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Fukushima: IPPNW warnt vor der Entwarnung

Freitag, 25. Oktober 2013

Am Tor zur Sperrzone

Berlin – Die Organisation „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung“ (IPPNW) hat am Freitag in Berlin den jüngsten UNO-Bericht zum Reaktorunfall von Fukushima als ungenügend kritisiert. Laut der Studie des UN-Wissenschaftsausschusses zur Untersuchung der Auswirkungen der atomaren Strahlung (UNSCEAR) muss die Bevölkerung in der Katastrophenregion auch nach Strahlenexposition nicht von einem erhöhten Krebsrisiko ausgehen. Dieser Einschätzung widersprachen die Vertreter der IPPNW am Freitag in Berlin vehement. Das Risiko werde von den japanischen Behörden bewusst heruntergespielt und der UN-Bericht habe dieses Vorgehen nicht hinterfragt, sagten die IPPNW-Vorstandsmitglieder Angelica Claußen und Alex Rosen.

Das in Wien ansässige UNSCEAR hat bereits 2011 und 2012 Teilberichte zu dem Folgen des Reaktorunfalls in dem Kernkraftwerk an der japanischen Küste veröffentlicht. Vor der Publikation des jüngsten Berichtes nun mehren sich die Fragen von Wissenschaftlern, Ärzte-  und Umweltschutzorganisationen an den Beschwichtigungen des UN-Komitees. In diese Kritik reiht sich nun die IPPNW ein, deren Wissenschaftler aus Deutschland, den USA, der Schweiz, Frankreich, Italien, Nigeria, Malaysia, Ägypten und den Niederlanden den UNSCEAR-Bericht an die Vollversammlung der Vereinten Nationen einer kritischen Revision unterzogen haben.

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Bei der Präsentation dieses 18-seitigen Papiers in Berlin berichtete Angelika Claußen vor allem von ihrer Reise nach Japan, die sie auch in das unmittelbare Katastrophen­gebiet geführt hat. Dabei sei ihr wiederholt der restriktive Umgang der Behörden mit Kritikern geschildert worden. „Lehrer und Eltern, die das Thema radioaktiver Strahlung im Schulunterricht ansprechen wollten, wurden von den Schulleitungen daran gehindert“, so Claußen.

Ärzte, die bei ihren Patienten Gesundheitschecks mit Blutbild und Ultraschall durchführe wollten, seien von den Behörden der Präfektur Fukushima und den Krankenkassen wiederholt behindert worden. Dabei hätten regierungsunabhängige internationale Studien gezeigt, dass Schmetterlinge und Vögel im 20-Kilometer-Radius um den havarierten Atommeiler genetische Veränderungen aufwiesen. „Es ist daher absurd, dass nach dem Bericht des UNSCEAR keine weiteren gesundheitlichen Folgen zu erwarten sind“, so Claußen, die weitere Unterstützung regierungsunabhängiger Studien durch ihre Organisation ankündigte.

IPPNW-Vorstandmitglied Rosen führte aus, dass dem UN-Bericht zufolge nach dem Reaktorunfall 2011 lediglich 54 Fälle von Schilddrüsenkrebs registriert worden seien. Der Berliner Kinderarzt nutze die seiner Meinung nach beschwichtigende Zahl zur Fundamentalkritik am UNSCEAR. Das Gremium sei nicht nur von Akteuren dominiert, die der Atomwirtschaft nahestehen, sagte er: „Der Einschätzung wurden zudem lediglich Daten zugrunde gelegt, die von den japanischen Behörden, der Betreiberfirma des havarierten Atomkraftwerks, TEPCO, und der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) stammten“.

Der Pädiater Rosen beanstandete auch die Berechnung der zulässigen Strahlendosis. Vor einem Grenzwert auszugehen, unter dem die Belastung unbedenklich sei, „entspricht dem Forschungsstand der 50er Jahre“, sagte er. Heute wisse man, dass jede noch so geringe radioaktive Belastung ein Gesundheitsrisiko darstelle. Als besonders schwerwiegend bezeichnete Rosen dem Umstand, dass der UN-Bericht eine erhöhte Strahlenempfindlichkeit ungeborener Kinder nicht berücksichtige. Dies widerspreche neuen strahlenbiologischen und genetischen Erkenntnissen.

Die Autoren der IPPNW-Gegenstudie fordern eine stärkere Beachtung unabhängiger Forschungsergebnisse. So habe vom 11. bis zum 13. Oktober in Tokio ein Kongress „besorgter Wissenschaftler und Bürger“ stattgefunden, der viele offene Fragen thematisiert habe. Auf dem Kongress wurden die Beobachtungen genetischer Veränderungen der lokalen und regionalen Tierpopulation vorgestellt. Nötig sei vor diesem Hintergrund ein breiteres Spektrum von Untersuchungen, so Claußen und Rosen. Bislang hätten gerade einmal 360.000 Kinder eine sonografische Untersuchung der Schilddrüse erhalten. Und dies auch nur in der Präfektur Fukushima. © neu/aerzteblatt.de

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