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Politik

„Medizinisches Personal und Krankenhäuser werden bewusst angegriffen“

Freitag, 27. September 2013

Köln – Der Bürgerkrieg in Syrien gilt als eine der derzeit größten humanitären Katastrophen weltweit. Bei dem Konflikt sind laut Schätzungen bereits mehr als 100.000 Menschen ums Leben gekommen. Laut Aussagen der UN haben sich sowohl Aufständische als auch Truppen des Assad-Regimes schwere Menschenrechts­verletzungen zuschulden kommen lassen.

Auf beiden Seiten soll es zu Mord, Folter, Vergewaltigungen und Hinrichtungen gekommen sein; zusätzlich kam es in jüngerer Vergangenheit zu Angriffen mit chemischen Kampfstoffen. Laut eines UN-Berichtes gab es vor dem Ausbruch des Konfliktes in der syrischen Metropole Aleppo rund 5.000 niedergelassene Ärzte. Von denen sind heute noch 36 in der Stadt.

Fünf Fragen an Susanne Graben­horst, Ärztin für Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Mönchengladbach und Vorsitzende der deutschen Sektion der International Physicians for the Prevention of Nuclear War (IPPNW)  

DÄ: Wie viele Ärzte sind bei dem Konflikt in Syrien bisher ums Leben gekommen oder wurden verwundet?

Graben­horst: Unter den gegebenen Bedingungen ist es schwierig, Zahlen zu nennen. Eine Nichtregierungsorganisation in Damaskus, die die Opfer des Bürgerkriegs zählt, sprach im März von 120 getöteten Ärztinnen und Ärzten, Krankenschwestern und medizinischem Personal. Wir können weder die Zahlen noch die Glaubwürdigkeit und Neutralität der Quelle überprüfen. Oft spielen Opferzahlen eine Rolle in der psycholo­gischen Kriegführung. Wir als IPPNW haben zurzeit keine Sektion in Syrien, die uns verlässliche Daten liefern könnte, allerdings verschiedene zum Teil private Kontakte zu Medizinern im Land.

DÄ: Kam es nur seitens der Regierungstruppen zu Angriffen auf medizinisches Personal?
Graben­horst: Der Report des Menschenrechtsausschusses der UN vom März beschreibt, dass es auch vonseiten der Aufständischen zu Übergriffen auf medizinische Einrichtungen gekommen ist. Medizinisches Personal und Krankenhäuser würden von den verschiedenen Konfliktparteien bewusst angegriffen und behandelt wie militärische Ziele. Zudem seien Behandlungen aus ideologischen Gründen verweigert oder nur den eigenen Unterstützern gewährt worden. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen berichtet, dass Krankenhäuser als Teil der militärischen Strategien der verschiedenen Konflikt­parteien missbraucht werden.

DÄ: Wie ist es um die Neutralität der syrischen Ärzteschaft bestellt?
Graben­horst: In Kriegszeiten ist es für medizinisches Personal schwierig, der Arbeit unbeeinflusst und ohne Druck der Konfliktparteien nachzugehen. Wir hören und lesen aber immer wieder, dass sich Ärzte und Ärztinnen ohne Ansehen der Person für die bestmögliche Behandlung einsetzen.

Wir kennen zum Beispiel eine Frauenärztin und Christin, die in einer christlichen Kleinstadt lebt und praktiziert, deren Patientinnen überwiegend aus den muslimischen Dörfern des Umlands kommen. Bislang war der Ort sicher; sie konnte ihre Praxis ohne Probleme tagsüber und nachts betreiben.

Jetzt ist der Ort umkämpft, weil er als Zugang zum Alawiten-Gebiet strategisch wichtig ist. Die Ärztin betreibt jetzt aus Sicherheitsgründen ihre geburtshilfliche Praxis nur noch tagsüber, nachts müssen Schwangere und Gebärende ohne ihre ärztliche Unterstützung auskommen.

DÄ: Wie war das Gesundheitswesen vor dem Konflikt strukturiert?
Graben­horst: Die Gesundheitsversorgung war relativ gut. Syrien hatte ein kostenfreies, öffentliches Gesundheitswesen, das die Versorgung sicherstellte. Daneben gab es noch private Praxen, in denen die Honorare direkt bezahlt wurden. Jetzt ist die grundlegende medizinische Versorgung der Zivilbevölkerung nahezu unmöglich.

Schätzungen zufolge wurden 37 Prozent der syrischen Krankenhäuser zerstört und weitere 20 Prozent schwer beschädigt. Man hat Behelfskliniken eingerichtet, die versuchen, dem Ansturm von Verletzen und Kranken Herr zu werden. Doch sie sind schlecht ausgestattet.

Es fehlt an Medikamenten und Schmerzmitteln, die Erstversorgung von Verletzten muss Berichten nach häufig ohne Anästhesie vorgenommen werden. Viele Verletzungen können nicht fachgerecht behandelt werden, was die Rate von Todesfällen und bleibenden Behinderungen erhöht.

DÄ: Was kann die internationale Gemeinschaft tun, um die Ärzte in Syrien besser zu schützen und die medizinische Versorgung sicherzustellen?
Graben­horst: Für eine gute medizinische Versorgung ist vor allem ein Ende der Kämpfe erforderlich. Deshalb muss die internationale Gemeinschaft alles daran setzen, die militärische Austragung des Konfliktes zu beenden und Verhandlungen einzufordern. Die geplante Chemiewaffenabrüstung eröffnet dafür die Chance.

Alle Staaten, auch Deutschland, sind aufgefordert, auf ihre jeweiligen Verbündeten und Gesprächspartner einzuwirken, um Gespräche ohne Vorbedingungen zu ermöglichen. Zudem dürfen keine weiteren Waffen nach Syrien geliefert werden. Auch Deutschland sollte jegliche Rüstungsexporte in die Region beenden. Welch verhängnisvolle Folgen die Lieferung von sogenannten Dual-Use-Gütern wie den Komponenten des Giftgases Sarin nach Syrien möglicherweise hatten, zeigt wie wichtig es ist, derartige Exporte zu verhindern.

Außerdem würden wir uns von der Bundesregierung angesichts von Millionen von Binnenflüchtlingen eine stärkere Unterstützung der internationalen Hilfsorganisationen wünschen, die direkt im Land arbeiten. Und natürlich ist es ein Gebot der Humanität, auch bei uns in Deutschland mehr syrische Flüchtlinge aufzunehmen. © Ol/aerzteblatt.de

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