NewsMedizinNeurologen warnen vor Virostatika-Therapie bei Glioblastom
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Neurologen warnen vor Virostatika-Therapie bei Glioblastom

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Berlin – Eine Therapie mit dem Virostatikum Valganciclovir ist für Patienten mit Glio­blastom keine Therapieoption. Darauf hat die Deutsche Gesellschaft für Neurologie angesichts eines Leserbriefes im New England Journal of Medicine hingewiesen (2013; 369:985-986). „Warum man diesen Beitrag überhaupt veröffentlicht hat, kann ich nicht nachvollziehen“, kritisiert der Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsspital Zürich, Michael Weller.

Hintergrund des Leserbriefes sind Spekulationen über eine Beteiligung des Zytomegalovirus (CMV) bei der Entstehung von Tumoren, insbesondere dem Glioblastom. Eine Arbeitsgruppe des schwedischen Karolinska-Institutes um die beiden Forscher Cecilia Söderberg-Nauclér und Giuseppe Stragliotto reklamierte, dass DNA und Proteine von CMV fast immer in Glioblastomen nachweisbar seien – nicht aber im normalen Gewebe.

Die schwedischen Wissenschaftler berichteten in einer anderen Publikation zunächst von einer Studie mit 42 Patienten, die nach dem Zufallsprinzip neben der Standardtherapie sechs Monate lang entweder Valganciclovir erhalten hatten oder ein Placebo (Int J Cancer 2013; 133:1204-1213).

Anzeige

„In dieser Studie fand sich zwar ein Trend zu kleineren Tumoren unter Valganciclovir drei und sechs Monate nach der Operation des Tumors“, erläutert Weller. Dieser Unterschied war aber nicht signifikant, und auch bei den medianen Überlebenszeiten gab es mit 17,9 versus 17,4 Monaten kaum eine Differenz. „Es gab demnach keine Hinweise auf die Wirksamkeit von Valganciclovir“, stellt Weller fest.

Es sei daher überaus fragwürdig, dass zur Beweisführung nun eine neue Gruppe von zusammen 50 Patienten konstruiert wurde, die aus drei Kollektiven besteht: Verum-Empfänger aus der ursprünglichen Studie, Patienten aus der originären Kontrollgruppe, die ab sechs Monate nach der Operation auf eigenen Wunsch Valganciclovir erhielten sowie drittens Patienten, die offenbar unkontrolliert am Karolinska-Institut mit dem Virostatikum behandelt wurden. Sie wurden dann einer kaum definierten historischen Kontrollgruppe von 137 Patienten gegenübergestellt.

Beim Vergleich ergab sich eine verlängerte Überlebenszeit insbesondere für Patienten, die länger als ein halbes Jahr Valganciclovir bekommen hatten. „Leider ist dieses Ergebnis nicht belastbar, denn es wurde aufgrund eines methodisch höchst fragwürdigen Ansatzes gewonnen“, kritisiert Weller.

Er rät Ärzten dazu, Patienten und deren Angehörige zu informieren, dass Therapie­versuche mit Valganciclovir weiterhin jeder Grundlage entbehrten und dass sie im Zweifelsfall besser an einer der zahlreichen randomisiert-kontrollierten Studien im deutschen Sprachraum teilnehmen sollten.

© hil/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

7. Juli 2020
Karlsruhe/Bottrop – Im Skandal um jahrelang gestreckte Krebsmedikamente hat der Bundesgerichtshof (BGH) die Haftstrafe gegen einen Apotheker aus dem Ruhrgebiet bestätigt. Der BGH in Karlsruhe lehnte
Krebsmedikamente gestreckt: Urteil gegen Apotheker rechtskräftig
2. Juli 2020
Oakland/Kalifornien – Werden die Risiken von Makrolid-Antibiotika weiter unterschätzt? Obwohl seit langem bekannt ist, dass die Mittel über eine Verlängerung des QT-Intervalls das Risiko auf tödliche
Studie: Azithromycin kann Herz-Kreislauf-Todesfälle provozieren
25. Juni 2020
Köln/Bonn – Die Deutsche Krebshilfe fördert ein neues Mildred-Scheel-Nachwuchszentrum am Centrum für Integrierte Onkologie (CIO) der Universitätskliniken Köln und Bonn. Beide Standorte arbeiten schon
Neues Mildred-Scheel-Nachwuchszentrum für Onkologie
16. Juni 2020
Silver Spring/Maryland – Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat ihre Erlaubnis zum klinischen Einsatz von Hydroxychloroquin/Chloroquin bei Patienten mit COVID-19 widerrufen. Damit dürfen die Malaria- und
COVID-19: FDA widerruft Genehmigung zum Einsatz von Hydroxychloroquin/Chloroquin
9. Juni 2020
Amsterdam – Das US-Pharmaunternehmen Gilead hat offiziell die begrenzte Zulassung von Remdesivir als Mittel gegen COVID-19 auf dem europäischen Markt beantragt. Das teilte die Europäische
Remdesivir: Europäische Zulassung gegen COVID-19 beantragt
8. Juni 2020
Oxford – Das Malariamittel Hydroxychloroquin hat erneut die Erwartungen nicht erfüllt. Die britische Gesundheitsbehörde MHRA brach in der letzten Woche eine größere randomisierte Studie an Patienten
COVID-19: Hydroxychloroquin bleibt in randomisierter RECOVERY-Studie ohne Wirkung
5. Juni 2020
Boston und London – Zwei Tage nachdem der Lancet und das New England Journal of Medicine, 2 international führende medizinische Fachzeitschriften, die Überprüfung von 2 „Big-Data“-Studien angekündigt
LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER