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Medizin

HIV: Kind nach Therapieabbruch weiter virusfrei

Donnerstag, 24. Oktober 2013

HI-Viren sammeln sich vor dem Verlassen der Immunzelle an der Membran. Ayacob

Baltimore – Das „Mississippi-Kind“, ein Frühgeborenes mit einer vermutlich intrauterin erworbenen HIV-Infektion, das unter einer hochdosierten antiretroviralen Therapie HIV-negativ wurde, ist laut einem Bericht im New England Journal of Medicine (2013; doi: 10.1056/NEJMoa1302976) auch 18 Monate nach dem eigenmächtigen Absetzen der Therapie ohne Hinweis auf eine HIV-Replikation.

Der Fall des Mädchens aus dem US-Staat Mississippi hatte im März 2013 auf der „Conference on Retroviruses and Opportunistic Infections“ (CROI) in Atlanta für Aufsehen gesorgt. Die pädiatrische HIV-Expertin Deborah Persaud vom Johns Hopkins Children's Center in Baltimore konnte damals nicht alle Skeptiker überzeugen, dass die mehrmonatige Therapie bei dem Kleinkind nicht nur die aktive HIV-Replikation gehemmt habe, sondern die Viren auch aus Reservoiren vertrieben wurden, die in Lymphknoten und dendritischen Zellen vermutet werden und die bei HIV-Infizierten bei jeder Therapieunterbrechung zum Ausgangspunkt einer erneuten Virämie werden.

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Jetzt stellt Persaud zusammen mit der Immunologin Katherine Luzuriaga von der University of Massachusetts Medical School in Worcester und der Pädiaterin Hannah Gay vom University of Mississippi Medical Center in Jackson, die die Patientin betreut hatte, Einzelheiten zum Fall vor, die die Hypothese einer „funktionellen Heilung“ untermauern sollen.

Das Kind war, wie berichtet, im Juli 2010 in der 35. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen. Die Geburt erfolgte durch eine vaginale Entbindung (und nicht wie sonst bei HIV-positiven Müttern üblich) per Kaiserschnitt. Die Ärzte hatten erst im Kreißsaal von der Infektion der Mutter erfahren. Bei einer früheren Kenntnis kann heute eine Übertragung in der Schwangerschaft oder bei der Geburt durch eine antiretrovirale Therapie der Schwangeren verhindert werden.

Aufgrund der besonderen Umstände entschied sich Gay für eine antiretrovirale Therapie mit Zidovudin, Lamivudin und Nevirapin, die 30 Stunden nach der Geburt eingeleitet wurde. Der Nachweis von HIV-1-DNA in peripheren Leukozyten (PBMC) hatte zu diesem Zeitpunkt eine Infektion sehr wahrscheinlich gemacht. Nach einer Woche wurde Nevirapin durch Ritonavir-geboostertes Lopinavir ersetzt, um das Resistenzrisiko zu senken (die FDA lehnt diese Strategie inzwischen ab).

Unter der Therapie wurde noch dreimal (an den Tagen 6, 11 und 19) HIV-RNA im Plasma des Säuglings nachgewiesen. Der nächste Test am Tag 29 fiel negativ aus und blieb es bis zum Abbruch der Therapie, der vermutlich im Alter von 18 Monaten erfolgte. Zu diesem Zeitpunkt verloren die Ärzte für mehrere Monate den Kontakt zu Mutter und Kind.

Als sich diese wieder meldeten war das Mädchen 23 Monate alt. In seinem Blut war trotz der mehrmonatigen Behandlungspause keine aktive Replikation der HI-Viren nach­weisbar. Dies hat sich bei bei der letzten Untersuchung im Alter von 36 Monaten nicht geändert.

Die drei Forscherinnen vermuten, dass sich das Kind intrauterin infiziert hat. Dafür spräche der Nachweis von proviraler HIV-DNA 30 Stunden nach der Geburt und die Viruslast von fast 20.000 Kopien in einer Blutprobe, die eine Stunde später entnommen wurde. Die hohe Viruskonzentration schließe überdies eine passive Übertragung von nicht-replizierenden Viren bei der Geburt aus.

Weitere Untersuchungen ergaben, dass Mutter und Kind negativ auf das genetische Merkmal CCR5 delta32 sind. Beide gehörten deshalb nicht zu den „elite controller“, die über Jahre subklinisch mit HIV infiziert sind, ohne virämisch zu werden. Kurios bleibt aber, dass im Alter von 24 und 26 Monaten provirale DNA in einzelnen Blutzellen des Kindes nachgewiesen wurden. Möglicherweise handele es sich um defekte Viren oder um Messfehler der ultrasensitiven Methoden, vermuten die Forscherinnen.

Sie sind weiter überzeugt, dass die frühe antiretrovirale Therapie zu einer „funktionellen Heilung“ der HIV-Infektion bei dem jungen Mädchen geführt hat. Der endgültige Beweis wird von einer klinischen Studie erwartet, deren Beginn für das nächste Jahr angekündigt wurde. Dort sollen weitere Kinder postnatal hochdosiert antiretroviral behandelt werden. © rme/aerzteblatt.de

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