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Politik

Schlechte Bilanz: Fallzahlen von Betroffenen sexuellen Missbrauchs ungebrochen hoch

Donnerstag, 29. August 2013

Johannes-Wilhelm Rörig /dpa

Berlin  „Keine Entwarnung und kein Schlussstrich“ war die Bilanz des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des Sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, die heute in Berlin vorgestellt wurde. „Zwar erleben wir uns als Zeitzeugen einer veränderten Bewusstseinslage und haben einen viel klareren Blick auf die Sexualität von Jungen und Mädchen als noch in den 70er und 80er Jahren“, sagte Rörig. „Doch der Skandal besteht weiter fort.“ Die Fallzahlen von Betroffenen sexuellen Missbrauchs seien ungebrochen hoch, resümierte er dreieinhalb Jahre nach Bekannt­werden der Missbrauchsfälle an Schulen und Institutionen.

„Wir sind noch weit davon entfernt, unsere Kinder in Kindertagesstätten, Schulen Einrichtungen und Sportstätten schützen zu können“, sagte Rörig. Es gebe keine durchgängigen Schutzkonzepte; bei Prävention und Intervention bestehe weiterhin erheblicher Investionsbedarf. Das zeigten die Ergebnisse der zweiten bundesweiten Befragung (Monitoring 2013), die der Missbrauchsbeauftragte durchführen ließ. Häufig würden nur Einzelaktivitäten in den Institutionen durchgeführt. Positiv sei jedoch, dass Fort- und Weiterbildungen für die Mitarbeiter zu dem Thema verstärkt angeboten würden.

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Auch im Bereich der Hilfen und Beratung sei bis heute immer noch zu wenig erreicht worden“, kritisierte Rörig weiter. „Es ist sehr ärgerlich, dass es fast zwei Jahre nach Ende des Runden Tisches noch nicht gelungen ist, die Länder und Kommunen für die dringend notwendige Stabilisierung und den Ausbau der Beratungsstellen zu gewinnen.“ Der Bund hat den Fonds sexueller Missbrauch mit 50 Millionen Euro auf den Weg gebracht.

„Beklagenswert sei jedoch, dass es dem Bund nicht gelungen sei, die Länder verbindlich daran zu beteiligen“, so Rörig. Der Runde Tisch hatte beschlossen, dass die Länder ebenfalls 50 Millionen Euro für Hilfe und Beratung von Betroffenen aufbringen sollen. Einzig Mecklenburg-Vorpommern habe seinen Anteil zugesagt, Bayern eine Einzahlung zumindest signalisiert. Besondere Versorgungslücken gibt es Rörig zufolge bei Fachberatungsstellen für Behinderte, Jungen, Männer und Migranten.

„Es fehlt an einer weitergehenden unabhängigen Aufarbeitung von sexuellem Miss­brauch -­ der Runde Tisch war keine Aufarbeitung“, sagte Rörig. „Den Beschluss der Deutschen Bischofskonferenz, das Forschungsprojekt ‚Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige‘ neu als interdisziplinäres Projekt auszuschreiben, habe er positiv aufgenommen.

Das Forschungsprojekt war im Januar vorläufig beendet worden, aufgrund des fehlenden Konsenses in der Zusammenarbeit mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachen. Nun sollen Wissenschaftler verschiedener Fachdisziplinen das Projekt durchführen.  

„Die kommende Bundesregierung darf keinen Schlussstrich unter das Thema Missbrauch ziehen“, appellierte Rörig. Die Unabhängige Stelle eines Missbrauchs­beauftragten und die Beteiligung von Betroffenen müssten auch in der nächsten Legislaturperiode gesetzlich verankert werden. Bisher hätten sich nur zwei Parteien eindeutig dazu geäußert, die Unabhängige Stelle weiterführen zu wollen: die FDP und die Grünen. Aktuell zeigte sich Rörig „vorsichtig optimistisch“, dass auch andere Parteien dem Thema den gebührenden Platz einräumen werden.

Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) begrüßt unterdessen, dass das neue Hilfeportal des Missbrauchsbeauftragten www.hilfeportal-missbrauch.de Betroffenen auch den Zugang zu psychotherapeutischen Privatpraxen erleichtert. Ohne diese Behand­lungs­plätze von approbierten Psychotherapeuten, die ohne KV-Zulassung im Rahmen der Kostenerstattung arbeiten, sei eine gesicherte Versorgung von psychisch kranken Menschen oft nicht möglich. Die Krankenkassen müssen die Kosten hierfür übernehmen, wenn der Hilfesuchende keinen niedergelassen Therapeuten finden.

Das Online-Hilfeportal wurde im Juni eingerichtet, um traumatisierte Kindern, Jugendliche und Erwachsene schneller beraten und behandeln zu können. Beklagt wurden von den Betroffenen immer wieder lange Wartezeiten auf einen Therapieplatz. Das Hilfeportal ist zudem ein wesentlicher Punkt der Rahmenempfehlung, die die Kassenärztliche Bundesvereinigung, die Bundes­ärzte­kammer, die BPtK, der GKV-Spitzenverband und die Deutsche Krankenkausgesellschaft vor einem Jahr beschlossen haben.

Qualifizierte ärztliche und Psychologische Psychotherapeuten, die über Erfahrungen in der Therapie von Betroffenen sexuellen Missbrauchs verfügen, werden weiterhin gebeten, sich in die Datenbank einzutragen: www.datenerfassung.hilfeportal-missbrauch.de © pb/aerzteblatt.de

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