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Medizin

Psychotherapie hilft bei Magersucht

Dienstag, 15. Oktober 2013

dpa

Tübingen/Heidelberg – Erwachsene magersüchtige Patientinnen, die nicht zu schwer erkrankt sind, können mit psychotherapeutischer Behandlung erfolgreich ambulant behandelt werden. Auch nach Therapieende nehmen sie weiterhin deutlich an Gewicht zu. Allerdings kann einem Viertel der Patientinnen nicht schnell geholfen werden.

Das hat die weltweit größte Therapiestudie zur Magersucht, die sogenannte ANTOP-Studie („Anorexia Nervosa Treatment of Out Patients“) ergeben. An dieser Studie beteiligten sich zehn deutsche universitäre Ess-Störungszentren unter Federführung der Abteilungen für Psychosomatische Medizin der Universitätskliniken Tübingen und Heidelberg. Die Studie ist jetzt in der Zeitschrift Lancet erschienen (http://dx.doi.org/10.1016/ S0140-6736(13)61746-8).

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Psychotherapie ist als Therapie der Wahl der Magersucht anerkannt und wird in Deutschland als Leistung der Krankenkassen bezahlt. Allerdings fehlten bislang große klinische Studien, die die Wirksamkeit verschiedener Therapieverfahren vergleichend untersuchten. „Im Langzeitverlauf führt die Magersucht in bis zu 20 Prozent zum Tode – damit ist sie die gefährlichste  aller psychischen Erkrankungen. Betroffene leiden zudem oft ihr ganzes Leben lang unter psychischen oder körperlichen Folgen der Magersucht“, erklärte Stephan Zipfel, Direktor der Klinik Innere Medizin VI - Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsklinik Tübingen.

„Gut kontrollierte, klinische Studien mit hoher Aussagekraft sind vor allem im ambulanten Bereich selten und bereiten große Probleme“, sagte Wolfgang Herzog, Direktor der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik der Universitätsklinik Heidelberg.

An Magersucht leiden etwa ein Prozent der Bevölkerung; betroffen sind fast ausschließ­lich Mädchen oder junge Frauen. Die Betroffenen haben große Angst vor einer Gewichts­zunahme; zudem liegt eine gestörte Wahrnehmung der eigenen Figur vor. Oft leiden sie unter weiteren psychischen Störungen wie Depression, Angst- und Zwangs­störungen.

Die ANTOP-Studie, bei der 242 erwachsene Patientinnen 22 Monate (zehn Monate Therapie, zwölf Monate Nachbeobachtung) begleitet wurden, lässt nun erstmals wissenschaftliche Schlussfolgerungen über die Wirksamkeit verschiedener Psycho­therapien zu.

Bei drei Gruppen von 82 beziehungsweise je 80 Patientinnen kam jeweils ein anderes ambulantes Psychotherapieverfahren zum Einsatz. Dabei handelte es sich um zwei neue psychotherapeutische Verfahren, die speziell für die ambulante Behandlung dieser Erkrankung entwickelt worden waren, und eine optimierte Form der derzeit praktizierten Standard-Psychotherapie. Für die spezifischen Therapien wurden gemeinsam mit internationalen Ess-Störungsexperten Behandlungsmanuale entwickelt. Sie umfassten 40 ambulante Einzelsitzungen über einen Zeitraum von zehn Monaten.

Drei Psychotherapieverfahren angewandt
Bei allen 242 Patientinnen führten speziell ausgebildete Psychotherapeuten die Therapien mit den Patientinnen durch. Verglichen wurden drei Psychotherapieverfahren: Die fokale psychodynamische Psychotherapie bearbeitet in Therapiesitzungen die ungünstige Gestaltung von Beziehungen sowie Beeinträchtigungen bei der Verarbeitung von Emotionen.

Die kognitive Verhaltenstherapie hat zwei Schwerpunkte: Die Normalisierung des Essverhaltens und Gewichtssteigerung sowie die Bearbeitung mit der Ess-Störung verbundener Problembereiche, zum Beispiel Defizite bei sozialer Kompetenz oder bei der Fähigkeit, Probleme zu lösen. 

Die Standard-Psychotherapie wurde als optimierte Regelversorgung von erfahrenen Psychotherapeuten durchgeführt, die sich die Patientinnen selber aussuchen konnten.

Die Hausärzte der Patientinnen waren über die Therapie informiert und in die Behandlungen eingebunden. Sie untersuchten die Patientinnen mindest einmal pro Monat.

Rund ein Drittel der Patientinnen musste wegen schlechten Gesundheitszustands vorübergehend stationär aufgenommen werden; etwa ein Viertel der Patientinnen nahmen nicht bis zum Ende an der Behandlung teil.

Die magersüchtigen Patientinnen in allen drei Gruppen hatten nach Therapie-Ende und einem weiteren Jahr Nachbeobachtung deutlich an Gewicht zugenommen. Ihr BMI hatte durchschnittlich um 1.4 BMI Punkte (entspricht durchschnittlich 3,8 kg) zugelegt. „Insgesamt zeigten die beiden neuen Therapieformen im Vergleich mit der optimierten Standardtherapie Vorteile“, so Zipfel.

„Am Ende unserer Studie war die fokale psychodynamische Therapie am erfolgreichsten; die spezifische kognitive Verhaltenstherapie führte dem gegenüber zu einer schnelleren Gewichtszunahme.“  Außerdem mussten die psychodynamisch behandelten Patientinnen seltener zusätzlich stationär behandelt werden. Die Akzeptanz der beiden neuen Psychotherapien war bei den Patientinnen sehr hoch. Dennoch litt auch ein Jahr nach Ende der Therapie rund ein Viertel der Patientinnen immer noch unter dem Vollbild der Magersucht.

„Erwachsene Patientinnen haben durch die spezifischen Therapien eine realistische Chance auf eine Heilung oder nachhaltige Besserung. Es bleiben aber große Herausforderungen für die Prävention und die frühe Behandlung der Magersucht bestehen“, so das Fazit der Wissenschaftler.  © hil/aerzteblatt.de

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