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Politik

Depressionen: Arbeitsplatzbezogene Aspekte bei der Therapie unzureichend berücksichtigt

Mittwoch, 25. September 2013

dpa

Berlin – Viele Menschen verbringen einen großen Teil des Tages am Arbeitsplatz. Wenig verwunderlich also, dass die Arbeitsbedingungen einen großen Einfluss auf die Gesund­heit und das Wohlbefinden der Beschäftigten haben, und zwar sowohl positiven als auch negativen. Dennoch würden arbeitsplatzbezogene Aspekte in einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung oftmals nur unzureichend oder erst sehr spät berücksichtigt, kritisierte Hans-Peter Unger, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Zentrum für Seelische Gesundheit der Asklepios Klinik Hamburg-Harburg, heute in Berlin anlässlich des 10. Europäischen Depressionstages am 1. Oktober. Er steht in diesem Jahr unter dem Motto „Depression und Arbeitsplatz“.

Derzeit würden Unger zufolge in erster Linie die krankheitsbedingten Faktoren unter­sucht, dann folgten die individuellen, personenbezogenen Faktoren und erst am Ende stünden die arbeitsbezogenen Faktoren. Therapeuten müssten aber besser über die Arbeitswelt informiert sein und ihren Patienten regelmäßig arbeitsweltbezogene thera­peutische Angebote unterbreiten, forderte er. So sollte beispielsweise die Wieder­eingliederungsphase bereits am ersten Tag der Behandlung beginnen.

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„Ein geeigneter und nicht überfordernder Arbeitsplatz kann bei einer Depression stabilisieren und wie ein Antidepressivum wirken“, sagte auch Detlef Dietrich, Ärztlicher Direktor des AMEOS Klinikum Hildesheim und Repräsentant der European Depression Association (EDA) in Deutschland. Dietrich und Unger betonten dabei die große Bedeutung der Kooperation der Betriebsärzte mit niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten, aber auch mit Kliniken und Institutsambulanzen.

Depressionen: Vier Millionen Bundesbürger betroffen
Etwa vier Millionen Menschen, darunter rund zwei Millionen Arbeitnehmer, leiden in Deutschland unter Depressionen. Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen steigt kontinuierlich. So wurden im Jahr 2011 nach Angaben des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales bundesweit 59,2 Millionen Arbeits­unfähigkeitstage registriert. Psychische Störungen sind außerdem der Deutschen Rentenversicherung Bund zufolge die häufigste Ursache für krankheitsbedingte Frühberentungen.

Aber nicht nur Ärzte sind angesichts dieser Zahlen gefragt, sondern auch die Unter­nehmen. Denn am Arbeitsplatz ist das Verhalten der Führungskräfte entscheidend. Noch stehen aber viele Unternehmen dem Problem eher unvorbereitet gegenüber. Um betroffene Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu unterstützen, will die European Depression Association im Oktober einen Leitfaden mit Anregungen für den Umgang mit depressiv erkrankten Menschen am Arbeitsplatz und Präventionsmöglichkeiten herausgeben (www.european-depression-day.de).

In Vorträgen und Schulungen informiert auch die Stiftung Deutsche Depressionshilfe Führungskräfte und Gesundheitsverantwortliche in Unternehmen über die Depression und andere psychische Erkrankungen. „Durch Wissensvermittlung und die Möglichkeit, in Rollenspielen das Gespräch mit erkrankten Mitarbeitern zu trainieren, finden Führungskräfte einen besseren Zugang zum Thema psychische Erkrankungen“, sagte Christine Rummel-Kluge, Geschäftsführerin Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Langzeitsarbeitslose: Psychische Erkrankungen verhindern Vermittlung
Nicht nur im Berufsleben, sondern auch bei Langzeitarbeitslosen sind psychische Erkrankungen ein häufiges Vermittlungshemmnis. Sie werden aber oft nicht erkannt und bleiben unbehandelt. „Depressiven Menschen fällt die Arbeitssuche aufgrund der Antriebslosigkeit besonders schwer. Sie können sich auch krankheitsbedingt in Bewerbungsgesprächen oft nicht positiv darstellen“, sagte Rummel-Kluge.

Diesem Problem kann jedoch erfolgreich begegnet werden, wie Modellprojekte „Psychosoziales Coaching“ in München und Leipzig, die in Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur vor Ort durchgeführt werden, zeigen. Das Ziel sei, Langzeitarbeitslose mit psychischen Erkrankungen zu identifizieren und nach einer umfassenden Diagnostik bei entsprechender Indikation in das bestehende Versorgungssystem zu lotsen. Denn eine psychische Erkrankung könne, so Rummel-Kluge, nur dann als Vermittlungshemmnis beseitigt werden, wenn die Betroffenen eine adäquate Behandlung erhielten.

„Im Leipziger Projekt wurde festgestellt, dass rund 64 Prozent der 600 Personen, mit denen ein Erstgespräch geführt wurde, eine psychische Erkrankung hatten. Mehr als  90 Prozent der Betroffenen erhielten gar keine oder keine leitliniengerechte Behandlung. Durch das Projekt bekommen die meisten von ihnen nun eine passende Therapie“, fasste Rummel-Kluge die ersten Ergebnisse des Projektes zusammen. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bezeichnete das Modellprojekt „Psychosoziales Coaching“ als vielversprechend und will dessen bundesweite Ausweitung vorantreiben. © ank/aerzteblatt.de

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