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Politik

Göttinger Transplantations­prozess: Zeugen aus der Klinik belasten den Angeklagten

Donnerstag, 5. September 2013

dpa

Göttingen – Im Strafprozess gegen den Göttinger Viszeralchirurgen Prof. O. ist Bezug genommen worden auf die am selben Tag von der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) in Berlin vorgestellten Ergebnisse der Untersuchungen der Lebertransplantationszentren durch die Prüfungs- und Überwachungskommission. Im Bericht sind für das Universitätsklinikum Göttingen für den Zeitraum, in dem der Angeklagte verantwortlich für das Leber­trans­plan­tations­pro­gramm war, 79 Verstöße ausgewiesen und damit die meisten an den auffällig gewordenen Zentren.

„Gibt es außer den in dem Bericht aufgeführten Verstöße gegen Richtlinien der BÄK weitere Hinweise auf Verstöße bei Eurotransplant?“, fragte der Vorsitzende der VI. Strafkammer am Landgericht Göttingen den Ärztlichen Direktor von Eurotransplant (ET). „Nein“, war die Antwort von Axel Rahmel, der als Sachverständiger eingeladen worden war.

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„Wären Richtlinienverstöße möglich, die gar nicht als systematische Regelverstöße erkannt werden und dennoch den Score für die Dringlichkeit zur Lebertransplantation erhöhen?“, fragte einer von drei Verteidigern des Angeklagten den Sachverständigen. Rahmel verwies auf die BÄK als richtigen Ansprechpartner, äußerte sich schließlich aber zögerlich: Das sei – theoretisch – denkbar.

Ob möglicherweise die jetzt bilanzierten zahlreichen Auffälligkeiten nur die Spitze eines Eisbergs seien, wollte Rechtsanwalt Jürgen Hoppe weiter wissen. Rahmel: „Ich halte die Analyse für komplett, nicht nur für die Spitze des Eisbergs.“ Es sei akribisch selbst den weniger fraglichen Fällen nachgegangen worden. Er äußere diesen  Eindruck aufgrund seiner Kenntnisse zum Vorgehen der Kommissionen und der Kooperation zwischen BÄK und ET bei der Aufklärung. Auch das sei aber eine Frage für die Untersucher selbst.

Die Verteidigung sieht im Bericht der BÄK offenbar eine Unterstützung für ihre Vermutung, dass Manipulationen der Warteliste und andere Regelverstöße, wie sie dem Angeklagten vorgeworfen werden, verbreitet waren und sich darauf gründen, dass die Richtlinien der BÄK zur Aufnahme auf die Warteliste für eine Lebertransplantation und für die Zuteilung der Lebern untauglich seien.

Rahmel wies darauf hin, dass die am schnellsten transplantierten Patienten nicht jene seien, für die der Laborwert-definierte, häufig kritisierte labMELD-Score (Model for Endstage Liver Disease) maßgeblich sei. Am schnellsten versorgt würden die in einer eigenen Kategorie hochdringlich gemeldeten Kranken mit akutem Leberversagen durch Vergiftungen oder akuter Dekompensation der Leber durch Morbus Wilson zum Beispiel.

„Die hochdringlichen Patienten erhalten bei ET im Durchschnitt alle 20 Stunden ein Organangebot und werden binnen zwei Tagen transplantiert“, berichtete Rahmel. Dennoch sterben 8,4 Prozent in diesem Zeitraum. In der Kategorie der hohen MELD-Score Werte zwischen 36 und 40 erhielten Patienten durchschnittlich alle vier Tage ein Organangebot, vier Prozent stürben binnen 48 Stunden.

Ein hoher labMELD korreliere zahlreichen Studien zufolge mit hoher Dringlichkeit und eigne sich als Grundlage für die Organverteilung auf der Basis einer bundesweiten Warteliste, sofern das Sterblichkeitsrisiko als Kriterium für die Zuteilung gewichtet werde wie bisher.

Im Gegensatz zudem vom Angeklagten und der Verteidigung immer wieder vorge­brachten Argument, auch Patienten mit vergleichsweise niedrigen MELD-Scores könnten ein hohes Sterblichkeitsrisiko haben, sah Rahmel keine Evidenz dafür, dass der einzelne Arzt außerhalb des etablierten Allokationssystems für einzelne Patienten eine sichere, wissenschaftliche fundierte Prognose stellen könne. Dem Angeklagten wird vorgeworfen, Patientendaten so manipuliert zu haben, dass sich der MELD-Score sprunghaft erhöhte. Deshalb sollen sie rascher ein Organ erhalten und der Angeklagte billigend in Kauf genommen haben, dass übergangene Patienten dadurch eventuell starben.

Warteliste groß, Spenderprofil breit
Möglicherweise war auch die Warteliste in Göttingen künstlich aufgebläht. Von circa 150 Patienten sind nach einer Überprüfung weniger als dreißig geblieben. Die Verteidigung hat Anzeige erstattet, weil einer der von der Warteliste genommenen Patienten zwischenzeitlich gestorben ist und geprüft werden müsse, ob die Streichung ursächlich für den Tod war. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

In Kombination mit einer großen zentrumsinternen Warteliste könnte zusätzlich das breite Spenderprofil ursächlich dafür gewesen sein, dass Göttingen offenbar viele Spenderangebote erhielt. Gegenüber ET sei angegeben worden, dass man grundsätzlich Organe auch von Spendern mit teilweise schweren Vorerkrankungen wie Sepsis, Meningitis, Drogenabusus, bestimmten Tumoren und deutlichem Übergewicht angeboten haben wolle, so dass praktisch alle bei ET gemeldeten Lebern auch für Göttingen infrage gekommen seien, berichtete Rahmel. Eurotransplant würde sich von den Zentren spezifischere Spenderprofile wünschen, um nicht unnötig Zeit bei Organofferten zu verlieren.

Ehemaliger Klinikdirektor hielt Angeklagten für unkooperativ          
Unterdessen haben Zeugenaussagen von mehreren Angestellten des Universitäts­klinikums den Angeklagten belastet. Eine Mitarbeiterin, die für die Patientenaufnahme und die Eingabe von Patientendaten in das klinikinterne Datenverarbeitungssystem zuständig ist, berichtete, Angaben zur Dialysepflichtigkeit, die den MELD-Score von Patienten erhöhen und wie sie gegenüber ET gemacht worden seien, hätten sich bei Überprüfung des Kliniksystems für die relevanten Zeiträume nicht gefunden. Ein Sachbearbeiter für die Abrechnung bestätigte, die Dialysen seien auch nicht im Abrechnungssystem erschienen.

Der inzwischen pensionierte, langjährige Direktor der Klinik für Allgemeine und Viszeralchirurgie, Heinz Becker, sagte als ehemaliger Vorgesetzter des Angeklagten aus. Dieser sei zwar ein technisch ausgezeichneter Chirurg; er sei aber unkooperativ und wenig bereit gewesen, Indikationsentscheidungen abteilungsübergreifend zu diskutieren und im Konsens zu treffen. Sein eigenes Urteil reiche aus, habe der Angeklagte deutlich gemacht. Und Prof. O. habe Mitarbeiter seiner Abteilung angewiesen, nicht mit denen anderer Abteilungen zu kommunizieren. Damit sei eine gewisse klinikinterne Kontrolle weggefallen, sagte Becker. Er selbst habe jedoch keine Anhaltspunkte für schwere Regelverstöße gehabt.  

Zur Frage, ob er sich vorstellen könne, dass Dialysen extern von niedergelassenen Praxen vorgenommen wurden und deshalb nicht in Patientenakten vermerkt wurden, sagte Becker: „Ein niedergelassener Facharzt wird einen Kandidaten für die Lebertransplantation nicht dialysieren ohne Rücksprache mit dem transplantierenden Arzt, das halte ich für ausgeschlossen. Und die Dialysen und die dazugehörigen Blutwerte dann nicht in den Akten zu vermerken, wäre ein schwerwiegendes, ärztliches Versäumnis.“

Das Verfahren steht erst am Anfang: Es ist mit 42 Verhandlungstagen angesetzt. Ein Urteil wird im kommenden Jahr erwartet. © nsi/aerzteblatt.de

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