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Medizin

Einigung über historische Krebszellen

Donnerstag, 8. August 2013

Paris – Die Zelllinien der vor rund 60 Jahren an Krebs gestorbenen US-Farmarbeiterin Henrietta Lacks haben der Medizinforschung enorme Fortschritte ermöglicht – aber jetzt erst sind klare Regeln für den ethischen Umgang mit diesen sogenannten HeLa-Zellen erarbeitet worden. Das US-Institut für Gesundheit (NIH) gab gestern eine Vereinbarung mit Lacks Nachkommen bekannt. Das entschlüsselte Erbgut soll Forschern unter bestimmten Bedingungen zur Verfügung stehen.  

NIH-Chef Francis Collins sagte über die Afroamerikanerin Lacks, sie habe „der Wissenschaft und der Medizin unbezahlbare Dienste“ erwiesen. Tatsächlich wurde Lacks unfreiwillig zu einer Heldin der Medizingeschichte: Die fünffache Mutter starb 1951 mit nur 31 Jahren an den Folgen eines besonders aggressiven Gebärmutterkrebses im Johns Hopkins Hospital in Baltimore (US-Bundesstaat Maryland). Zuvor hatten ihr Ärzte ohne ihr Wissen Krebszellen entnommen, eine Einwilligung der Patientin war damals nach US-Recht nicht notwendig.  

Die Zellen waren für die Forscher von enormem Wert, weil es erstmals gelang, aus ihnen immer neue Zelllinien zu züchten. Andere Zellproben waren stets nach einer gewissen Zeit abgestorben. Im Laufe der Jahre wurden die nach den ersten Buchstaben von Henriette Lacks Vor- und Nachnamen benannten HeLa-Zellen für Forschungen zur Behandlung von Herpes, Leukämie, Grippe und Parkinson und zur Entwicklung von Impfstoffen gegen einen bestimmten Gebärmutterkrebstyp eingesetzt. Zehntausende wissenschaftliche Publikationen beruhen auf den HeLa-Zellen.  

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Geschichte der Medizin: Die unsterblichen Zellen der Henrietta Lacks

Tausende von Patenten wurden unter Verwendung ihrer Zelllinien entwickelt, aber den Nachkommen fehlt heute noch das Geld, zum Arzt zu gehen. Rebecca Skloot bestellt Kamillentee. „Diese Interviews sind Gift für die Stimme.“ Der Tee kommt, die Autorin ist nervös.

HeLa-Zellen seien „eines der größten medizinischen Wunder des vergangenen Jahrhunderts“, erklärte die University of Washington in Seattle, die gestern in Nature über eine komplette Entschlüsselung des Erbguts der Zellen berichtete – und die Genomdaten gemäß den Regeln zur Verfügung stellte, die in der Einigung zwischen Lacks Nachfahren und dem NIH festgelegt wurden.  

Lacks Identität wurde erst im Jahr 1971 enthüllt. Durch eine TV-Dokumentation von 1997 sowie durch das Buch „The Immortal Life of Henrietta Lacks" von 2010 wurde das Schicksal einem größeren Publikum bekannt.   

Bereits im vergangenen März hatte das Europäische Labor für Molekularbiologie in Heidelberg das vollständige Erbgut der Zelllinie veröffentlicht. Da dadurch auch Rückschlüsse auf mögliche erbliche Belastungen von Lacks Nachkommen – etwa ein erhöhtes Risiko für Alkoholabhängigkeit oder Alzheimer – möglich wären, protestierte die Familie. Der Datensatz wurde daraufhin zurückgezogen, nun veröffentlichten die Forscher ihre Ergebnisse entsprechend der beschlossenen Regelungen erneut.  

Die Veröffentlichung im März hatte zu Gesprächen zwischen der Familie Lacks und dem NIH geführt, die jetzt in einer Vereinbarung mündeten. Demnach müssen Forscher sich an das NIH wenden, wenn sie mit dem entschlüsselten Erbgut der Zelle arbeiten wollen. In einem Ausschuss, der über solche Anträge berät, werden auch zwei Mitglieder der Familie Lacks sitzen. Die Forschungsergebnisse müssen einer wissenschaftlichen Datenbank zugeführt werden.   

Allerdings betrifft diese Vereinbarung nur vom NIH finanzierte Forschungen. Labore könnten immer noch ohne Antrag beim NIH selbst das Genom der weitverbreiteten Zelllinie entschlüsseln oder bereits bekannte Ausschnitte des Erbguts zusammenfügen. „So etwas wäre aber nicht richtig und ein Mangel an Respekt gegenüber der Familie Lacks“, sagte NIH-Vize-Direktorin Kathy Hudson. © afp/aerzteblatt.de

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