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Ärzteschaft

DEGAM: Kongress zum Thema Komplexität mit Besucherrekord

Mittwoch, 18. September 2013

München – Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) ist erfreut über die Resonanz auf ihren jüngsten Kongress am vergangenen Wochenende in München: 670 Teilnehmer, so viele wie nie zuvor, diskutierten über „Komplexität in der Allgemeinmedizin – Herausforderungen und Chancen“. Die Komplexität in der Medizin nehme spürbar zu, hieß es in München. Dies liegt nach Ansicht der DEGAM zum einen am medizinischen Fortschritt und der zunehmenden Fragmentierung in einzelne Spezialbereiche. Zum anderen führe die erfreulich steigende Lebenserwartung zu einer Zunahme von chronischen und Mehrfacherkrankungen.

„Darin liegt die Chance für uns als Generalisten: Wir haben den ganzen Menschen im Blick“, betonte zu Kongressbeginn Antonius Schneider, Ärztlicher Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der TU München. „Die Komplexität ist auch das, was einem am Beruf Spaß macht“, sagte Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des Deutschen Haus­ärzte­verbands. Der bayerische Ge­sund­heits­mi­nis­ter Marcel Huber (CSU) sprach die Herausforderungen an, die notwendig seien, um die ärztliche Versorgung in der Fläche zu sichern, und stellte zudem klar: „Wir brauchen an jeder Universität einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin.“

Neuer Vorstoß für ein Pflichtquartal im PJ
Auch DEGAM-Präsident Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt/Main, verwies auf die Notwen­digkeit, das Fach zu fördern: „Die Ausbildung von Fachärzten für Allgemeinmedizin ist eine Zukunftsaufgabe.“ Nach seinen Angaben findet inzwischen nur jeder zweite niedergelassene Hausarzt einen Praxisnachfolger. Längst müssten doppelt so viele Allgemeinmediziner ausgebildet werden wie derzeit, um die Lücken zu schließen.

„Wir brauchen eine längere Zeit in der Praxis“, forderte der DEGAM-Präsident. Er würdigte, dass es mittlerweile zwar ein verpflichtendes Blockpraktikum Allgemeinmedizin während des Studiums gebe, kritisierte aber, 14 Tage seien dafür zu wenig. Die DEGAM bleibt deshalb bei ihrem Vorschlag, ein Pflichtquartal Allgemeinmedizin während des Praktischen Jahrs (PJ) vorzuschreiben.

„Wir sind davon überzeugt, dass alle Studierenden davon profitieren würden“, so Gerlach. Der Vorschlag der Fachgesellschaft: Das PJ wird zukünftig in vier Quartale aufgeteilt. Drei davon sind in den Fächern Innere Medizin, Chirurgie, Allgemeinmedizin zu absolvieren, das vierte Quartal wird durch ein Wunschfach abgedeckt.

Dass Studierende während einer längeren Zeit in einer allgemeinmedizinischen Praxis eher von der Niederlassung abgeschreckt werden könnten, wie manche befürchten, glaubt Gerlach nicht: Nach den Ergebnissen einer entsprechenden Evaluation steige im Gegenteil dadurch die Zustimmung zum Fach: „Die Praxiszeit ist motivierend.“

4.700 Lehrpraxen gibt es schon –  es werden noch mehr gebraucht
Der DEGAM-Präsident ist zudem überzeugt, dass sich genügend allgemeinmedizinische Lehrpraxen finden würden, um allen ein Pflichtquartal im PJ anbieten zu können. Bislang gebe es rund 4.700 Lehrpraxen an 37 Standorten in Deutschland. Nötig seien 3.000 bis 4.000 weitere. Angesichts einer Gesamtzahl von mehr als 50.000 Praxen sei dies zu schaffen, denn man müsse diese nicht „von heute auf morgen“ finden. Die geltende Approbationsordnung sehe im Übrigen bereits vor, dass von Ende 2015 an zehn Prozent der Medizinstudierenden ein Recht darauf hätten, einen Teil des PJ in der Allgemein­medizin zu absolvieren, und ab Ende 2019 müsse dies allen ermöglicht werden.

Kongresspräsident Schneider pflichtete ihm bei: In München sei es in kurzer Zeit gelungen, das Netz der Lehrpraxen auf 200 auszudehnen. Man müsse sich engagieren, sagte Schneider.  Denn der Nachwuchs tut sich nach seinem Eindruck schwer mit der Vorstellung, sich niederzulassen: „Die meisten können sich nur schwer vorstellen, eine eigene Praxis zu managen.“

Weiterbildung: Die Fördertöpfe leeren sich
Um die Weiterbildung in der Allgemeinmedizin attraktiver zu gestalten, schlug DEGAM-Präsident Gerlach einen konsequenten Ausbau von Weiterbildungsverbünden aus Kliniken und Praxen vor sowie persönliche, verlässliche Weiterbildungsbudgets für junge Ärztinnen und Ärzte. Denn die Finanzierung der Weiterbildungszeit führt nach wie vor zu Problemen. „Wir erhalten aus vielen Gegenden Rückmeldungen, dass die Fördertöpfe leer sind“, berichtete der DEGAM-Präsident. Wurden die Mittel des Förderprogramms Allgemeinmedizin jahrelang nicht in voller Höhe abgerufen, interessieren sich jetzt in einigen Regionen offenbar mehr junge Ärzte für das Fach als angenommen.

Kooperation mit Kollegen aus Österreich und Südtirol
Beim diesjährigen Kongress wurde eine Vielzahl von Vorträgen, Workshops und Poster-Präsentationen angeboten. Die Teilnehmer befassten sich unter anderem mit neuen Erkenntnissen zu Polymedikation, Geriatrie in der Hausarztpraxis und der Kooperation von Ärzten und Pflegenden. Zentrale berufspolitische Themen waren die Reform von Aus- und Weiterbildung. Vor kurzem hat die DEGAM hierzu auch ihr Konzept „Verbundweiterbildung plus“ veröffentlicht.

Zum Münchner Kongress kamen in diesem Jahr auch Hausärztinnen und Hausärzte aus Österreich und Südtirol. Deren Fachgesellschaften, die Österreichische Gesellschaft für Allgemeinmedizin sowie die Südtiroler Gesellschaft für Allgemeinmedizin, hatten die Einladung zu einem gemeinsamen Kongress mit der DEGAM angenommen. © Rie/aerzteblatt.de

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