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Medizin

Experten: Polio-Einschleppung nach Deutschland möglich

Freitag, 8. November 2013

Elektronenmikroskopische Aufnahme von Polioviren dpa

Tübingen – Die Kinderlähmung stellt in Deutschland seit Jahrzehnten keine Gefahr mehr dar. Dies könnte sich jedoch ändern. Die in Syrien und Israel zirkulierenden Polioviren könnten über Flüchtlinge und Touristen unerkannt nach Europa eingeschleppt werden, warnen Experten im Lancet (2013; doi: 10.1016/S0140-6736(13)62220-5).

Polio-Epidemien können lange unerkannt bleiben, weil nur etwa einer von 200 unge­impften Infizierten an einer akuten schlaffen Lähmung erkrankt, schreiben Martin Eichner vom Universitätsklinikum Tübingen und Stefan Brockmann vom Kreisgesundheitsamt Reutlingen. Aufgrund einer Modellrechnung schätzen sie, dass das Virus bis zu ein Jahr lang zirkulieren könnte, bevor es zu einer ersten Erkrankung käme.

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In Deutschland blieben die Viren lange unerkannt, da Abwasserproben nicht routine­mäßig auf Polio-Viren hin untersucht würden. Die Viren könnten sich ausbreiten, da die in Deutschland praktizierte Impfung mit inaktiven Polioviren (IPV) nicht sicher vor einer Ansteckung schützt. Menschen, die mit IPV geimpft werden, erkranken zwar nicht an der Kinderlähmung, sie können das Virus jedoch an nicht geimpfte Personen weiter­geben.

Die Durchimpfung der Bevölkerung beträgt in Deutschland laut Robert Koch-Institut bei Schulkindern 94,7 Prozent (bei Erwachsenen betrug die Impfquote in der DEGS-Studie, einer telefonischen Umfrage, 85,6 Prozent). Niedriger ist die Impfquote in Österreich mit 83 Prozent, in Bosnien und Herzegovina mit 87 Prozent und in der Ukraine mit 74 Pro­zent. Hier könnte die Herdenimmunität zu gering sein, um eine anhaltende Ausbreitung des Virus zu vermeiden, befürchten Eichner und Brockmann.

Eine Einschleppung nach Deutschland könnte aus Israel über Touristen und aus Syrien über Flüchtlinge erfolgen. Das alleinige Impfen der Flüchtlinge könnte sich als unzureichend erweisen, warnen die beiden Experten. Sie weisen darauf hin, dass kein europäisches Land derzeit über ausreichende Vorräte des oralen Polio-Impfstoffs zur Schluckimpfung verfügt, der im Fall eines Polionachweises benötigt würde.

In Israel wurden seit Februar 2013 Viren in Abwässern nachgewiesen. Dort wurden bereits Impfkampagnen durchgeführt. In Syrien wurden bisher 10 von 22 Erkrankungen bestätigt. Dort wurden in den letzten Tagen bereits 116.000 Kinder geimpft. In den kommenden Wochen sollen mehr als 20 Millionen Kinder in Syrien und den Nachbarländern geimpft werden.

Nach dem Ausbruch der Kinderlähmung in Syrien haben die Vereinten Nationen eine große Impfkampagne in dem Bürgerkriegsland und in sechs weiteren Ländern der Region gestartet. In Syrien seien bereits rund 650.000 Kinder gegen Poliomyelitis geimpft worden, teilten die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) und das UN-Kinder­hilfswerk Unicef am Freitag in Genf mit. 116.000 von ihnen lebten im Kampfgebiet Deir al Sur im Nordosten. Mit der Kampagne sollen 20 Millionen Kinder vor der gefährlichen Viruserkrankung geschützt werden.

© rme/aerzteblatt.de

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Kommentare

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Avatar #672870
Hilmar Gumbrecht
am Montag, 11. November 2013, 07:19

Kapitän oder Matrose

Frau Hibbeling's Seite Eins-Kommentar trifft erneut (so auch schon z. B. Marke Arzt) die Realität wie ich sie ebenfalls empfinde, in einer ausgesprochen eleganten Verbalisierung. Es ist erneut ein echter Genuss, das DÄB zu lesen.

Herzliche Grüße
Dr. Hilmar Gumbrecht, niedergelassener Kardiologe, Rheine/Westfalen
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