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Medizin

Fluglärm als Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko

Mittwoch, 9. Oktober 2013

dpa

Boston – Fluglärm stresst die Anwohner und steigert deren Blutdruck. Die Folge ist eine erhöhte Rate von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie zwei Studien im Britischen Ärzteblatt (BMJ) für US-Flughäfen und London Heathrow zeigen. Sie bestätigen jüngst für deutsche Flughäfen publizierte Ergebnisse.

Lärm ist nicht nur lästig, weil er die Psyche stresst und den Schlaf stört. In den letzten Jahren haben verschiedene Studien auf mögliche physische Auswirkungen hingewiesen, die biologisch plausibel über eine lärminduzierte Aktivierung des sympathischen Nerven­systems erklärt werden können. So kam die von der EU geförderte HYENA-Studie (Hypertension and Exposure to Noise near Airports) zu dem Ergebnis, dass Fluglärm den Blutdruck steigert und den nächtlichen Blutdruckabfall (dip) vermindert.

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In der Nähe einiger (aber nicht aller untersuchter) europäischer Flughäfen waren die Verordnungen von Antihypertensiva erhöht. Da die Hypertonie ein wichtiger kardio­vaskulärer Risikofaktor ist, liegt die Vermutung nahe, dass Menschen mit einer erhöhten Lärmexposition häufiger an Herzinfarkt, Schlaganfall und anderen Bluthochdruckfolgen leiden.

Als erste hatten Sozial- und Präventivmediziner der Universität Bern in einer landesweiten Studie nachgewiesen, dass Anwohner von Flughäfen ein um 30 Prozent erhöhtes Herzinfarktrisiko haben. Es war um 50 Prozent erhöht, wenn sie länger als 15 Jahre in der Nähe eines Flughafens gewohnt hatten. Besonders gefährdet waren Personen, die in alten, schlecht lärmisolierten Häusern wohnten (Epidemiology 2010; 21: 829-36).

Eberhard Greiser von der Universität Bremen prognostizierte in Gesundheitswesen (2013; 75: 127-133), dass der Fluglärm im Umfeld des Flughafens Frankfurt im Zeitraum 2012-2021 zu 23.400 zusätzlichen lärmbedingten Erkrankungen - darunter 3400 Todesfällen - führen wird. Die dadurch entstehenden Krankheitskosten würden 1,5 Milliarden Euro übersteigen, heißt es in der Publikation. Ähnliche Schätzungen wurden auch zum Flughafen Köln-Bonn abgegeben.

Die wohl umfassendste Studie legen jetzt Epidemiologen der Harvard School of Public Health in Boston vor. Das Team um Francesca Dominici hat die Daten von mehr als 6 Millionen Begünstigten der staatlichen Gesundheitsversorgung für Senioren Medicare mit deren Wohnortnähe zu 89 US-Flughäfen und den dort von einer Behörde gemessenen Lärmexpositionen in Beziehung gesetzt.

Sie fanden einen statistisch signifikanten und dosisabhängigen Anstieg der Hospitali­sierungsrate mit der Lärmbelastung. Pro 10 Dezibel stieg die Morbidität um 3,5 Prozent (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,2-7 Prozent). Dominici schätzt, dass 2,3 Prozent aller Hospitalisierungen von älteren Menschen in der Nähe von Flughäfen lärmbedingt sind. Betroffen wären übrigens 15 Prozent der Bevölkerung, weil sich auch in den USA viele Flughäfen in der Nähe von Wohnsiedlungen befinden (BMJ 2013; 347: f5561).

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt das Team um Paul Elliott vom Imperial College London in einer Studie zum Fluglärm des Flughafens Heathrow im Südwesten der britischen Metropole. Die Flugzeuge starten und landen dort in Ost-West-Richtung, so dass neben ländlichen Regionen auch einige der südlichen Stadtteile Londons lärmexponiert sind – und dies auch nachts, da der verkehrsreichste Flughafens Europas einen 24-Stunden-Betrieb hat.

Insgesamt 3,6 Millionen Menschen sind lärmexponiert (weshalb der Londoner Bürgermeister den Airport am liebsten verlegen würde, wozu aber eine parlamentarische Mehrheit fehlt). Die am meisten lärmexponierten Anwohner haben laut der Analyse nicht nur ein um 21 Prozent erhöhtes Herzinfarktrisiko. Elliot kann auch eine um 24 Prozent erhöhte Rate von Schlaganfällen nachweisen. Auch die Sterblichkeit an Herzinfarkt und Schlaganfall war signifikant erhöht (BMJ 2013; 347: f5432).

Das größte Manko aller bisherigen Studien ist, dass sie ihre Daten retrospektiv aufgearbeitet haben. Diese Untersuchungen sind notorisch anfällig für Verzerrungen (Bias). So ist es durchaus möglich, dass sozial und damit oft auch medizinisch benachteiligte Menschen bevorzugt in der Nähe von Flughäfen wohnen, weil sie sich einen Umzug nicht leisten können. Ein höhere Prävalenz von Rauchern und anderen ungesunden Verhaltensweisen in diesen sozialen Schichten könnte die erhöhte Herzinfarktrate erklären. Die beiden aktuellen Studien haben jedoch versucht, diese Bias mit statistischen Mitteln auszuschließen.

Eine andere mögliche Verzerrung ergibt sich aus der in Flughafennähe erhöhten Luftverschmutzung (durch Flugzeuge und den Fahrzeugverkehr auf den Zubringer­straßen). Auch hier haben Dominici und Elliott statistisch korrigiert. Dennoch trifft der Einwand von Stephen Stansfeld vom Wolfson Institute of Preventive Medicine in London zu, der einen endgültigen Beweis von prospektiven Studien abhängig macht (die ein höheres Evidenzniveau als retrospektive Studien haben, aber auch nicht frei von Bias sind). Stansfeld ist jedoch auch der Überzeugung, dass die bisherigen epidemio­logischen Hinweise von Städteplanern ernst genommen werden sollten. © rme/aerzteblatt.de

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