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Medizin

Neonatale Hypoglykämie: Dextrose-Gel statt Intensivtherapie

Mittwoch, 25. September 2013

dpa

Auckland – Das einfache Einreiben der Wangenschleimhaut mit einem Dextrose-Gel kann bei Neugeborenen mit niedrigen Blutzuckerwerten häufig einen Aufenthalt auf der Intensivstation vermeiden, was sich in einer randomisierten Studie im Lancet (2013; doi: 10.1016/S0140-6736(13)61645-1) zudem günstig auf die Mutter-Kind-Bindung ausgewirkt hat.

Bei vielen Neugeborenen kommt es in den ersten Lebensstunden und -tagen zu einer relativen Unterzuckerung. Diese neonatale Hypoglykämie kann zu Symptomen wie Tremor, Irritabilität, Lethargie, Apnoen, Trinkschwäche, muskuläre Hypotonie, Hypothermie, schrilles Schreien oder zu zerebralen Krampfanfällen führen.

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Die Symptome können durch eine Glukosegabe schnell behoben werden, bei einigen Kindern kann es jedoch zu bleibenden zerebralen Schäden kommen, da das Gehirn auf Glukose als Nährstoff angewiesen ist. Die Grenzwerte werden international sehr unterschiedlich definiert, weshalb auch die Angaben zur Häufigkeit der neonatalen Hypoglykämie zwischen 5 und 15 Prozent schwanken (Folgeschäden sind sehr viel seltener). In Deutschland wird häufig ein Glukosegrenzwert von 36 mg/dl (2 mmol/l) in den ersten 24 Stunden (und 45 mg/dl oder 2,5 mmol/l ab der 25. Lebensstunde) genannt.

In einer Studie der Universität Auckland wurden 2,6 mmol/l unabhängig vom Zeitpunkt der Messung als Grenzwert festgelegt. Er wurde bei 242 von 514 Kindern unterschritten, wobei es sich jedoch um eine Risikogruppe handelte. Die Neugeborenen waren gefährdet, weil sie zu früh (35. oder 36. Woche) oder mit einem zu niedrigen Geburtsgewicht (unter 2500 Gramm) geboren wurden, sich nur schwer füttern ließen oder weil ihre Mutter zuckerkrank war (Typ 1- oder Typ 2- oder Gestationsdiabetes).

Die Erstmaßnahme bestand in der bukkalen Applikation eines Gels, das entweder 40 Prozent Dextrose enthielt oder zuckerfrei war. Gleichzeitig wurde die Mutter angehalten das Kind zu stillen, wenn dies nicht gelang, wurde Babynahrung zugefüttert. Der Blutzucker des Neugeborenen wurde alle 30 Minuten kontrolliert und bei einer persistierenden Hypoglykämie oder einem späteren Abfall konnte das Gel erneut appliziert werden. Wenn allerdings zwei Messungen unter dem Grenzwert lagen, wurde dies als Therapieversagen gedeutet.

Dieser primäre Endpunkt trat im Studienarm mit der Applikation des echten Dextrose-Gels bei 14 Prozent der Neugeborenen auf gegenüber 24 Prozent im Placebo-Arm. Das Team um Jane Harding von der Universität Auckland in Neuseeland errechnet ein relatives Risiko von 0,57 mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,33-0,98, was eine knapp signifikante Verminderung des Therapieversagens um 43 Prozent bedeutet.

Nur im Placebo-Arm kam es bei 3 Prozent der Kinder zu einem Abfall des Blutzuckers auf unter 0,9 mmol/l, der eine akute bedrohliche Hypoglykämie anzeigt. Die Kinder im Dextrose-Gel-Arm der Studie mussten auch seltener auf eine neonatale Intensivstation verlegt werden, sie benötigten weniger Babynahrung, und nach zwei Wochen musste nur bei 4 Prozent der Kinder zugefüttert werden gegenüber 13 Prozent im Placebo-Arm (relatives Risiko 0,34; 0,13-0,90).

Traubenzucker oder Dextrose wird seit langem als Sofortmittel gegen Unterzuckerungen von Diabetikern eingesetzt. Auch flüssige Formulierungen oder Gels sind auf dem Markt. Der Einsatz bei der neonatalen Hypoglykämie wurde in der Vergangenheit empfohlen, wird aber nach Einschätzung des Editorialisten Neil Marlow vom University College London heute nur noch selten eingesetzt, nachdem eine frühere randomisierte Studie (die allerdings niemals publiziert wurde) keinen Nutzen nachweisen konnte.

Die neue Studie könnte die einfache und kostengünstige Therapie wiederbeleben, wovon nicht nur die Mutter-Kind-Bindung profitieren würde. Auch die Krankenhäuser könnten viel Geld sparen, wenn ein Gel für wenige Euro den kostspieligen Aufenthalt auf einer neonatalen Intensivstation unnötig macht. © rme/aerzteblatt.de

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