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Politik

„Gegen die Bürgerversicherung wird viel polemisiert“

Mittwoch, 11. September 2013

Bad Kissingen – Beim Face-to-face-Wahlkampf ist sie dabei: Die fränkische Allgemein­medizinerin Sabine Dittmar (49) kandidiert für die SPD und möchte gern in den Bundes­tag. Derzeit startet die Kreis- und Landtagsabgeordnete von ihrem Stimmkreisbüro in Bad Kissingen aus regelmäßig zu ihren politischen Hausbesuchen. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt erläutert sie, inwiefern ihr Beruf ihr dabei hilft, wie sie die Diskussion um Bürgerversicherung und Gesundheitsthemen erlebt und weshalb sie für geänderte Zulassungsvoraussetzungen zum Medizinstudium eintritt.

5 Fragen an Sabine Dittmar, Ärztin und SPD-Bundestagskandidatin

DÄ:  Die SPD steht den Prognosen nach nicht allzu gut da. Macht das den Wahlkampf für Sie schwierig?
Dittmar: Nein. Erstens bin ich ein optimistischer Mensch, und zweitens gilt: Umfragen sind Umfragen, und Wahlen sind Wahlen. Ich erlebe in meinem Wahl­kreis auch eine ganz andere Zustimmung, als sie sich in den Umfragewerten widerspiegelt. Seit ein paar Wochen mache ich auch Face-to-face-Wahlkampf, das heißt, ich gehe von Haustür zu Haustür. Das sind immer nur kurze Gespräche, aber auch die stimmen mich zuversichtlich.

DÄ: Hilft es Ihnen im Wahlkampf, dass Sie Ärztin sind? Und dass Sie sich als Hausärztin in der Praxis, die Sie bis zum Jahr 2010 mit Ihrem Mann geführt haben, ja auch immer auf sehr unterschiedliche Menschen einstellen mussten?
Dittmar: Ja, das hilft sehr. Als Ärztin hat man ja eines gelernt: zuhören zu können und schnell den Kern eines Problems zu erkennen. Das hilft mir, sowohl jetzt bei den Haus­türbesuchen als auch in der Politik insgesamt. In manchen Ausschusssitzungen habe ich darauf hingewiesen, dass das ein oder andere vor Ort, in der Arztpraxis, ganz anders aussieht.

Ich erinnere mich an die Anfangsdiskussionen über Hausarztverträge, in der manchmal so getan wurde, als ob es nur darum ginge, dass Patienten zehn Euro Praxisgebühr sparen. Da habe ich dann mal geschildert, wie eine Hausarztpraxis auf dem Land organisiert ist, was man an Apparaten vorhalten muss, an Fortbildungen absolviert, an Qualitätsanforderungen beachtet. So etwas ist von den Kollegen, egal welcher poli­tischen Couleur, auch immer aufgenommen worden.

DÄ: Wollen die Bürger im Wahlkampf über Gesundheitspolitik diskutieren? Und über die Finanzierungsfragen?
Dittmar:  Wenn ich mich vorstelle und erkläre, dass ich mich im bayerischen Landtag schwerpunktmäßig um Gesundheitspolitik und gesundheitlichen Verbraucherschutz gekümmert habe, stößt das immer auf großes Interesse. Die Menschen sind ja von vielem unmittelbar betroffen: Sie haben Probleme mit der Verordnungsfähigkeit eines Medikaments, mit der Übernahme von Krankentransportkosten, mit zahlreichen Schnittstellenproblemen zwischen Kranken- und Pflegeversicherung.

Manchmal sind auch lange Wartezeiten in Facharztpraxen ein Thema. Mich wundert deshalb, dass in der Berichterstattung über den Wahlkampf die Gesundheitspolitik kaum eine Rolle spielt. Etwas anderes höre ich übrigens auch regelmäßig: Das Lob auf den eigenen Hausarzt.

DÄ: Vonseiten der Ärzteschaft gibt es sehr viele Vorbehalte gegen die Bürger­ver­sicherung, für die die SPD eintritt. Meist geht es darum, was mit der Summe der ärztlichen Honorare für die Behandlung von privat Krankenversicherten passieren würde. Wie nehmen Sie das wahr?
Dittmar: Für viele meiner Kollegen hier in unserer Region spielen Privatversicherte überhaupt keine große Rolle, denn es sind so wenige, dass die Einnahmen nur ein paar Prozent des Praxisumsatzes ausmachen. Wenn man sich Umfragen anschaut, sieht man auch, dass beispielsweise viele Hausärzte die Bürgerversicherung anders beurteilen, als es wahrgenommen wird. Ich finde, gegen die Bürgerversicherung wird im Moment unglaublich polemisiert. Und ich habe auch den Eindruck, dass sich manche Kollegen mit den Einzelheiten des Konzepts, also den verschiedenen Finanzierungssäulen, der Verbeitragung und so weiter, nicht genauer beschäftigt haben. An der Gesamtheit der Summe der ärztlichen Honorare soll sich nichts ändern.

DÄ: Sie waren zunächst auf der Hauptschule, haben dann die Mittlere Reife und einen Abschluss als staatlich geprüfte Kinderpflegerin gemacht und schließlich auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur abgelegt und Medizin studiert. Finden Sie, es müsste andere Wege zum Medizinstudium geben als heute?
Dittmar: Ja, ich finde, die Zulassungsvoraussetzungen sollten praxisorientiert überdacht werden. Ich plädiere nicht für eine Aufhebung des Numerus clausus, aber für eine andere Gewichtung  in Verbindung mit beruflicher und sozialer Kompetenz. Eine gewisse Leistungsbereitschaft fürs Studium und der Nachweis, dass man Leistung erbringen kann, müssen schon vorhanden sein.

Eine Aufhebung wäre auch deshalb schwierig, weil es dann sicher noch mehr Bewerber für die begrenzte Anzahl der Medizinstudienplätze gäbe. Aber man könnte diskutieren, ob es nicht mehr Studienplätze geben sollte. Und das Interesse daran, in die Versorgung zu gehen, müsste bei der Bewerberauswahl stärker als heute gewichtet werden.

Ich finde, das Studium sollte zudem versorgungsorientierter ausgerichtet werden. Unlängst habe ich erfahren, dass man am Universitätsklinikum Würzburg immer noch erst im 9. Semester mit dem Fach Allgemeinmedizin in Berührung kommt. Da braucht sich keiner zu wundern, wenn man niemanden für die Allgemeinmedizin begeistern kann. Auch die Lehrstühle für dieses Fach werden viel zu geringgeschätzt. In Erlangen warten wir immer noch auf eine Berufung, seit zwei Jahren.

© Rie/aerzteblatt.de

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johann.gruber
am Sonntag, 15. September 2013, 00:25

Keine Notwendigkeit für Bürgerversicherung anstelle von GKV und PKV

Eine Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV), die wie in Deutschland schon rund 90 Prozent der Bevölkerung versichert, ist praktisch bereits eine umfassende Bürgerversicherung!

Wenn nun die restlichen 10 Prozent, die der Privaten Kran­ken­ver­siche­rung angehören, zwangsweise in eine Bürgerversicherung für alle überführt werden sollen, ist stark zu befürchten, dass per Bundesverfassungsgericht die "guten (wechselunwilligen) Risiken" ihren Status behalten können und die "schlechten (wechselwilligen) Risiken" in die Bürgerversicherung „entsorgt“ werden.

Dabei ist der derzeitige Status Quo zwischen GKV und PKV gar nicht so schlecht, wenn einige wettbewerbsverzerrende Regelungen korrigiert werden:

1. Die PKV darf keine Interessenten mehr wegen Vorerkrankungen ablehnen oder mit Risikoaufschlägen abschrecken, die wegen Überschreitung der Jahresarbeitsentgeltgrenze aus der Kran­ken­ver­siche­rungspflicht ausscheiden.
Dieser Risikoschirm zu Lasten der GKV muss abgeschafft werden.

2. Der Beitragszuschuss des Arbeitgebers zur PKV eines Beschäftigten ist bei dessen GKV-versicherten Arbeitnehmern auf 7,3 v. H. aus einem Entgelt bis maximal der Beitragsbemessungsgrenze in der GKV festgesetzt. Ausgezahlt wird der Arbeitgeberzuschuss an den Arbeitnehmer aber nur bis zur von 50 Prozent seines PKV-Beitrags. Die Differenz auf 7,3 v. H. muss künftig an den PKV-Versicherer gezahlt.
Damit hat der Arbeitgeber künftig keinen (zum Teil erheblichen) finanziellen Vorteil mehr, wenn sich ein aus der Kran­ken­ver­siche­rungspflicht ausgeschiedener Beschäftigter privat krankenversichert.

3. Der Zuschuss der Bundesanstalt für Arbeit zum PKV-Beitrag eines Hartz-IV-Empfängers ist mehr als doppelt so hoch, wie der, welcher für einen GKV-versicherten Hartz-IV-Empfänger gezahlt wird.
Es muss sicher gestellt, werden dass die Bundesanstalt für Arbeit für alle Hartz-IV-Empfänger den Kran­ken­ver­siche­rungszuschuss in gleicher Höhe zahlt.
LNS

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