NewsMedizinBluttest sagt in Studie Suizidrisiko voraus
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Bluttest sagt in Studie Suizidrisiko voraus

Dienstag, 20. August 2013

dpa

Indianapolis – Existenzielle Krisen, die in einem Suizid enden können, gehen mit der vermehrten Bildung eines Enzyms im Blut einher, den US-Psychiater in Molecular Psychiatry (2013; doi: 10.1038/mp.2013.95) als Grundlage für einen möglichen Bluttest auf ein Suizidalitätsrisiko betrachten.

Suizide sind zwar das Ergebnis einer freien Willensentscheidung, die gewissermaßen in der Software des Gehirns entsteht. Der Entschluss zum Freitod fällt jedoch häufig – vielleicht nicht ganz freiwillig – auf dem Boden von schweren psychischen Erkrankungen, die ebenso wie die Stresssituation, die dem Suizid vorausgeht, Spuren in der Hardware des Körpers hinterlassen können. Das Team um Alexander Niculescu von der Indiana University School of Medicine in Indianapolis sucht seit einem Jahrzehnt nach Biomar­kern, die diese existenzielle Krise von suizidalen Personen beschreiben und schließlich in einem Test vorhersehbar machen könnten.

Anzeige

Für die aktuelle Studie haben die Forscher zunächst 75 Patienten mit einer bipolaren Störung ausgesucht, die unter besonders starken Stimmungsschwankungen litten. Über drei Jahre wurden die Patienten immer wieder mit der Hamilton Rating Scale for Depression und anderen Fragebögen zu ihrer Suizidneigung interviewt.

Bei jedem Termin wurden Blutproben entnommen, in der mittels RNA-Analyse die Aktivierung einer Reihe von Genen untersucht wurde, die in früheren Studien mit affektiven Störungen oder Psychosen assoziiert waren. Am Ende kristallisierten sich fünf Biomarker heraus, deren Bildung mit der Suizidalität der Patienten korrelierte. Unter ihnen ragte das Enzym SAT1 (spermidine/spermine N1–acetyltransferase 1) hervor, das der Körper bei Stressreaktionen vermehrt bildet, sei es bei Infektionen, Sauerstoffmangel, Toxinen - oder eben auch in mentalen Krisen. 

Niculescu wählte SAT1 als Grundlage für einen Suizidbluttests. Dieser wurde zunächst an einer Gruppe von neun Personen validiert, die sich das Leben genommen hatten. Bei allen Personen wurden deutlich erhöhte Werte von SAT1 gefunden. Schließlich wurde der Test prospektiv an 42 Männern mit bipolarer Störung und 46 Männern mit Schizophrenie durchgeführt und mit späteren Hospitalisierungen aufgrund von Suizidversuchen in Verbindung gesetzt.

Auch hier erlaubte der Test eine gewisse Vorhersage. Diese war zwar alles andere als perfekt. Der AUC-Wert betrug 0,640 (0,5 ist Zufall und 1 ist perfekt). Er ließ sich aber mit weiteren Angaben zu Angst, Stimmung und Psychose auf 0,835 steigern, so dass der Bluttest im Verbund mit der herkömmlichen psychiatrischen Untersuchung (sprich Befragung) die Vorhersage eines Suizidversuchs verbessern könnte.

Da es sich um eine erste „Proof-of-Principle“-Studie an einer insgesamt geringen Patientenzahl handelt, kann der klinische Wert natürlich nicht vorhergesagt werden, und es bleibt offen, ob er auf andere Gruppen (Frauen, andere mentale Erkrankungen) übertragbar ist. Die Studie zeigt aber, dass es sich lohnen kann, bei Erkrankungen in der Software der menschlichen Psyche nach Markern in der Hardware des menschlichen Organismus zu suchen. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #114761
Simplicissimus
am Dienstag, 20. August 2013, 23:56

Und nun?

Sollte man eventuell alle Risikogruppen hospitalisieren, damit sie sich nicht das Leben nehmen? Oder solte man sie Hospitalisieren, damit man genau erforschen kann, wann sie sich das Leben nehmen? Und überhaupt: Ist das denn nicht verboten?
LNS

Nachrichten zum Thema

5. Dezember 2019
München – In Bayern haben sich im Jahr 2017 1.597 Menschen das Leben genommen, 141 weniger als im Vorjahr. Darauf hat das bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL)
Suizide in Bayern weiter zurückgegangen
26. November 2019
College Park – Ein Schwangerschaftsabbruch erhöht das Risiko für Frauen nicht, einen Suizidversuch zu unternehmen. Das berichten Wissenschaftler des Departments of Family Science der University of
Rate von Suizidversuchen von Frauen nach Abtreibung nicht erhöht
25. November 2019
Berlin – Die Zahl der Suizidfälle in deutschen Haftanstalten hat zugenommen. Wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion hervorgeht, starben 2017 im Justizvollzug 173
Mehr Suizidfälle in deutschen Haftanstalten
19. November 2019
Köln – Das generelle Verbot des Erwerbs von Betäubungsmitteln zur Selbsttötung ist nach Überzeugung des Verwaltungsgerichts Köln nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Die Kölner Richter setzten daher
Recht auf Selbsttötung: Verwaltungsgericht ruft Bundesverfassungsgericht an
1. November 2019
Köln – Bestimmte Formen der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) können depressive Symptome, aber auch Suizidgedanken und -versuche mindern. Das berichtet eine Arbeitsgruppe der Technischen Universität
Kognitive Verhaltenstherapie kann bei suizidalen Krisen durch unipolare Depression helfen
28. Oktober 2019
Eichstätt-Ingolstadt – Seit dem Suizid des einstigen Fußballnationaltorwarts Robert Enke am 10. November 2009 hat sich nach Expertenmeinung gesellschaftlich etwas verändert. „Die Offenheit gegenüber
Männer nach Enke-Suizid offener bei Depressionen
22. Oktober 2019
Berlin – Zwischen dem 1. Februar und 31. August sind beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sieben Anträge auf Erwerb eines tödlich wirkenden Medikaments zum Zweck der
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER