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Medizin

Europäische Großstadtluft stört intrauterines Wachstum

Dienstag, 15. Oktober 2013

Smog über Griechenlands Hauptstadt Athen dpa

Kopenhagen/Barcelona – Neun von zehn Stadtbewohnern in der Europäischen Union sind dem heute veröffentlichten Report der Europäischen Umweltagentur (EUA) zufolge Luftschadstoffen in Konzentrationen ausgesetzt, die von der Weltgesundheits­orga­nisation (WHO) als gesundheitsschädlich eingestuft werden. Darunter leidet laut einer Studie in Lancet Respiratory Medicine (2013; doi: 10.1016/S2213-2600(13)70192-9) auch die vorgeburtliche Entwicklung von Kindern.

Der Londoner Smog gehört der Geschichte an und die Luftqualität in den europäischen Metropolen ist weitaus besser als in Peking oder Singapur, auch wenn in einigen Städten Osteuropas die hohe Schadstoffbelastung in der Luft durchaus spürbar ist. Doch selbst in westeuropäischen Städten liegen die Feinstaub- oder Ozonwerte trotz Umweltzonen häufig über den Grenzwerten, die auf Dauer Gesundheitsschäden auslösen können.

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Zwar sind laut dem EUA-Report die Schadstoffkonzentrationen im letzen Jahrzehnt deutlich gesunken. Die Schwefeldioxidkonzentration beispielsweise fiel um 50 Prozent. Dennoch waren zwischen 2009 und 2011 bis zu 96 Prozent der Stadtbewohner in Europa Feinstaubkonzentrationen (PM 2,5) über den WHO-Richtlinien ausgesetzt. Bei bis zu 98 Prozent waren auch die Ozonwerte überschritten. In vielen Städten werden laut EUA auch die (im Vergleich zu den WHO-Empfehlungen) weniger strengen Grenz- beziehungsweise Zielwerte der EU-Rechtsvorschriften verletzt.

Unter der Luftverschmutzung leiden keineswegs nur die Atemwege der Bewohner. Über die Lungen gelangen Schwefeldioxid, Stickoxide, Benzol und Feinstaub auch in den Kreislauf. Luftschadstoffe können auf diese Weise laut dem EUA-Report Kopfschmerzen auslösen, das Nervensystem schädigen, die Funktion von Leber und Milz stören und die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen fördern.

Eine Gruppe um Marie Pedersen vom umweltepidemiologischen Forschungsinstitut CREAL (Centre de Recerca en Epidemiologia Ambiental) in Barcelona kann jetzt zeigen, dass auch die Feten im Uterus in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Gruppe wertete dazu die Daten von 14 Kohortenstudien aus 12 europäischen Ländern (darunter eine aus Duisburg) aus, in denen die Schadstoffbelastung mit dem Geburtsgewicht in Beziehung gesetzt wurde. Außerdem wurde die Verkehrsdichte auf den Straßen im Umkreis von 100 Metern zur Wohnung ermittelt. Die Untersuchung umfasst Daten zu 74.000 Frauen, die zwischen Februar 2004 und Juni 2011 ein Einzelkind zur Welt gebracht hatten.

Ergebnis: Vor allem der Feinstaubgehalt wirkte sich ungünstig auf das Geburtsgewicht aus. Nach den Berechnungen von Pedersen erhöht jeder Anstieg der PM2,5-Konzentration um 5 µg/m3 das Risiko auf ein niedriges Geburtsgewicht um 18 Prozent (adjustierte Odds Ratio 1,18; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,06-1,33). Die Assoziation bestand auch bei niedrigen Feinstaubbelastungen unterhalb des EU-Grenzwerts von 25 µg/m3: Hier stieg das Risiko pro 5-µg/m3-Stufe sogar um 41 Prozent (Odds Ratio 1,41; 1,20–1,65). Für PM10-Werte (Odds Ratio 1,16; 1,00-1,35) und Stickstoffmonoxid (Odds Ratio pro Anstieg um 10µg/m3: 1,09; 1,00-1,19) wurde ebenfalls eine signifikante Assoziation gefunden.

Ebenso für die Verkehrsdichte: Pro 5.000 Fahrzeuge am Tag nahm das Risiko auf ein niedriges Geburtsgewicht um 6 Prozent zu (Odds Ratio 1,06; 1,01-1,11). Selbst ein Einfluss auf den Kopfumfang der Kinder, ein allgemeiner Marker für eine Entwicklungs­störung des Gehirns, war nachweisbar: Pro 5-µg/m3-Stufe PM10 ermittelte Pedersen eine Abnahme des Kopfumfangs um 1,3 Millimeter.

Welche Auswirkungen das verminderte intrauterine Wachstum auf die Entwicklung der Kinder hat, ist unklar. Die Public-Health-Bedeutung ist jedoch enorm. Pedersen schätzt, dass Luftschadstoffe für nicht weniger als 22 Prozent aller Geburten mit niedrigem Geburtsgewicht verantwortlich sind. Dieses attributable Risiko ist deshalb hoch, weil alle Stadtbewohner betroffen sind, während Schwangere andere vorgeburtliche Risiken wie Rauchen und Passivrauchen oder Alkohol vermeiden können.

Diese Risiken sind, wie das Royal College of Obstetricians and Gynaecologists in einer Stellungnahme herausstellte, für das einzelne Kind sehr viel höher. Für die Gesellschaft als Ganzes könnte die Luftverschmutzung jedoch den größeren Schaden für die nächste Generation anrichten. © rme/aerzteblatt.de

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