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Politik

Fahrlässige Tötung: Berufungsgericht bestätigt Urteil gegen PJler

Donnerstag, 15. August 2013

Bielefeld – Das Landgericht Bielefeld hat ein Urteil gegen einen Medizinstudenten im praktischen Jahr (PJ) bestätigt. Den Tatbestand der fahrlässigen Tötung sah der vorsitzende Richter als erwiesen an und verurteilte den PJler zu einer Geldstrafe. Im Vergleich zur ersten Instanz änderte das Berufungsgericht allerdings das Strafmaß und senkte die Zahl der Tagessätze von 120 auf 90.

Der Student hatte vor circa zwei Jahren in einem Bielefelder Krankenhaus einem Säug­ling ein für die orale Gabe bestimmtes Antibiotikum in einen zentralvenösen Zugang gespritzt. Das neun Monate alte Kind, das an akuter myeloischer Leukämie erkrankt war, starb daraufhin. Der PJler habe seine Sorgfaltspflicht verletzt, denn die Spritze sei nicht beschriftet gewesen, argumentierte der Richter. „Da hätte der Angeklagte zumindest nachfragen müssen“, sagte er.   

Das Gericht sah insbesondere die Aussage einer Krankenschwester als glaubhaft an, die in dem Prozess als Zeugin aufgetreten war. Diese hatte die fragliche Spritze ins Zimmer gebracht, während der PJler bei dem Kind mit der Blutabnahme beschäftigt war. Der Student ging davon aus, dass es sich um ein Präparat handelte, dass er intravenös applizieren sollte. Tatsächlich war es aber das für die orale Verabreichung bestimmte Cotrimoxazol.

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Die Schwester hatte ausgesagt, die Spritze mit den Worten „Hier ist das orale Antibiotikum“ auf das Frühstücktablett gelegt und dabei Blickkontakt mit der ebenfalls anwesenden Mutter des Kindes gehabt zu haben. Der Student war hingegen der Meinung, es handle sich um das Refobacin, für das er einen Tal-Berg-Spiegel anfertigen sollte. Nach Aussage der Krankenschwester hatte der Student aber lediglich den Auftrag, eine Blutabnahme vorzunehmen, nicht aber ein Medikament zu verabreichen.

Ausschlaggebend für die Änderung beim Strafmaß war für das Gericht unterdessen die „Organisationsproblematik“, die von der Verteidigung ausführlich dargestellt worden sei. Dass es zu Verwechslungen dieser Art kommen könne, sei in Fachkreisen bekannt gewesen.

Auch seien Spritzen auf dem Markt gewesen, die allein zur oralen Gabe verwendet würden und deren Konus nicht auf ein intravenöses Infusionssystem passe. „Leider war 2011 eine solche Handhabung nur in wenigen Kliniken üblich“, sagte der Richter. Trotz der Umstände sei der Fahrlässigkeitsvorwurf gegen den Angeklagten aber „schon recht erheblich“.

Die Verteidigung war nach der Urteilsverkündung zu keiner detaillierten Stellungnahme bereit. Es sei zumindest ein Erfolg, dass eine Reduktion beim Strafmaß auf 90 Tagessätze erreicht werden konnte, sagte einer der beiden Anwälte des Studenten. Das sei insofern von Bedeutung, da nun zwar der Eintrag im Bundeszentralregister bleibe, im polizeilichen Führungszeugnis tauche die Verurteilung somit aber nicht mehr auf.

Die Geldstrafe bleibt für den Studenten in der Summe gleich, da die Tagessätze von 15 auf 20 Euro erhöht wurden. Sie liegt - wie auch schon im erstinstanzlichen Urteil des Amtsgerichts Bielefeld - bei 1.800 Euro. Der ehemalige PJler, der mittlerweile seine Approbation erhalten hat und als Krankenhausarzt tätig ist, trägt außerdem die Kosten des Berufungsverfahrens und die Auslagen der Eltern als Nebenkläger. © BH/aerzteblatt.de

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Avatar #103070
Henry I
am Donnerstag, 15. August 2013, 14:06

Maximal schwierig

Für alle Beteiligten muss das eine maximal furchtbare Situation sein:
Im Wesentlichen scheint das PJ heutzutage noch um einiges schlimmer zu sein, als zu meiner PJ-Zeit in den 90ern.
Man kann wohl keinem mehr mit gutem Gewissen raten, in Deutschland Medizin zu studieren.
Des weiteren ist der Student hier wohl auch auf der Basis von Aussagen von anderen Beteiligten verurteilt worden, die mit Sicherheit ein Interesse daran haben, sich selbst zu Verteidigen:
Die Krankenschwester hätte keinesfalls ein umbeschriftetes Medikament übergeben dürfen und der Chefarzt hat ein Interesse daran, die unhaltbaren Arbeitsumstände in seiner Klinik zu beschönigen.
Nicht einmal angeklagt wurden die dafür Verantwortlichen in Form der sogenannten "gesetzlichen" Krankenkassen, welche üblicherweise die Zwangsbeiträge der Versicherten horten und die Leistungserbringer finanziell aushungern - und natürlich die Krankenhausverwaltungen, welche gerne so tun, als bei ihnen im Haus alles in Ordnung.
LNS

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