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Medizin

Kalziumantagonisten erhöhen Brustkrebsrisiko in Studie

Dienstag, 6. August 2013

dpa

Seattle – Frauen, die nach der Menopause an einem invasiven duktalen oder einem invasiven lobulären Mammakarzinom erkrankt waren, gaben im persönlichen Interview doppelt so häufig wie gesunde Frauen an, Kalziumantagonisten eingenommen zu haben. Die bevölkerungsbasierte Fall-Kontrollstudie in JAMA Internal Medicine (2013; doi: 10.1001/jamainternmed.2013.9071) belebt ältere Zweifel an der Sicherheit einer Gruppe häufig verordneter Medikamente, ohne nach Ansicht einer Editorialistin allerdings eine abschließende Antwort zu geben, zumal ein überzeugender Pathomechanismus fehlt.

Bereits in den 90er Jahren hatten zwei Studien auf ein möglicherweise erhöhtes Krebsrisiko durch Kalziumantagonisten hingewiesen: Marco Pahor von der Universität in Memphis hatte in einer kleinen Kohortenstudie ein um 72 Prozent erhöhtes allgemeines Krebsrisikos unter über 70-Jährigen gefunden. Auch das Mammakarzinom trat zu 65 Prozent häufiger auf, doch der Zusammenhang war bei diesem Tumor nicht signifikant (Lancet 1996; 348: 493-97).

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In der Cardiovascular Health Study, einer prospektiven Beobachtungsstudie unter Senioren, war der Zusammenhang signifikant und eine Hazard Ratio von 2,6 deutete auf ein mehr als doppelt so hohes Risiko hin, das nach den Ergebnissen von Annette Fitzpatrick von der Universität von Washington in Seattle mit der Dosis der Kalziumantagonisten sowie in einer Kombination mit der Hormonersatztherapie mit Östrogenen (inzwischen ebenfalls als Brustkrebsrisiko erkannt) noch weiter anstieg (Cancer 1997; 80: 1438-47).

Nachdem weitere größere Kohorten- und Fall-Kontrollstudien das Risiko nicht bestätigen konnten, fiel die Hypothese in einen Winterschlaf, wie Patricia Coogan von der Boston University jetzt in ihrem Kommentar in JAMA Internal Medicine zu der neuen Studie schreibt, die die Debatte um die Sicherheit der häufig (vor allem in der Behandlung der arteriellen Hypertonie) verordneten Medikamente wieder beleben könnte.

Bei der neuen Studie handelt es sich erneut um eine Fall-Kontrollstudie, die nach Einschätzung von Coogan die heutigen Standards für derartige Studien erfüllt. Cristopher Li vom Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle und Mitarbeiter ließen 2.851 Frauen im Alter von 55 bis 74 Jahren interviewen, von denen 905 an einem invasiven duktalen Mammakarzinom und 1.055 an einem invasiven lobulären Mammakarzinom erkrankt waren.

Die übrigen Teilnehmer waren Frauen ohne Brustkrebs. Diese Kontrollen waren per Zufall aus dem Telefonregister entnommen worden. Das Ziel der Studie war, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Risikofaktoren zwischen den beiden häufigsten Brustkrebsvarianten zu finden. Etwa 70 Prozent aller Brustkrebse entfallen auf invasive duktale Karzinome, 20 Prozent auf invasive lobuläre Karzinome.

Zu den Fragen gehörte auch die Einnahme von Medikamenten. Hier stießen Li und Mitarbeiter dann auf die Assoziation beider Brustkrebsvarianten mit der Einnahme von Kalziumantagonisten, die die Brustkrebspatientinnen mehr als doppelt so häufig wie die Kontrollen eingenommen hatten. Für das duktale Mammakarzinom ermittelte Li eine Odds Ratio von 2,4 (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,2-4,9) bei einer Einnahme über zehn Jahre oder länger (was bei der Therapie der in der Regel chronischen arteriellen Hypertonie keine Seltenheit ist).

Das lobuläre Mammakarzinom war mit einer Odds Ratio von 2,6 (1,3-5,3) verbunden. Das Risiko war dosisabhängig und es betraf alle Kalziumantagonisten unabhängig von der Wirkungsdauer (kurz oder lang) oder der Wirkstoffklasse (Dihydropyridine oder Non-Dihydropyridine).

Andere Antihypertonika wie Diuretika, Beta-Blocker und Angiotensin II-Antagonisten waren nicht mit einer erhöhten Rate von Brustkrebserkrankungen assoziiert. Dies schließt eine Hypertonie (statt der Einnahme von Antihypertonika aus der Gruppe der Kalziumantagonisten) als mögliche Ursache aus. Die Beschränkung auf die Kalziumantagonisten schließt auch einen Recall-Bias aus. Er entsteht, wenn sich Frauen mit Brustkrebs (vielleicht infolge einer unbewussten Suche nach einer Erklärung für ihre Erkrankung) besser an die Einnahme von Medikamenten erinnern als die Kontrollen.

Aus epidemiologischer Sicht sind die Ergebnisse stichhaltig, für eine Einschränkung der Verordnung (etwa auf maximal 9,9 Jahre) besteht nach Ansicht von Coogan jedoch derzeit kein Anlass. Fall-Kontrollstudien könnten keine Kausalität beweisen, und auch die Überlegungen zum Pathomechanismus sind dürftig. Kalziumantagonisten könnten durch den Anstieg der intrazellulären Kalzium-Konzentration eine Apoptose verhindern, was die Vernichtung von Krebszellen innerhalb eines Zellverbands verhindern würde, spekuliert Li.

Doch diese Argumentation ist vor dem Hintergrund widersprechender Ergebnisse epidemiologischer Studien, darunter auch eine frühere von Li, nicht stichhaltig. Wahrscheinlich wird die Studie weitere epidemiologische Untersuchungen auslösen, etwa die Auswertung von elektronischen Krankenakten wie der General Practice Research Database (wo in einer früheren Analyse aber ebenfalls kein erhöhtes Risiko gefunden wurde).

Die zukünftigen Studien werden sich auch mit einem weiteren Befund der Studie beschäftigen. Für die Einnahme von ACE-Hemmern hatte Li eine verminderte Brustkrebsrate gefunden. Da dies ein singulärer Befund in der epidemiologischen Literatur ist, dürfte es ebenfalls derzeit nur als Anreiz für weitere Studien dienen, und derzeit die Auswahl der Antihypertensiva im klinischen Alltag nicht beeinflussen. © hil/aerzteblatt.de

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