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In Deutschland werden weniger Patienten zur Organtransplantation angemeldet – warum?

Dienstag, 3. September 2013

Köln – Seit Sommer vergangenen Jahres sinkt die Zahl der postmortalen Organspender deutlich. 2012 erlangte sie den tiefsten Stand seit zehn Jahren: 12,8 Spender pro Million Einwohner. Der Abwärtstrend setzt sich auch in diesem Jahr fort. Als wesentlicher Grund für die Abnahme der Organspenden werden die seit Juli letzten Jahres bekannt gewor­denen Regelverstöße bei den Lebertransplantationen gesehen.

Aber auch die Zahl der Patienten, die in Deutschland zur Organtransplantation ange­meldet werden, geht zurück. Werden die Ärzte kritischer bei den Indikations­stellungen? Sind Patienten zurückhaltender? Zum aktuellen Trend der Neuaufnahmen auf die Warte­listen und seine möglichen Ursachen hat das Deutsche Ärzteblatt Axel Rahmel gefragt. Er ist Ärztlicher Direktor bei Eurotransplant (ET), der Vermittlungsstelle für postmortale Organe im niederländischen Leiden.

5 Fragen an…Prof. Dr. med. Axel Rahmel, Ärztlicher Direktor von Eurotransplant

DÄ:  Deutsche Kliniken melden offenbar weniger Patienten zur Organtransplantation an. Wie ausgeprägt ist der Trend?
Axel Rahmel: Die Zahl der auf den Warte­listen registrierten Patienten im ersten Halb­jahr 2013 liegt um circa 23 Prozent unter der durchschnittlichen Zahl an registrierten Patien­ten in den ersten Halbjahren von 2010 und 2011. Den größten Rückgang haben wir Ende letzten und Anfang dieses Jahres festgestellt. Seitdem scheint sich eine langsame Erholung abzuzeichnen, im Juli dieses Jahres gab es sogar eine deutliche Steigerung. Ob dies allerdings schon eine Trendwende bedeutet, bleibt abzuwarten.

DÄ: Sind Anmeldungen für alle Organe von dem Rückgang betroffen?
Rahmel: Für die meisten, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Am deutlichsten war der Rückgang bei der Zahl der Patienten, die auf die Warteliste zur Leber- und Nieren­transplantation aufgenommen wurden. Die Zahl der Registrierungen auf der Warteliste für eine Lungen- und Pankreastransplantation ist sehr schwankend, insgesamt aber stabil. Möglicherweise haben niedergelassene Ärzte und Patienten jetzt Bedenken 

DÄ: Seit Sommer vergangenen Jahres sind an einigen Zentren Regelverstöße bei der Organtransplantation festgestellt worden, derzeit läuft dazu ein Strafprozess am Landgericht Göttingen. Dabei geht es nur um Lebern. Ist es vorstellbar, dass die Regelverstöße einen Einfluss nicht nur auf die Organspende, sondern auch auf die Anmeldung zur Transplantation haben, unabhängig vom Organ?
Rahmel: Die Daten allein erlauben keine eindeutige Interpretation der Ursachen des Rückgangs von Registrierungen zur Organtransplantation. Es könnte sein, dass die Berichterstattung in den Medien zu negativen Entwicklungen bei der Organtrans­plantation mögliche Bedenken von Patienten, die ein Organ benötigen, erhöht hat. In ähnlicher Weise könnten die aktuellen Vorbehalte gegenüber der Organtransplantation auch die Zuweisung von Patienten zur Organtransplantation durch die ambulant betreuenden Ärzte an die Transplantationszentren negativ beeinflusst haben.

DÄ: Als Reaktion auf die Vorwürfe von Manipulationen der Warteliste und falschen Indikationsstellungen sind eine Reihe von Maßnahmen ergriffen worden, um solche Regelverstöße künftig zu verhindern. Könnte das eine weitere Ursache sein?
Rahmel: Sie sprechen sicher die Einführung des Sechs-Augen-Prinzips an: Die Indi­kation zur Aufnahme auf die Warteliste darf nur noch im Team gestellt werden, ET achtet akribisch auf gute Dokumentation. Allerdings setzte der Rückgang der Regis­trierungen auf der Warteliste zur Herztransplantation schon ein, bevor von einem „Transplantations­skandal“ die Rede war, auch deutlich vor Einführung des Mehr-Augen-Prinzips. Neuan­meldungen und Zahl der verfügbaren Organe korrelieren 

DÄ: Welche anderen Erklärungsmöglichkeiten gäbe es denn?
Rahmel: In allen Ländern besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Zahl zur Verfügung stehender Organe und der Zahl der auf die Warteliste aufgenommenen Patienten. In Ländern mit sehr niedriger Spenderrate werden nur sehr wenige Patienten auf die Warteliste aufgenommen, in Ländern mit hoher Spenderrate wird die Indikation zur Transplantation breiter gestellt.

Das gilt übrigens auch für Deutschland: In den letzten zehn Jahren hat mit zunehmender Zahl transplantierter Lungen auch die Zahl der Neuaufnahmen auf die entsprechende Warteliste zugenommen, dasselbe gilt für die Lebertransplantation. Es ist daher durch­aus möglich, dass der derzeitige Rückgang der gemeldeten Spenderorgane einen Effekt auf die Indikationsstellung zur Organtrans­plantation hat. Eine eindeutige Ursache lässt sich aber aus den vorliegenden Daten nicht ableiten. © nsi/aerzteblatt.de

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