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Politik

Deutscher Ethikrat: Kriterien für die Verteilung von Organen brauchen gesellschaftliche Legitimation

Dienstag, 1. Oktober 2013

Sitzungsaal des Ethikrates

Berlin – Der Deutsche Ethikrat möchte die politische und gesellschaftliche Diskussion darüber anstoßen, die ethischen Werte der Organverteilung klar zu benennen, zu gewichten und den Richtlinien für die Aufnahme auf die Warteliste und die Zuteilung von Organen eine Basis zu geben, die auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens beruht. Das ist bei einer öffentlichen Sitzung des Deutschen Ethikrates Ende letzter Woche in Berlin deutlich geworden.

Durch das Transplantationsgesetz hat die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) die Richtlinien­kompetenz erhalten ohne Vorgaben, wie Kriterien zu gewichten sind. Im Gesetz heißt es dazu, die Regeln hätten dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft zu entsprechen und für die Vermittlung seien insbesondere Erfolgsaussicht und Dringlichkeit zu berücksichtigen (§ 12 Absatz 3). Die Bundes­ärzte­kammer stelle den Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft in Richtlinien fest (§16 Abs.1 TPG).

Thorsten Kingreen

„Unterkomplex“ nannte Thorsten Kingreen von der Universität Regensburg diese Gesetzesformulierung. Es sei offensichtlich, dass Organverteilungsregeln nicht nur medizinische Aspekte hätten, sondern auch ethische, juristische, politische und ökonomische. „Das Gesetz impliziert: ‚Mehr ist das nicht als Medizin’, und das ist ein kategorischer Fehler, den man beseitigen muss“, sagte Kingreen, der als  Experte für Öffentliches Recht und Sozialrecht zur Sitzung des Ethikrates eingeladen worden war.

„Bei der Frage, wer soll auf die Warteliste für ein Organ kommen und wer soll die zur Verfügung stehenden Organe dann erhalten, werden in erster Linie ethische Entscheidungen getroffen“, sagte die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Christiane Woopen von der Universität Köln dem Deutschen Ärzteblatt: „Es wird gewichtet: Wer soll Vorrang haben? Soll die Dringlichkeit am stärksten ins Gewicht fallen bei einer Übertragung lebenserhaltender Organe und welche Bedeutung soll die Erfolgsaussicht haben, die häufig konträr zur Dringlichkeit ist? Möchten wir Erfolgsaussichten über die Prognose des Patienten definieren oder über das voraussichtliche Überleben des Organs?“

Das seien keine medizinischen Fragestellungen, sondern ethische. Von der Medizin könne es Antworten darauf geben, mit welchen Mitteln, also mit welchen labormedizinischen oder anderen Bewertungs-Scores, sich die Kriterien am besten berücksichtigen ließen. „Die nötige Kombination mehrerer Kriterien für die gerechte Zuteilung von Organen muss in einer intensiven öffentlichen Debatte bestimmt, gewichtet und dann vom Gesetzgeber festgelegt werden“, resümierte Woopen die Diskussion beim Ethikrat.

„Die Richtlinienerstellung ist transparent“ 
Der Vorsitzende der Ständigen Kommission Organtransplantation bei der BÄK,  Hans Lilie von der Universität Halle, wies daraufhin, dass es schon jetzt die Möglichkeit gebe, Richtlinien und Änderungsvorschläge über die Homepage der BÄK zu kommentieren und Alternativen einzubringen. „Wir beschäftigen uns mit jeder Stellungnahme, die wir erhalten, aber es kommen vergleichsweise wenig Änderungsvorschläge“, sagte Lilie. Das Verfahren sei absolut transparent. „Ich würde es begrüßen, wenn wir zum Beispiel über eine Rechtsverordnung des Bundesministeriums für Gesundheit eine Konkretisierung für die Kriterien bekämen, die wir dann ausführen würden.“

Hans Lilie

Die BÄK hatte in der Vergangenheit mehrfach darauf hingewiesen, dass sich Erfolgsaussicht und Dringlichkeit kaum  gleichermaßen berücksichtigen lassen, weil die Langzeitprognose häufig umso schlechter ist, je dringlicher ein Patient ein Organ benötigt. Aus Patientensicht seien schärfere Konturierungen „janusköpfig“, weil jede Regelungsstrategie bestimmte Patientengruppen benachteilige, sagte Lilie.

Warten, bis die Nieren versagen?
Diese Sicht bestätigte die Patientenvertreterin Jutta Riemer, Vorsitzende des Vereins Lebetransplantierter, an einem Beispiel. Ein Mitglied des Vereins hatte vor 15 Jahren eine Leber erhalten, als die über den MELD-Score (Model of Endstage Liver Disease) bestimmte Dringlichkeit noch kein so starkes Gewicht hatte wie heute, und die Wartezeit mit berücksichtigt wurde. Nun stehe eine Retransplantation an, sagte Riemer, und der Patient müsse jetzt möglicherweise so lange warten, bis auch die Nieren noch versagten und ein sehr hoher MELD-Wert erreicht sei.

Andererseits gebe es Patienten, die noch beim höchsten MELD-Wert von 40 erfolgreich hätten lebertransplantiert werden können und viele Jahre nach der Operation eine gute Lebensqualität hätten. „Keine Veränderung der Allokationsregeln bringt ein neues Organ“, sagte Riemer. Ein wichtiger Versorgungsauftrag sei in diesem Zusammenhang, Retransplantationen zu vermeiden.      

Der Transplantationschirurg Dirk Ludger Stippel von der Universitätsklinik Köln plädierte dafür, klare Unter- und Obergrenzen für eine Zuteilung von Lebern auf Basis des MELD-Scores festzulegen. Erst ab einem MELD von 20 (Score 6 – 40) gebe es einen sicheren Vorteil für den Patienten, die Implantation von Spenderlebern mit deutlichen Vorschäden reduziere den Überlebensvorteil für Patienten mit vergleichsweise niedrigem MELD-Score.

Dirk Stippel

Stippel sprach sich dafür aus, die Erfolgsaussicht stärker zu gewichten als bisher. Das bedeute im Ernstfall auch, dass man einem Patienten sagen müsse, dass die Gesellschaft ab einem bestimmten MELD-Wert eine „Transplantation nicht mehr mittrage“.

Der Ethikrat erwägt nach Aussage von Woopen, das Thema Verteilungsgerechtigkeit zum Gegenstand einer größeren Stellungnahme zu machen. © nsi/aerzteblatt.de

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