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Politik

Akademisierung der Gesundheits­fachberufe – wie geht es weiter?

Montag, 23. September 2013

dpa

Berlin – „Die Pflege soll nicht vom Bett wegqualifiziert werden. Es hängt viel davon ab, welche Berufsmöglichkeiten die akademisch ausgebildeten Pflegekräfte haben werden. Wenn man bereit ist, ihnen auch mehr Verantwortung zu geben und Aufgaben zu delegieren, besteht auch keine Gefahr, dass sie in irgendwelchen Nebenberufen verschwinden.“

Auf einer Veranstaltung des Wissenschaftsrats – „Gesundheitsberufe der Zukunft: Perspektiven der Akademisierung – präzisierte Hans-Jochen Heinze den Standpunkt des Ausschusses Medizin des Wissenschaftsrates, den er leitet. Vor rund einem Jahr hatte der Wissenschaftsrat seine „Empfehlungen zu hochschulischen Qualifikationen für das Gesundheitswesen“ veröffentlicht. Der dort geforderte Ausbau der akademischen Ausbildung der Gesundheitsfachberufe stieß auf viel Zustimmung, aber auch auf kritische Stimmen aus der Ärzteschaft. Die Tagung am 18. September in Berlin sollte den aktuellen Diskussionsstand aufzeigen.

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Heinze zeigte sich überrascht, dass die Reaktionen auf die Empfehlungen des Wissen­schaftsrats  vergleichsweise milde ausgefallen seien, habe es doch im Ausschuss sehr lebhafte und kontroverse Diskussionen gegeben. Letztlich habe aber Übereinstimmung darüber bestanden, dass die demografische Entwicklung, verbunden mit dem medizinischen Fortschritt, zu Versorgungsproblemen führen werde, denen man nur mit einem Ausweitung der akademischen Ausbildung der Gesundheitsfachberufe begegnen könne.

Heinze: „Wir werden zunehmend damit konfrontiert werden, sektorenübergreifend und interdisziplinär unsere Versorgung zu organisieren. Es gibt neue fachspezifische Herausforderungen, komplexe und komplizierte Apparate müssen bedient werden, Patienten müssen erzogen werden, Versorgung muss auch gesteuert werden. Wir brauchen übergreifende Qualifikationen, um diese Zusammenarbeit zu organisieren.“

Für diese komplexen Aufgaben bedürfe es akademisch geschulter Gesundheits­fachberufe, die in der Lage sind, ihr Handeln auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse zu reflektieren, den Gegebenheiten anzupassen und flexibel zu reagieren. „Wir machen hier keine komplette Abkehr vom dualen System“, betonte Heinze. Der Wissenschaftsrat empfehle eine Akademisierungsquote von zehn bis 20 Prozent eines Jahrgangs der Gesundheitsfachberufe.

Montgomery: Bedarfsorientierte Analyse notwendig
Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Frank Ulrich Montgomery, zeigte sich besorgt darüber, dass ein zu großer Teil der Gesundheitsfachberufe die Akademisierung anstreben könnte. „Es geht doch im Kern um die Frage, wie viel Akademisierung wir brauchen. Ich habe überhaupt nichts gegen eine Akademisierung der Pflege, aber man muss eine bedarfsorientierte Analyse machen - wie viel brauchen wir und was kann uns im Krankenhaus wirklich helfen.“

Montgomery befürchtet, dass die hochschulgebildeten Pflegerinnen und Pfleger nicht mehr für die normalen Pflegeaufgaben zur Verfügung stehen. „Ich als Vertreter der Gesamtärzteschaft bin nicht so sehr an der akademischen Diskussion interessiert, sondern ich habe das Problem, dass viele Ärzte in 20 Jahren Pflege brauchen. Das müssen wir erst einmal gewährleisten, und dieser Aspekt kommt mir bei der ganzen Debatte ein wenig zu kurz. Wir brauchen nicht nur die Hochqualifizierten, sondern wir brauchen auch Menschen, die pflegen.“

Sofern es sich bei der Akademisierungsdiskussion aber eher um eine Umverteilungs­diskussion handele, empfahl Montgomery der Pflege eine bessere gewerkschaftliche Organisation. Ein gewerkschaftlicher Organisationsgrad von nur rund zehn Prozent würde bei den Arbeitgebern keinen Eindruck machen. „Sie müssen dafür sorgen, dass Sie gewerkschaftlich besser aufgestellt sind. Das hilft Ihnen langfristig vielleicht mehr, als Menschen akademisch zu qualifizieren, die nicht mehr das machen, was wir im Krankenhaus brauchen.“

Für den Präsidenten des Medizinischen Fakultätentages, Heyo K. Kroemer, greift die Diskussion um die Akademisierung zu kurz. „Wir gehen stets vom bestehenden System aus und versuchen, bestehende Berufe weiterzuentwickeln, was aus meiner Sicht der Entwicklung in der Medizin überhaupt nicht gerecht wird.“ Es werde einen Bedarf an Berufen geben, die es so heute noch nicht gebe. Als Beispiel nannte Kroemer einen patientennahen Bioinformatiker.

„Wir sollten diesen Widerstreit zwischen den Pflegeberufen auf der einen Seite und der Medizin auf der anderen Seite dahingehend auflösen, dass man das System ganzheitlich betrachtet und sich ansieht, was man eigentlich braucht. Ich brauche letztendlich ein professionsübergreifendes Team, was sich in einer speziellen Frage auseinandersetzen kann mit Anforderungen, die wir heute in dieser Form nicht haben.“ © TG/aerzteblatt.de

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