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Medizin

Kataraktoperation: Risperidon und Paliperidon bringen Iris zum „Schlackern“

Montag, 9. September 2013

Bonn – Das intraoperative Floppy Iris Syndrom, das zuerst in Zusammenhang mit dem Prostatamedikament Tamsulosin beschrieben wurde, kann auch nach der Einnahme der Neuroleptika Risperidon oder Paliperidon auftreten, wie der Hersteller in einem Rote-Hand-Brief mitteilt.

Das intraoperative Floppy Iris Syndrom (IFIS) wurde erstmals 2005 von zwei Augen­chirurgen aus Kalifornien beschrieben. Ihnen war aufgefallen, dass es bei Patienten, die wegen einer benignen Prostatahyperplasie Tamsulosin einnahmen, häufig zu Schwierig­keiten bei der Kataraktoperation kam.

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Die Implantation einer künstlichen Linse ist eigentlich ein Routineeingriff in der Ophthal­mologie. Die Operation erfolgt von der vorderen Augenkammer aus. Die Linse liegt jedoch hinter der Iris. Deshalb muss die Pupille medikamentös erweitert werden. Diese Mydriasis gelingt bei mit Tamsulosin behandelten Patienten oft nur unzuverlässig, was den Zugang zur Linse erschwert.

Zu echten Problemen kommt es, wenn der Chirurg im nächsten Schritt die vordere Umhüllung der Linse öffnet, um die Linse mittels Ultraschall zu zertrümmern und zu entfernen. Bei den betroffenen Patienten setzen dann wogende Bewegungen der Iris (der „floppy iris“) ein.

Zu allem Überfluss kann sich die Pupille weiter verengen. Schließlich bauschen sich die Wände der Iris nach vorn und im schlimmsten Fall kommt es zu einem Irisprolaps durch einen der Zugänge zur Vorderkammer.

Dauerhafte Verletzungen der Iris und der hinteren Linsenkapsel mit Verlust von Linsen­teilen in den Glaskörperraum gehören zu den gefürchteten Folgen des IFIS – die sich nach Einschätzung der American Academy of Ophthalmology (AAO) allerdings vermeiden lassen, wenn der Augenchirurg vorgewarnt ist und eine andere Opera­tionstechnik verwendet (oder den Patienten an einen Experten überweist).

Die Gefahr hat sich in den letzten Jahren herumgesprochen und für jeden Augen­chirurgen gehört die Frage „Nehmen Sie etwas wegen Prostatabeschwerden ein?“ zu den Standardfragen im Vorgespräch der Operation.

Langezeit galt Tamsulosin als einziger Wirkstoff, der eine IFIS hervorruft. Auch der Pathomechanismus ist bekannt. Tamsulosin antagonisiert die Alpha-1-Rezeptoren auf dem Musculus dilatator pupillae, der deshalb die Pupille nicht weit halten kann. Tamsulosin ist zwar auf die Alpha-1-Rezeptoren spezialisiert, es ist aber nicht der einzige Alphablocker. Nach Einschätzung der AAO können auch Terazosin, Doxazosin und Alfuzosin (die ebenfalls zur Behandlung  der benignen Prostatahyperplasie eingesetzt werden) ein IFIS erzeugen, auch wenn das Risiko geringer ist als bei Tamsulosin.

Wenig bekannt dürfte sein, dass auch einige Antipsychotika wie Risperidon und Paliperidon eine blockierende Wirkung auf den Alpha-1-Rezeptor haben. Die Gefahr einer IFIS mag gering sein, im Zuge der routinemäßigen Arzneimittelüberwachung wurden jedoch immer wieder Fälle einer IFIS mit der Anwendung von Risperidon in Verbindung gebracht.

Kataraktchirurgie bei Patienten unter Therapie mit Alpha-1-Antagonisten: Risiken erkennen und Komplikationen vermeiden

Der zunehmende Einsatz von Antagonisten der Alpha-1-Rezeptoren in der Behandlung von Erkrankungen der ableitenden Harnwege, vor allem der benignen Prostatahyperplasie (BPH), bringt in der Augenheilkunde eine neue Problematik mit sich. Das Intraoperative Floppy Iris Syndrome (IFIS) beschreibt eine intraoperative Situation mit einer „wogenden“ Iris.

Eine umfassende Überprüfung erbrachte laut Hersteller weltweit sechs gemeldete Fälle von IFIS mit Risperidon, wobei für zwei Fälle ein plausibler Zusammenhang zwischen der Therapie mit Risperidon und IFIS beschrieben worden sei. In beiden Fällen erhielten die Patienten, für die keine Anwendung von anderen Alpha-1-Blockern bekannt war, eine Langzeittherapie mit Risperidon und entwickelten während einer Kataraktoperation die typischen Zeichen eines IFIS. Bei einem dieser Fälle kam es bei einer weiteren Katarakt­operation am zweiten Auge nach 4 Monaten unter fortgesetzter Behandlung mit Risperidon erneut zu einem IFIS.

Anhand der Meldedaten seit Markteinführung schätzt der Hersteller die Häufigkeit einer IFIS mit Risperidon auf 1/1.000 bis 1/10.000 ein. Diese Zahl könnte sich jedoch nach oben bewegen, wenn Augenärzte vermehrt auf die Komplikation achten. Auch bei Tamsulosin wurde die Frequenz zunächst auf 2 bis 3 Prozent geschätzt. Die AAO zitiert in ihrer Stellungnahme eine Untersuchung, wonach die Augenärzte bei 90 Prozent der operierten Augen Zeichen einer IFIS zu erkennen meinen.

Für Paliperidon liegen (noch) keine Meldungen vor. Da es sich aber um einen aktiven Metaboliten von Risperidon handelt, sollte laut dem Rote-Hand-Brief ebenfalls mit der Komplikation gerechnet werden. © rme/aerzteblatt.de

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