NewsPolitikFinanzreform: Für eine zukunftsfähige GKV und PKV
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Finanzreform: Für eine zukunftsfähige GKV und PKV

Mittwoch, 7. August 2013

Berlin – Um die Finanzierung des Gesundheitswesens generationengerecht zu gestalten, müssten sowohl die gesetzliche wie die private Kran­ken­ver­siche­rung reformiert werden. Auf die Einführung einer Bürgerversicherung sollte man jedoch verzichten. Diesen Vorschlag zu einer „reformierten Dualität“ hat heute in Berlin Gesundheitsökonom Thomas Drabinski unterbreitet. Es gehe ihm um eine ordnungspolitische Gesamt­perspektive, betonte der Leiter des Kieler Instituts für Mikrodaten-Analyse bei der Vorlage seiner Studie, die zahlreiche Reformvorschläge enthält.

Drabinski fürchtet, dass vor allem die Frauen und Männer der geburtenstarken Jahr­gänge 1953 bis 1970 im Alter die Leidtragenden einer unzulänglichen Finanzierung des Gesundheitswesens sein werden. Er sieht die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) massiv von Unterfinanzierung bedroht, weil aufgrund der rückläufigen Geburtenraten Beitragszahler fehlen.

Wählt man eine konstant hohe Bevölkerungszahl als Zielgröße, fehlen demnach 25 Millionen Frauen und Männer und damit potenzielle Beitragszahler in den Altersklassen der 0- bis 49-Jährigen. Bis 2060, so Drabinskis Prognose, müsste die GKV ein Finanz­loch von mindestens 1,1 Billionen Euro stopfen, bei einer Ausgabendynamik wie derzeit seien es sogar 3,4 Billionen Euro.

Anzeige

Zur Gegensteuerung empfiehlt der Gesundheitsökonom einen Mix von Maßnahmen. Für die geburtenstarken Jahrgänge müssen seiner Meinung nach umgehend Rücklagen für zukünftige Ausgaben gebildet werden. Diese Rücklagen könnten sich aus einer höheren Eigenvorsorge, Zuschlägen für kinderlose Versicherte und Steuerzuschüssen zusammensetzen. Für letztere sei auch „eine vorübergehende, gesonderte und zweckgebundene Erbschafts- und Vermögensbesteuerung“ denkbar.

Notwendig wäre es nach Drabinskis Meinung weiter, den Krankenkassen ihre Beitragssatzautonomie zurückzugeben. So würde „auch die Diskussion entfallen, wie die Überschüsse des Gesundheitsfonds eingesetzt werden“. Der Gesundheitsfonds würde auf diese Weise automatisch weniger Finanzmittel enthalten. Wolle man weiter Bundeszuschüsse dorthin leiten, so müsse eindeutig definiert werden, für welche versicherungsfremden Leistungen sie gezahlt werden, heißt es weiter.

Votum für eine Gesundheitspauschale
Um die seit langem kritisierte Konjunkturanfälligkeit der GKV zu reduzieren, wird in der Studie vorgeschlagen, eine Gesundheitspauschale mit sozialem Ausgleich einzuführen. Drabinski rechnet in seinem Modell mit einer Pauschale von 150 Euro (Datenbasis: 2012), die alle Erwachsenen, die gesetzlich krankenversichert sind, bezahlen müssten (Belastungsgrenze von 8,2 Prozent des Einkommens). Für den notwendigen Sozialaus­gleich würden etwa 20 Milliarden Euro aus dem Gesundheitsfonds bereitgestellt. In diesen würden nach dem Modell die heutigen Arbeitgeber-Beiträge fließen (circa 95 Milliarden Euro, Beitragssatz: 7,3 Prozent), hinzu kämen Steuerzuschüsse des Bundes.

Den rechtlichen und finanziellen Rahmen für die neue Gesundheitspauschale könne die Politik definieren, beispielsweise indem sie festlege, dass rund 50 Prozent der GKV-Aus­gaben über diese zu finanzieren sind. Daraus lässt sich ableiten: Bei steigenden Ausgaben und sinkender Bevölkerungszahl würde die Pauschale kontinuierlich steigen.

Zu den weiteren Reformoptionen zählt, die heutigen GKV-Wahltarife abzuschaffen und das Krankengeld in der bisherigen Form zu streichen. Bis zur 26. Krankheitswoche könne man sich privat gegen das Ausfallrisiko absichern, danach könne es über die Arbeitslosen- oder Rentenversicherung getragen werden.

Drabinski hält es zudem für unerlässlich, auch die private Kran­ken­ver­siche­rung (PKV) zu reformieren. Notwendig ist für ihn die Kalkulation individualisierter Alterungsrück­stellungen, deren Höhe man den Versicherten zukünftig einmal pro Jahr mitteilen solle. Für Frauen und Männer der geburtenstarken Jahrgänge müssen sie seiner Auffassung nach möglicherweise erhöht werden.

Mitnehmbare Altersrückstellungen sind notwendig
Zudem müsse ein verbindlicher rechtlicher Rahmen geschaffen werden, um die Altersrückstellungen portabel zu gestalten: „Daran führt bei aller Diskussion kein Weg vorbei.“ Weiter schlägt der Ökonom vor, das Preis-Leistungsverhältnis der privaten Krankenversicherer transparenter zu gestalten und die PKV-Provisionen zu reduzieren.

Drabinski will aber unter dem Strich die PKV attraktiver und berechenbarer für heutige GKV-Versicherte gestalten. Darauf zielen zwei seiner Vorschläge: Zum einen soll die Versicherungspflichtgrenze in der GKV auf monatlich 3.000 Euro Familieneinkommen reduziert werden. Zum anderen soll in der PKV ein neuer „sozialer“ Mindestkriterien-Tarif mit Kontrahierungszwang neben den klassischen Tarifen eingeführt werden. In diesem würden verbindliche Leistungen festgelegt, übertragbare Altersrückstellungen von etwa 50 Euro pro Monat vorgesehen, Risikozuschläge begrenzt und für bestimmte Konstella­tionen, beispielsweise Elternzeit, ein sozialer Ausgleich aus Steuermitteln vorgesehen.

Warum Drabinski beide Systeme erhalten wolle, GKV und PKV, wurde er bei der Vorstellung seines Konzepts gefragt. Wenn man einen einheitlichen Markt umsetze, werde die PKV am Ende aufgelöst, glaubt Drabinski. Nicht zuletzt, weil die  GKVdas sehr viel größere System ist, mit dem zudem zahlreiche gesundheitspolitische Institutionen verbunden sind.

© Rie/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS
VG WortLNS LNS
Anzeige

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER