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Politik

Mitwirkung von Ärzten an Doping: Universität Freiburg zunehmend unter Druck

Samstag, 17. August 2013

Köln – Im Zusammenhang mit der vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) in Auftrag gegebenen Studie über „Doping im Sport von 1950 bis heute“ gerät die Universität Freiburg zunehmend unter Druck. In der Studie ­–  sie wurde an der Humboldt-Universität Berlin und der Westfälischen Wilhelm-Universität Münster durchgeführt – wird der ehemalige Leiter der Abteilung Sportmedizin in Freiburg, Joseph Keul, als der „bis zu seinem Tod in Dopingzusammenhängen einflussreichste Sportmediziner“ bezeichnet. Keul starb war im Jahr 2000.

Die Universitätsmedizin Freiburg gehört zusammen mit den Forschungsstandorten in Köln und Saarbrücken zu den Institutionen, die am intensivsten mit öffentlichen Mitteln an Doping forschten. Im Juni 2007 hatte die Universität Freiburg eine externe Gutachter­kommission mit der Evaluierung der Sportmedizin am  Klinikum beauftragt.

Hintergrund war, dass zu diesem Zeitpunkt Ärzte am Institut arbeiteten, die verdächtigt wurden, ab den 1990er Jahren systematisch an Doping von Leistungssportlern beteiligt gewesen zu sein, darunter Radfahrern wie dem Tour-de-France-Teilnehmer Patrick Sinkewitz.

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Der Verdacht bestätigte sich. Die Arbeitverträge mit den beiden Ärzten Lothar Heinrich und Andreas Schmid wurden aufgelöst, Schmid der Professorentitel entzogen. Die Aufarbeitung der Forschung ihrer Vorgänger aber und deren mögliche Beteiligung an Doping steht auch sechs Jahre nach Auftragsvergabe aus. Die Gründe dafür sind unklar.

Schleppende Aufklärung
„Nachdem das Rektorat die Frist für eine Vorlage des Berichtes zunächst bis zum Januar 2013 verlängert hatte, ohne dass er tatsächlich vorgelegt worden wäre, ist jetzt ein Sachstandsbericht für den 10. September angefordert worden“, sagte der Presse­sprecher der Universität Freiburg, Rudolf Dreier, dem Deutschen Ärzteblatt. Inzwischen gibt es Anfragen von Abgeordneten des baden-württembergischen Landtags, wann mit Ergebnissen zu rechnen sei und inwieweit Recherchematerial aus der BISp-Studie mit Erkenntnissen der Freiburger Evaluierungskommission zusammengeführt werden könne.

Keul habe, so heißt es im BISp-Bericht mit Bezug auf Zeitzeugen, spätestens seit 1970 „die Anwendung anaboler Steroide im Leistungssport auch öffentlich sehr offensiv“ propagiert. In einem Aufsatz in der Zeitschrift Medizinische Klinik aus dem Jahr 1976 hätten Keul und sein Schüler Winfried Kindermann geschrieben, die Nebenwirkungen, über die zahlreich berichtet worden sei, würden ein Verbot nicht rechtfertigen. Allein für Frauen und Kinder sei die Anwendung von Anabolika wegen „fehlenden Wissens“ abzulehnen – eine Empfehlung, die den Autoren der BISp-Studie zu Folge in der Praxis kaum Beachtung fand.

Das BISp, das dem Bundesministerium der Innern angegliedert ist, hat nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler von Anfang der 70er bis Ende 80er Jahre  Untersuchungen angeregt und finanziell gefördert, die einen Übergang von der Grundlagenforschung zum systemischen Doping ermöglichen sollten. Die Anwendung von Doping habe dann bei Keul eine wichtige Rolle gespielt. Ob umstrittene Doping­forschung nach 1990 aus Steuermitteln finanziert wurde, habe nicht mehr untersucht werden können.

Ob leistungssteigernde Substanzen bei Patienten von Hausärzten gegenwärtig eine Rolle spielen, untersucht die Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen in Paderborn. Das Projekt „No roids inside“ zur Prävention des Medikamentenmissbrauchs in Fitnessstudios wird vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium gefördert. Im Rahmen der Studie werden Hausärzte online befragt, zum Beispiel danach, ob sie im Alltag mit Patienten konfrontiert sind, die leistungssteigernde Substanzen anwenden. © nsi/aerzteblatt.de

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