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Politik

„Die sektoren­übergreifende Qualitätssicherung ist keineswegs am Ende, sie muss sich aber neu aufstellen.“

Freitag, 11. Oktober 2013

Köln – Regina Klakow-Franck, unparteiisches Mitglied des Gemeinsamen Bundesaus­schusses (G-BA), ist optimistisch, was die Umsetzung der ambulanten spezialfach­ärztlichen Versorgung (ASV) anbelangt. Vor der Qualitätssicherungskonferenz des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA), die am 14./15. Oktober in Berlin stattfindet, zeigt sie die Perspektiven der sektorenübergreifenden Qualitätssicherung  (SQS) auf.

5 Fragen an Dr. med. Regina Klakow-Franck, unparteiisches Mitglied des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses

DÄ: Wie geht es bei der Regelung der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) voran?

Klakow-Franck: Der im März 2013 beschlossene allgemeine Paragrafenteil der ASV-Richtlinie kann erst durch das Inkrafttreten einer diagnosespezifischen Konkretisierung in der Versorgung wirksam werden. Deshalb sind ebenfalls im März Eckpunkte zur Überarbeitung der Anlagen beschlossen und seither kontinuierlich umgesetzt worden. Im Dezember werden dann die ersten Konkre­tisierungen im Plenum verabschiedet, so dass der neue Versorgungsbereich im Frühjahr 2014 starten kann.

DÄ: Von Anfang an stand das Problem der Mengenausweitung im Raum. Wie wird der Gemeinsame Bundes­aus­schuss konkret bei den einzelnen Krankheitsbildern, die nun in Angriff genommen werden damit umgehen?
Klakow-Franck: Die diagnosespezifischen Anlagen beinhalten eine jeweils ab­schließende Beschreibung des Behandlungsumfangs, auch was den Einschluss von neuen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden anbelangt, die nicht Bestandteil der vertragsärztlichen Versorgung sind. Außerdem wird in den Anlagen jeweils geregelt, welche Patientinnen und Patienten mit welchen ICD-Diagnosen in die ASV einge­schlossen werden können und für welche Diagnosen gegebenenfalls mindestens  weitere Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit das Zugangskriterium „schwere Verlaufsform“ gegeben ist. Die Ausgabenentwicklung bei den ärztlichen Leistungen im Rahmen der ASV halte ich für beherrschbar.

Sollte dennoch eine Mengendynamik zu beobachten sein, die sich nicht medizinisch erklären lässt, ermöglicht das schrittweise Vorgehen des G-BA, im Sinne eines lernenden Systems gezielt nachzusteuern. In der jetzigen Frühphase der ASV-Implementierung sollten wir nicht nur daran denken, keine etwaigen ökonomischen Fehlanreize zu setzen, sondern vielmehr Interesse für diesen neuen und erstmals sektorenübergreifenden Versorgungsbereich zu wecken.

DÄ: Wie sind die medizinischen Fachgesellschaften oder Berufsverbände in die jeweiligen Konkretisierungen bei der ASV eingebunden?
Klakow-Franck: Zu den Stellungnahmeberechtigten im Zusammenhang mit Richtlinien nach § 116b SGB V zählen die Bundes­ärzte­kammer, die Bundespsychothera­­peuten­kammer, die Bundeszahnärztekammer sowie der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, nicht jedoch die medizinischen Fachgesellschaften und ärztlichen Berufsverbände. Bei zahlreichen Veranstaltungen zum Thema ASV hat jedoch ein intensiver öffentlicher Diskurs über das Pro und Contra des neuen Versorgungsbereichs stattgefunden, der den Vertretern medizinischer Fachgesellschaften und ärztlicher Berufsverbände Gelegenheit gegeben hat, sich aktiv an der Meinungsbildung zu beteiligen und konkrete Hinweise für die Umsetzung der ASV beizusteuern.

DÄ: Inzwischen ist ja klar, dass es bei der sektorenübergreifenden Qualitätssicherung (SQS) nicht zu einer Vollerhebung der Daten kommen wird. Wie geht es nun mit der SQS und dem AQUA-Institut weiter?
Klakow-Franck: Der Unterausschuss Qualitätssicherung des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses hat aktuell ein Eckpunktepapier mit Handlungsempfehlungen zur sektorenübergreifenden Weiterentwicklung der Qualitätssicherung beschlossen, das auf der Webseite des G-BA veröffentlicht ist. In den vergangenen Jahren mussten wir feststellen, dass die sektorenübergreifende Qualitätssicherung die Defizite einer sektoral zergliederten Versorgung nicht heilen kann, sondern selbst an dieser Abschottung krankt.

Deshalb ist die sektorenübergreifende Qualitätssicherung aber keineswegs am Ende, sie muss sich allerdings neu aufstellen. Zur strategischen Neuausrichtung zählt unter anderem, dass alle Beteiligten sich zunächst auf die Entwicklung von QS-Verfahren für sektorengleiche Leistungen konzentrieren, die in gleicher Weise von Krankenhäusern und Vertragsärztinnen und -ärzten erbracht werden, zum Beispiel arthroskopische Eingriffe am Kniegelenk oder aber auch die Koronarangiographie und perkutane Koronarintervention.

Das Follow up dieser Patientinnen und Patienten wird bevorzugt auf Basis von soge­nannten Routinedaten aufbauen, womit im engeren Sinne die bei den Krankenkassen vorhandenen Sozialdaten gemeint sind. Diese Vorgehensweise trägt gleichzeitig zu der von allen Seiten geforderten Dokumentationsentlastung bei.

Um die sektoren­übergreifend verzahnte Qualitätssicherung zu ermöglichen, zum Beispiel bei Patienten mit kolorektalem Karzinom von der Früherkennung bis zur Nachsorge, arbeiten wir gemeinsam mit dem AQUA-Institut intensiv an Lösungen, die eine Identifizierung des QS-Falls über die Sektorengrenzen hinweg mit vergleichbarer Sensitivität und Spezifität erlauben. Im Moment sind für die Langzeitnachverfolgung eines QS-Falls noch zu viele Filterfragen offen, die alle einer tragfähigen Lösung bedürfen.

DÄ: Was steht bezüglich der Qualitätssicherung perspektivisch beim Gemeinsamen Bundes­aus­schuss noch auf der Agenda?
Klakow-Franck: Neben dem Vorantreiben der sektorenübergreifenden Qualitäts­sicherung wird ein weiterer Schwerpunkt der QS-Maßnahmen künftig der Ausbau von Mindestanforderungen an die Struktur- und Prozessqualität sein, beispielhaft sei auf die bereits beschlossene Neufassung der QS-Richtlinie zur Versorgung von Früh- und Reifgeborenen (QFR-RL) hingewiesen. Als neues Qualitätsmerkmal wird außerdem die Indikationsqualität stärker in den Mittelpunkt rücken. Parallel soll zudem kontinuierlich die Transparenz über die erreichte Versorgungsqualität erhöht werden. Im künftig jährlich zu veröffentlichenden strukturierten Qualitätsbericht der Krankenhäuser werden ab dem Jahr 2012 bereits 289 Qualitätsindikatoren veröffentlicht, im Jahr 2008 waren es lediglich 26.

Was die Versorgung von Frühgeborenen anbelangt, wurde eigens eine Internetplattform entwickelt, an die im kommenden Jahr alle Perinatalzentren verpflichtend Daten liefern müssen. Der G-BA steigert die Vergleichbarkeit und Validität seiner Aussagen über die Versorgungsqualität durch konsequente Weiterentwicklung der Risikoadjustierung der Indikatoren, und auch durch Fortentwicklung des strukturierten Dialogs.

Die Risikoadjustierung wäre im Übrigen eine zwingende Voraussetzung, sollte in der neuen Legislaturperiode tatsächlich eine Kopplung von Teilen der Krankenhaus­vergütung an die erzielte Behandlungsqualität eingeführt werden. Darüber hinaus befasst sich der G-BA mit der Weiterentwicklung des Qualitätsmanagements, um der Förderung eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses wieder mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Denn mit Qualitätsmessung allein kann keine nachhaltige Qualitäts­entwicklung erzielt werden. © TG/aerzteblatt.de

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