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Politik

„Im Wahlkampf sollten die Kandidaten keine Affäre beginnen“

Donnerstag, 5. September 2013

Berlin – Mehr als zwanzig Wahlkämpfe hat Frank Stauss in den vergangenen zwei Jahrzehnten für die SPD geführt, unter anderem für Gerhard Schröder, Klaus Wowereit und Hannelore Kraft. Seine Erfahrungen hat er in dem Buch „Höllenritt Wahlkampf – ein Insiderbericht“ niedergeschrieben. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt analysiert Stauss den Bundestagswahlkampf 2013, beurteilt, ob sich die Bürgerversicherung als Wahlkampfthema eignet und begründet, warum die FDP Klientelpolitik betreiben sollte.

Fünf Fragen an Frank Stauss, Geschäftsführer Kreation bei der Agentur Butter

DÄ: Zum ersten Mal seit langer Zeit sind Sie in diesem Jahr nicht aktiv im Bundestagswahlkampf dabei und können ihn sich von außen betrachten. Wie ist Ihr Eindruck?
Stauss: Bisher ist es ein sehr ruhiger Wahlkampf. Es gibt noch keine großen Ausschläge, keine domi­nierenden Themen. Das kann sich aber noch ändern. Die Grundtonalität ist dabei bei den großen Parteien sehr unterschiedlich. Die CDU macht einen sehr leichten Wahlkampf nach dem Motto: Es läuft doch alles, uns geht’s gut, jetzt nicht die Pferde wechseln. Und die SPD versucht, soziale Spannungen zu thematisieren: Mindestlohn, Mieten, Kitaplätze. Für die SPD ist es in diesem Jahr aber schwer. Denn der akute Leidensdruck in der Bevölkerung ist niedrig. Einer Infratest-Studie zufolge geht es 76 Prozent der Bürger wirtschaftlich gut oder sehr gut.

Auffallend ist darüber hinaus, wie sehr sich die Art, einen Wahlkampf zu führen, im Vergleich zu früher verändert hat. Vor zwanzig Jahren gab es morgens die Tageszeitung und abends die „Tagesschau“, zwischendurch vielleicht noch die Nachrichten im Radio. Wir haben damals gedacht, das sei viel. Doch seither hat sich der Nachrichtenzyklus völlig verändert.

Heute erhalten wir über das Internet Nachrichten im Minutentakt. Alles ist atemloser geworden und schwerer einzuschätzen. Eine Äußerung auf einer Wahlkampf­veranstaltung in der Provinz kann sich über Nacht zu einem bestimmenden Thema entwickeln. Wahlkampf ist insofern immer unberechenbarer geworden, so wie die Wahlen auch.

Das liegt daran, dass das Verhalten der Menschen immer unberechenbarer geworden ist. Früher hat man sich am Sonntag für nächsten Mittwochabend im Restaurant verabredet. Heute ändert man Verabredungen noch fünf Minuten vor dem ausgemachten Termin. Genauso wird auch die Wahlentscheidung spontaner getroffen.

DÄ: Wie kann eine Agentur einen Kandidaten zum Sieg führen? Und was sollte der Kandidat im Wahlkampf unbedingt vermeiden?
Stauss: Am wichtigsten ist es, am Anfang der Kampagne eine klare Strategie festzu­legen. Man muss den Markenkern eines Kandidaten beziehungsweise einer Partei herausarbeiten und alles andere daran ausrichten: die Interviews, die Veran­staltungsformate, die Fernsehdebatten, die Werbung. Die Strategien können dabei, auch wenn sie für Politiker derselben Partei entworfen wurden, grundsätzlich voneinander abweichen. 2011 haben wir zum Beispiel Wahlkämpfe für Olaf Scholz in Hamburg und für Klaus Wowereit in Berlin geführt. In Hamburg war alles sehr nüchtern, in Berlin hochemotional. Beides passte aber zum Kern des Kandidaten.

Vermeiden sollten es die Kandidaten im Wahlkampf, sich selbst zu widersprechen. Sie dürfen keine Unklarheiten aufkommen lassen. Die Bürger brauchen ein sehr deutliches Bild davon, wofür sie stehen. Das bedeutet auch: klare und simple Aussagen treffen und nicht zu viele Probleme gleichzeitig angehen.

Darüber hinaus müssen sich die Kandidaten natürlich auch im privaten Bereich unter Kontrolle haben. So sollten sie nicht ausfällig werden oder eine Affäre beginnen. Problematisch ist auch, wenn im Vorfeld die Verantwortlichkeiten innerhalb des Wahlkampfteams nicht eindeutig geklärt sind. Jeder muss wissen, wer die Entscheidungen trifft. Im operativen Geschäft sind dafür normalerweise der Kandidat selbst und der Generalsekretär verantwortlich, dann der Wahlkampfleiter. 

DÄ: Wie komplex dürfen Wahlkampfthemen sein? Zieht ein Thema wie die Bürgerversicherung?
Stauss: Das kommt darauf an. Wenn es einen Nährboden für bestimmte Themen in der Bevölkerung gibt, dürfen diese auch komplexer sein. Wenn wir zum Beispiel eine spür­bare Unterfinanzierung in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung hätten, würden sich die Menschen dafür interessieren, wie diese behoben werden könnte, selbst wenn das nicht leicht zu erklären wäre. Wenn jedoch, wie derzeit, die Bürger mit dem Gesundheits­system zufrieden sind, wird es extrem schwierig, aus einem solchen Thema Kapital zu schlagen.

DÄ: Die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung hat in diesem Jahr so viel Geld wie niemals zuvor aufgehäuft. Ist das ein Sachverhalt, mit dem man Wahlkampf betreiben sollte?
Stauss: Der Bürger hat gelernt, dass das Gesundheitssystem einigermaßen funktioniert, und zwar unabhängig davon, welche Parteien in der Regierung sind. Insofern kann man mit diesem Thema politisch relativ wenig punkten. 

DÄ: Der FDP wird häufig vorgeworfen, sie betreibe Klientelpolitik zugunsten von Ärzten und Apothekern. Ist es sinnvoll für eine Partei, Klientelpolitik zu betreiben, um mehr Wählerstimmen zu erhalten?
Stauss: Das hängt davon ab, wo eine Partei hinwill. Wenn sie sich bei fünf bis sieben Prozent wohlfühlt, ist das legitim. In gewissem Maße betreibt aber ohnehin jede Partei Klientelpolitik. Für eine Partei ist ein organisatorischer Rückhalt durch befreundete Organisationen oder einfach eine Wählerbasis als Rückhalt wichtig. Insofern ist das absolut legitim. © fos/aerzteblatt.de

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