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Angeklagter im Transplantations­prozess: „Schickalshaft tödlicher Verlauf“

Mittwoch, 9. Oktober 2013

dpa

Göttingen – Im Strafverfahren gegen einen 46jährigen Transplantationschirurgen stehen in dieser Woche die so genannten Indikationsfälle im Mittelpunkt. Der Vorwurf: Drei Patienten soll der Chirurg Lebern transplantiert haben, obwohl zum Zeitpunkt der Operation die Indikation nicht gegeben gewesen sei und die Risiken den Nutzen für die Organempfänger überwogen haben soll. Die Patienten starben postoperativ. Von einem „schicksalhaften Verlauf“ sprach der Angeklagte, der am neunten Verhandlungstag wie bei den vorangegangenen Prozessterminen ausführlich Stellung nahm. Um „Körperverletzung mit Todesfolge“ handele es sich, meint die Staatsanwaltschaft.

Alle drei Patienten litten an einer durch früheren Alkoholkonsum mit verursachten Leberzirrhose, waren aber in stabilem Zustand unter ambulanter Versorgung und hatten zum Zeitpunkt der Operation MELD-Werte (Model of Endstage Liver Disease) von maximal 9. Der MELD-Score zeigt die Dringlichkeit einer Transplantation an auf einer Skala von 6 bis 40 mit dem höchsten Wert als Indikator für die schlechteste Leberfunktion. Alle Patienten waren vor ihrem 60. Lebensjahr postoperativ gestorben..

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Dem Verhandlungsverlauf zufolge stellen sich dem Gericht in diesen Fällen offenbar zwei Kernfragen: Waren die Transplantationen indiziert und wurden die Patienten über ihre Risiken adäquat aufgeklärt? Für die Beantwortung setzt die VI. Große Strafkammer des Landgerichts teilweise auf einen Expertendialog: zwischen dem Angeklagten und Sachverständigen.

So war ein Chirurg aus der so genannten „Rothmund“-Kommission eingeladen, ein Gremium, das die Universitätsklinik Göttingen um Untersuchung der Fälle gebeten hatte. Der Arzt vermisste ebenso wie zwei weitere als Sachverständige geladene Chirurgen schriftliche Protokolle der Transplantationskonferenzen, in denen die Entscheidung zur Aufnahme auf die Warteliste und zur Transplantation der Patienten getroffen wurde.

Auch klinikinterne Dokumente darüber fehlten, aus welchen Gründen von Eurotransplant gezielt für bestimmte Kranke angebotene Organe für diese Patienten abgelehnt wurden und dann als so genannte Zentrumsangebote in Göttingen blieben. Der Angeklagte, der zwischen 2008 und 2011 für das Transplantationsprogramm der Universitätsklinik Göttingen verantwortlich war, konnte dann, wie in solchen Situationen üblich, direkt Einfluss auf die Zuteilung nehmen.     

Sachverständiger: Transplantation war das größte Risiko
Die dreiköpfige „Rothmund“-Kommission habe bei den drei vom Gericht verhandelten Indikationsfällen keine Lebertransplantation angezeigt gesehen, so der Sachverständige: „Die Transplantation war das größte Risiko. Im Allgemeinen sehen wir erst ab einem MELD-Wert von etwa 14 einen Vorteil der Transplantation für die Patienten.“ Die Krankheitskonstellationen, in denen eine Transplantation auch bei niedrigem MELD-Wert indiziert sein könnte, hätten nicht vorgelegen.

Andere, wenig invasive Verfahren wie der transjuguläre intrahepatische Stentshunt (TIPS) seien zum Beispiel für einen Patienten mit Pfortaderthrombose und Aszites die adäquate Therapie gewesen, nicht aber die Lebertransplantation, zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt. „Man hätte auch später nach TIPS noch transplantieren können“, sagte der Arzt. Pfortaderthrombosen wie die bei einer 54jährigen Patientin mit einer über viele Jahre konstant stabilen Leberfunktion und einem MELD zwischen 6 und 8 seien ein zusätzliches Risiko für die Transplantation gewesen. Der Angeklagte sprach dagegen von „vertretbaren und verantwortbaren“ Transplantationen mit nachfolgend „schicksalhaftem Verlauf“.

Organ als Geschenk, das man nicht ablehnen kann
Eine von drei Nebenklägern, die Witwe eines 57 Jahre alt gewordenen Mannes, machte deutlich, wie schwierig es für Patienten sein kann, eine Transplantation abzulehnen, wenn sie einmal eingewilligt haben, zum Zeitpunkt des Organangebotes aber meinen, es sei eigentlich zu früh für die Operation. Der Ehemann hatte einen MELD von 8, war zur Zeit der Transplantation voll arbeitsfähig, seine Leberfunktion stabil. Man habe das Angebot, auf die Warteliste zu kommen, ein Jahr früher vorsorglich angenommen in der Vorstellung, „irgendwann, wenn eine Verschlechterung eintritt, steht man dann weiter oben auf der Liste und hat diese Option“, sagte die Nebenklägerin.

„Als das Organ angeboten wurde, meinten wir, man kann nicht ablehnen. Wir dachten, das ist eine von Eurotransplant speziell für meinen Mann bestimmte, passende Leber, ein Geschenk. Wir haben den Ärzten und dem System vertraut.“ Erst in den Verfahrensakten habe sie gesehen, so die Witwe, dass es sich um ein Zentrumsangebot gehandelt habe. Der Spender war dem Angeklagten zu Folge 74 Jahre alt, das Organ hatte ein mittleres Risiko.

Die Aufklärung kurz vor Transplantation erfolgte in allgemeiner Form, berichtete ein als Zeuge geladener Arzt, der den Patienten am Tag des Organangebotes noch einmal aufgeklärt hatte. Er war in Weiterbildung auf einer anderen Station und hatte Bereitschaftsdienst in der Abteilung Transplantationschirurgie. Es sei weder seine Aufgabe gewesen, die Indikation zu prüfen, noch genauere Angaben zum Organ zu machen. „Man sagt: Das Organ ist transplantabel, ohne Abstufungen oder Angaben zu Alter und Geschlecht des Spenders.“ Der Angeklagte ergänzte, er habe im Operationssaal mit Patienten über die Qualität der Spenderorgane gesprochen.

Welche Bedeutung eine antizipierte Einwilligung hat in dem Moment, in dem eine Transplantation aktuell möglich ist und über ein konkretes Organ entschieden werden muss, vor allem, wenn der Patient ansprechbar und nicht lebensbedrohlich gefährdet ist, dürfte eine Fragestellung sein, die über den Prozess hinaus für die Transplantationsmedizin interessant ist, kommentiert ein Experte, der nicht am Verfahren beteiligt ist. © nsi/aerzteblatt.de

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