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Ärzteschaft

Gutachten: Mehr Geld für Regionen mit hoher Krankheitslast

Dienstag, 5. November 2013

Berlin – Sieben Kassenärztliche Vereinigungen (KVen), die unter dem Namen „Lava“ seit längerem für eine bessere Finanzierung der ambulanten Versorgung in ihren Regionen streiten, lassen nicht locker. Mitten in den Koalitionsverhandlungen präsentierten sie heute in Berlin ein Gutachten, das aufzeigt, wie eine angemessenere Berücksichtigung der Krankheitslast der Versicherten in ihren Bundesländern zu erreichen wäre. Lava will von der  Koalition im Sozialgesetzbuch V festgeschrieben haben, dass die Gesamt­vergütung für die ärztliche Versorgung sockelwirksam an die tatsächliche Morbidität der Bevölkerung angepasst wird.  

Derzeit steht nach Ansicht der sieben KVen in Regionen mit hoher Krankheitslast viel zu wenig Geld für die ambulante Behandlung zur Verfügung. „Der Wohnsitz bestimmt das Niveau der medizinischen Versorgung“, kritisierte der Vorstandsvorsitzende der KV Sachsen-Anhalt, Burkhard John. „Das ist ein Skandal in unserem Sozialstaat.“ John verwies zudem darauf, dass geringere Finanzmittel als anderswo es auch erschweren, junge Ärztinnen und Ärzte für eine Region zu gewinnen.

Kassen übernehmen Morbiditätsrisiko nur zum Teil
Um die Kritik von John und den anderen KV-Vorständen nachzuvollziehen, muss man die Entwicklung über einige Jahre in den Blick nehmen. In ihrem Gutachten verweisen Saskia Drösler, Krefeld, und Eberhard Wille, Mannheim, darauf, dass die Krankenkassen nach dem Willen des Gesetzgebers das Morbiditätsrisiko tragen sollen. Sie tun dies nach Überzeugung der Gutachter aber nur teilweise.

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Zwar wird bei den Honorarverhandlungen zwischen Krankenkassen und Kassenärztlicher Bundesvereinigung der Umfang des morbiditätsorientierten Behandlungsbedarfs Jahr für Jahr angepasst, und regionale Angleichungen sind zusätzlich möglich. Aber die Ausgangs­basis für diese Anpassungen ist nach Ansicht von Wille und Drösler unzu­reichend: Eine gerechte Anpassung würde voraussetzen, dass die erstmalige Fest­legung des Behandlungsbedarfs die Krankheitslast zutreffend widergespiegelt hätte.

Doch die bisherigen jährlichen Anpassungen beruhten nach Ansicht der Gutachter zum einen auf einem historischen Behandlungsbedarf und folgten zum anderen teilweise nicht fachlichen, sondern finanzpolitischen Überlegungen. „Wenn aber das Niveau des Behandlungsbedarfs unzutreffend angesetzt ist, muss auch die Fortschreibung unbefriedigend und falsch sein“, erläuterte Wille.

Hinzu kommt, dass die Krankheitslast in den Regionen unterschiedlich hoch ist. Die Versicherten in Sachsen-Anhalt weisen nach Überzeugung von Wille und Drösler tatsächlich eine sehr viel höhere Morbidität auf als anderswo. Doch obwohl sich solche regionalen Unterschiede mit den gängigen Berechnungsmodellen gut darstellen ließen, würden daraus keine ausreichenden Konsequenzen für die Finanzierung der Leistungen gezogen, befanden die Gutachter.

Die ärztliche Versorgung in Sachsen-Anhalt sei deshalb deutlich unterfinanziert, erklärte Wille: „Je nach Messmethode liegen die Finanzzuweisungen hier zwischen 14 und 20 Prozent unter dem erforderlichen Niveau.“ Gleiches gelte auch für das bevölkerungs­reiche Nordrhein-Westfalen und andere Bundesländer in Ost und West. Dort fällt die Gesamtvergütung zwischen sieben und 16 Prozent zu niedrig aus.

Vorstoß im Petitionsausschuss
„Wenn die Versicherten in Nordrhein-Westfalen den gleichen Kassenbeitrag zahlen wie alle Bundesbürger, die Krankenkassen in Nordrhein-Westfalen aber rund 15 Prozent weniger Leistung finanzieren, so ist das für mich eindeutig eine Zwei-Klassen-Medizin“, sagte Wolfgang Dryden, Vorstandsvorsitzender der KV Westfalen-Lippe.

Dryden hatte das Thema bereits im März 2012 durch eine Petition im Bundestag öffentlich gemacht. Damals hatte die Parlamentarische Staatssekretärin Ulrike Flach (FDP)  bei der Anhörung im Petitionsausschuss auf Anpassungsmöglichkeiten in den Regionen verwiesen. Peter Potthoff, Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein, konnte Flachs Argument damals nicht nachvollziehen: „Um das Finanzierungsgefälle auszugleichen, müssten wir überproportionale Steigerungsraten verhandeln, die völlig unrealistisch wären“, hatte er damals erklärt.

LAVA steht für Länderübergreifender Angemessener Versorgungsanspruch. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss der KVen Brandenburg, Nordrhein, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Westfalen-Lippe. © Rie/CW/aerzteblatt.de

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Avatar #672734
isnydoc
am Freitag, 8. November 2013, 13:01

Sondersitzungen zum Gutachten angebracht?

Diesen Gedankengang habe ich hier noch näher ausgeführt:
Sondersitzung: Vernunft ein- Öffentlichkeit aus-geschlossen!
https://www.facebook.com/notes/wolfgang-bensch/sondersitzung-vernunft-ein-%C3%B6ffentlichkeit-aus-geschlossen/1429758257238970
LNS

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