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Medizin

Alemtuzumab: Ehemaliges Krebsmedikament zur Behandlung der MS zugelassen

Mittwoch, 18. September 2013

London – Das frühere Krebsmedikament MabCampath, das der Hersteller Genzyme, eine Sanofi-Tochter, im letzten Jahr vom Markt genommen hat, wird als Lemtrada zur Behandlung der multiplen Sklerose wieder eingeführt. Das Krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose begrüßte die Zulassung durch die Europäische Kommission, betrachtet den Ex-MabCampath- und jetzt Lemtrada-Wirkstoff Alemtuzumab jedoch als Reservemedikament.

Normalerweise werden Medikamente vom Markt genommen, weil sie unwirksam oder gefährlich sind oder weil sich die Vermarktung für den Hersteller mangels Nachfrage nicht lohnt. Für MabCampath trafen diese Argumente nicht zu. Der 2001 eingeführte monoklonale Antikörper war sicher und effektiv und MabCampath wurde bis zum Schluss nachgefragt als alternativlose Therapieoptionen für Patienten mit chronischer lymphatischer Leukämie vom B-Zell-Typ (B-CLL), für die eine Fludarabin-Kombinations­chemotherapie unangemessen war. Die ist zwar nur eine kleine Untergruppe der schätzungsweise 3.200 Patienten, bei denen pro Jahr die Diagnose B-CLL gestellt wird. Dies hatte jedoch in der Vergangenheit die Vermarktung nicht gefährdet.

Eine Gefahr erblickte der Hersteller jedoch in der drohenden Abzweigung des Wirkstoffs für die Behandlung der multiplen Sklerose. In zwei Phase-III-Studien hatte Genzyme zeigen können, dass Alemtuzumab der Standardtherapie mit Interferon-beta überlegen ist. Die Schubrate wurde in etwa halbiert und die Patienten, die mit Alemtuzumab behandelt wurden, entwickelten fast ein Viertel weniger neue oder vergrößerte T2-Läsionen. In einer der beiden „CARE-MS-Studien“ wurde auch das Fortschreiten der Behinderungen vermindert -jeweils im Vergleich zur Standardtherapie.

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Für diesen Erfolg wurde weniger Alemtuzumab benötigt als in der Krebstherapie. Für einen Therapiezyklus der B-CLL werden laut Berechnungen der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft 1100 mg Alemtuzumab benötigt. Die Therapie der MS erfolgt einmal jährlich über anfangs fünf, im Folgejahr über drei Tage in einer Dosis von 12 mg Alemtuzumab.

Der Hersteller hat den Preis für Lemtrada zwar noch nicht bekannt gegeben. Die meisten Beobachter rechnen jedoch damit, dass er sich an den derzeitigen Therapiekosten bei der MS orientieren wird. Bezogen auf die Wirkstoffmenge wäre das ein deutlicher Preisanstieg. Die Marktrücknahme von MabCampath soll nach Ansicht von Experten verhindern, dass Ärzte künftig den Wirkstoff aus der Krebstherapie abzweigen.

In ähnlicher Weise hatten Augenärzte schnell erkannt, dass das Krebsmittel Avastin (Wirkstoff: Bevacizumab) in der Therapie von Makulaödemen ein äußerst kostengünstiger Ersatz für Lucentis mit seinem nahezu identischen Wirkstoff Ranibizumab ist.

Trotz dieser Verärgerung hat das Krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) die Einführung von Lemtrada begrüßt. Die deutschen MS-Experten rechnen allerdings nicht damit, dass Alemtuzumab allzu schnell andere Wirkstoffe verdrängen wird. Die Substanz sei zwar deutlich wirksamer als Interferon-beta, greife aber sehr nachhaltig ins Immunsystem ein, bemerkt KKNMS-Vorstandssprecher Bernhard Hemmer, Direktor der Neurologischen Klinik der Technischen Universität München.

Man werde Alemtuzumab deshalb nur dann einsetzen, wenn die sicheren Basistherapeutika versagen oder Patienten von Anfang an hochaktiv sind. Auch erschwere der langanhaltende Effekt des Präparats den Wechsel auf andere MS-Medikamente.

Es bleibt deshalb abzuwarten, ob sich die Gewinnerwartungen des Herstellers erfüllen werden. Unklar ist noch, wie und zu welchem Preis die Versorgung der B-CLL-Patienten in Zukunft sichergestellt wird. Bisher gibt es für diese Patienten ein spezielles Programm, bei dem die Ärzte das Mittel direkt beim Hersteller beantragen müssen. © rme/aerzteblatt.de

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