativer Rückschritt und eine Gefahr für die Patienten", warnte BDC-Vize­präsidentin Julia Seifert. Deutschland nehme bei der Versorgung von Unfall­opfern, Herzinfarkt- oder Schlaganfallpatienten europaweit eine Spitzenposition ein. Das sei auch darauf zurückzuführen, dass in deutschen Rettungsstellen, Trauma­netzwerken, Stroke units und Herzkatheterplätzen spezialisierte Mediziner aller Fachgruppen eng zusammenarbeiteten.

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Dagegen hätten einige andere europäische Länder wie Rumänien, Bulgarien, Ungarn und Großbritannien aufgrund finanzieller und personeller Lücken inzwischen den Facharzt Notfallmedizin etabliert. „Die Rettungsmedizin hängt dort jedoch hinterher, weshalb sich viele Deutsche im Akutfall nach Hause fliegen lassen“, so die Verbände. So seien allein im vergangenen Jahr 14.100 Urlauber durch den ADAC zurücktransportiert worden. © hil/aerzteblatt.de

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Avatar #669252
start-ED
am Samstag, 3. August 2013, 17:18

10 Gründe warum diese Argumente irreführend sind

Die Argumentationen der Gegner werden immer dürftiger. Nachdem mittlerweile einige spannende Details aus den wirklichen Gründen der Ablehnung öffentlich wurden (nämlich u.a. die Angst vor Nachwuchsproblemen) werden die Argumente nun wieder und wieder wiedergekäut. Die "Sprachlosigkeit" der Befürworter wird im schon fast peinlichen Auftritt in der Sendung "Report Mainz" extrem offensichtlich. Vielleicht hier noch einmal die Zusammenfassung der Pro-Argumente in einer simplen Top10:

1.) Notfallmedizin ist in einer zunehmenden Länderzahl primäre Fachspezialität, darunter USA, GB, AUS/NZL. Die UEMS als massgeblicher europäischer Player empfiehlt klar einen FA:
http://www.uems.net/fileadmin/user_upload/uems_documents/documents/UEMS_COUNCIL_MEETINGS/BRUSSELS_19-20.04.2013/Item_5.2.6_-_Emergency_Medicine_-_Policy_Statement_on_E.M_-_update_March_2013.pdf

2.) In einer Metaanalyse von 282 Artikeln wurde die Effektivität und Effizienz einer fachärztlichen Notfallversorgung durch einen Notfallmediziner bestätigt.
http://www.intjem.com/content/4/1/44

3.) Es gibt keine vergleichenden Studien zur klinischen Notfallversorgung zwischen D und anderen Ländern, die präklinische Versorgung in D gilt jedoch als gut, was von keinem Befürworter eines FA bezweifelt wird. In Argumentationen wird Präklinik und Klinik von Gegner bewusst vermischt, wie auch in diesem Artikel.

4.)Es besteht ein starkes Interesse von jungen Ärzten am Gebiet Notfallmedizin, dies ist der Hauptgrund der massiven Opposition, die Angst vor Abwanderung in das Fachgebiet, wie im Report Mainz-Artikel deutlich gemacht wurde.
http://www.swr.de/report/pfusch-in-der-notaufnahme/-/id=233454/nid=233454/did=11587580/mpdid=11787950/ak5z2e/index.html

5.In der gegenwärtigen Situation sieht einzig die Weiter­bildungs­ordnung der Chirurgie überhaupt eine Rotation in die Notaufnahme als Verpflichtung an. Alle anderen WB-Ordnungen geben keine Pflichtzeit in der Notaufnahme an. Ob dies als Beweis einer Auseinandersetzung mit dem Thema taugt sei dahingestellt. Keiner möchte Rotationen in die Notaufnahme verhindern, das Ziel ist eine Mischung wie in UK.

6.) Notfallmedizin ist mehr als die Summe der Fachgebiete. Inhalte wie Triage, Crowding, Decision Units und ökonomische Aspekte kommen in keiner WBO vor.

7.) Patienten kommen mit Leitsymptomen, nicht mit klarer Diagnose. Pfade für STEMI und Polytrauma sind klar, dies betrifft jedoch nur einen Bruchteil der Patienten. Zahllose andere Patienten diffundieren gegenwärtig zwischen Zuständigkeiten der konkurrierenden Disziplinen herum. Im besten Fall ist das nervig, im schlechtesten tödlich (Bsp. Sepsis).

8.) Wo pekuniäre Interessen sind müssen Patienten aufpassen. Eine unabhängige Notaufnahme verteilt Patienten nach Notwendigkeiten, nicht nach persönlichen Wünschen der Ordinarien der bettenführenden Abteilungen (ein weiterer Grund der Opposition).

9.)Beschränkt man eine Notfallmedizin Weiterbildung auf Facharztlevel müssen die Interessierten vorher mit Kern-Internisten oder -Chirurgen um limitierte Fortbildungszahlen konkurrieren. Warum? Auch WB-Assistenten der anderen Fächer haben von einem FA Notfallmedizin nur Vorteile, eine Rotation in ZNA´s bleibt weiter möglich und jeder lernt das was er später machen möchte: Notfallmediziner Notfallmedizin, Internisten Gastroskopien, Chirurgen Appendektomien.

10.) Der proklamierte Facharztstandard ist -mit Verlaub- schlicht Beschiss. In einer verschwindenden Minderheit der Fälle werden Patienten in der ZNA von einem FA gesehen. Nicht umsonst empfiehlt eine unabhängige Beraterkommission der ÄK Berlin auch die Einführung eines FA Notfallmedizin u.a. auf dieser Erkenntnis:
http://www.aerztekammer-berlin.de/10arzt/15_Aerztliche_Weiterbildung/93_Notfallmedizin/AEK_Berlin_Konzept_Notfall_Stand_12_12_2011.pdf
Avatar #669223
medic24
am Freitag, 2. August 2013, 11:44

....teil 2

...noch kann der Internist kaum einen heilen von einem gebrochen Knochen unterscheiden. Warum grade die Jüngsten der jeweiligen Fachabteilungen das können sollen nur weil am Kittel Innere oder Chirurgie steht erschliesst sich mir auch nicht. Zumal Patienten nicht nur eben aus dem einen System bestehen und grade in Anbetracht der geriatrischen Welle, die auf die Ambulanzen zuströmt braucht es Akut-Generalisten! Was allerdings von politischer Seite dazu gehört ist eine angepasste Bezahlung für ambulante Patientenversorgungen. Wenn es politische gewollt ist Krankenhausbetten zu schliessen, die Hausärzte Ihren ambulanten Aufgaben nicht gerecht werden(wollen/können) wird es zu höheren Patientenzahlen in den Ambulanzen kommen, was die Statistiken der letzten Jahre ja auch zeigen. Hier ist Handlungsbedarf angezeigt.
Avatar #669223
medic24
am Freitag, 2. August 2013, 11:30

Was Ihr wollt....(http://de.wikipedia.org/wiki/Was_ihr_wollt)

...ich kann mich den Vorkommentaren nur anschliessen. Diejenigen, die so reden haben meist den Bezug zur Basis im eigenen Laden oder in den vielen kleineren Krankenhäusern ihres Verbandes verloren. Aus eigener erfahren kenne ich das englische/ australische System, in dem die Ambulanzen in enger Kooperation mit den Fachkollegen gemeinsam geführt werden.
Das deutsche System leidet tatsächlich an einer Überspezialisierung in den einzelnen Fachbereichen. So können chir. Kollegen kaum ein EKG beurteilen( Zackologie
Avatar #669220
AS1112
am Freitag, 2. August 2013, 09:36

Lobby-Kampf

Die regelhafte Besetzung deutscher Notaufnahmen erfolgt größtenteils durch Assistenten in den ersten Ausbildungsjahren welche häufig mit den Aufgaben überfordert sind. Diese Tatsache müsste jedem Arzt bekannt sein der entweder in einer Notaufnahme oder im Rettungsdienst als Notarzt tätig ist.
In einer (wünschenswert zentralen!) Notaufnahme wird ein Generalist benötigt, der durch langjährige und somit bestmöglicher Erfahrung aus einem breitgefächerten Patiengut fachmännisch die Primärversorgung einleitet und - bei entsprechender Notwendigkeit - an das jeweiligen Fachgebiet weiterleitet.
Die im Text genannte fachärztlich interdisziplinäre Besetzung ist ein Wunschdenken.
Der mutmaßlich kausale Zusammenhang zwischen der Besetzung von Notaufnahmen (mit Facharztniveau in diesem Bereich) in den genannten europäischen Ländern und dem Krankenrücktransport nach Deutschland ist absurd und braucht nicht kommentiert zu werden.
Der gesammte Text zeigt einfach nur wie die DIVI bzw. BDC -Lobby gegen vernünftige Neuerung kämpft.
Avatar #93440
JRP77
am Donnerstag, 1. August 2013, 21:23

An der Realität vorbei

"Während derzeit in deutschen Notaufnahmen voll ausgebildete Chirurgen, Internisten, Neurologen, Kinderärzte und Gynäkologen sowie andere Fachgruppen zusammen­arbeiteten..."

Da scheinen wohl eher Begehrlichkeiten der Fachgesellschaften im Vordergrund zu stehen, denn die obige Feststellung geht an der Realität in deutschen Krankenhäusern (leider!) vorbei - wer steht denn in der Regel in der Notaufnahme? Der Assistent im 1.-4. Weiterbildungsjahr. Wer es bis zum Facharzt geschafft hat, macht sich davon und mutet sich sowas nicht mehr zu...
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