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„Behandlung von Wirbelsäulen­erkrankungen hat sich rasant entwickelt“

Mittwoch, 13. November 2013

Köln – Operationen an der Wirbelsäule haben von 2006 bis 2011 um rund 136 Prozent zugenommen – von circa 97.000 auf etwa 229.000 Eingriffe. Das betrifft vor allem die Bandscheibeneingriffe (plus 58 Prozent), die Repositionsspondylodesen (plus 238 Prozent) und die Revisionen oder Materialentfernungen.

5 Fragen an Dr. med. Daniel Rosenthal, Präsident der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft (DWG)

DÄ: Gibt es zu viele Operationen an der Wirbelsäule?
Rosenthal: Zur Klarstellung: Es gibt zurzeit in Deutsch­land keine zuverlässigen Zahlen über Wirbelsäulen­operationen. Die Kodierungszahlen, die uns zur Verfügung stehen, sind nicht detailliert genug. Teilweise wird der Chirurg gezwungen, aus einem Eingriff zwei zu verschlüsseln.

Als Beispiel dient die Versteifungsoperation an der Hals-, Brust- oder Lendenwirbelsäule. Bei diesem Vorgang ist das Ausräumen der Bandscheibe ein unerlässlicher Teil der Operation, der die Chancen für das Zusammenwachsen der eingebrachten Knochen in den Bandscheibenraum deutlich erhöht. Kodierungstechnisch müsste das Ausräumen der Bandscheibe mit den gleichen Zahlen wie bei einer Bandscheibenoperation und zusätzlicher Versteifungsoperation aufgenommen werden. So werden statistisch  zwei Operationen gezählt.

Als weiteres Beispiel: Jede Injektion in der Wirbelsäule unter computertomographischer (CT) Kontrolle wird auch als Operation registriert. Es ist eine invasive Methode, aber keine Operation, die mit einem Kranken­haus­auf­enthalt, Personal und räumlichen Standards verbunden ist. Also ist die Gewichtung eine völlig andere. Wir können, wenn wir seriös arbeiten wollen, uns nicht auf so ein Zahlenmaterial stützen.

Dass die Zahl der Eingriffe gestiegen ist, bleibt unbestritten, aber nicht in dem Ausmaß, das in den Medien verbreitet wird.

DÄ: Was sind die Gründe für den Anstieg der OP-Zahlen?
Rosenthal: Zum einem hat die Behandlung von Wirbelsäulenerkrankungen in den letzten Jahrzehnten eine rasante Entwicklung erfahren. Ein Beispiel ist das Einbringen von speziellen Materialien in einen oder mehrere Wirbelkörper bei Osteoporose. Die Methode ist besser bekannt als Vertebroplastie oder Kyphoplastie. Mit einem Eingriff, der nur mit einer Nadel über die das Material eingespritzt wird und einem Röntgengerät vorgenommen und vorwiegend in örtlicher Betäubung ausgeführt wird, können Frauen, die an dieser Krankheit leiden, von unerträglichen Schmerzen und Einschränkungen im Alltag schlagartig profitieren.

Zudem wird die Einnahme von Schmerzmitteln und andere spezifischen Medikamente drastisch reduziert. Ähnlich verhält es sich bei den Operationsmethoden: Die Entwicklung hin zu schonenden Eingriffen hat den Operationsstress, Blutverlust und Komplikationen deutlich reduziert. Vor 15 bis 20 Jahren war bei einer ganz normalen Bandscheiben­operation mit einem Kranken­haus­auf­enthalt von rund zwei Wochen zu rechnen, heute werden die Patienten nach drei Tagen entlassen.

DÄ: Nimmt Deutschland eine Sonderstellung ein oder gibt es ähnliche Entwicklungen in anderen Ländern?
Rosenthal: Deutschland nimmt keine Sonderstellung ein. Ähnliche Trends sind in den USA erkannt und veröffentlicht worden*. Die meisten Länder haben, so wie in Deutschland, keine verlässliche Quelle über die Zahl der Operationen. Wenn wir eine auf Fakten basierte Diskussion anstreben, benötigen wir diese Informationen. Die DWG hat die Lücke erkannt und vor zwei Jahren mit dem Aufbau eines Wirbelsäulenregisters begonnen. Im vergangenen Jahr wurde die Datenbank, die zukünftig exakte Zahlen hinsichtlich der Behandlungsqualität und Ergebnisse sowohl für die Ärzte, Patienten und Krankenkassen liefern soll, in einem Probelauf getestet. Sie soll zusammen mit der Ärzte- und Institutszertifizierung das Fundament sein, mit dem die DWG zukünftig die Behandlungsqualität zeitnah messen und überwachen möchte. 

*Spinal fusion in the United States. Rajaee et.al. Spine Volume 37, Number 1, pp 67–76

DÄ: Hat sich das Patientenklientel verändert?
Rosenthal: Eindeutig ja. Wir behandeln heute deutlich mehr Patienten mit Rückenleiden. Durch das Internet und andere Quellen ist das Bewusstsein über die Volkskrankheit „Rückenleiden“ deutlich gestiegen. Zudem hat auch die Zahl von älteren, gesunden und mobilen Patienten nachweißlich zugenommen. Wer mit 75 oder 80 Jahren noch wandern geht, möchte es mit 82 Jahren beibehalten. 

DÄ: Wer sollte operieren – und wer nicht?
Rosenthal: Die Antwort ist immer die gleiche, „Der, der es kann“. Die Behandlung von Wirbelsäulen­erkrankungen gehört zur Facharztausbildung der Neurochirurgen, Orthopäden und Unfallchirurgen. Die DWG hat erkannt, dass eine kontinuierliche Weiterbildung, die den Teilnehmern den neuesten Stand der Behandlungsmethoden und Techniken vermittelt, notwendig ist, um die Patientenversorgung auf einem qualitativ hohen Niveau zu halten.

Nachdem Ärzte ein aus sechs Modulen (jeweils 1,5 Tage lang) aufgebautes Weiter­bildungs­system durchlaufen haben, erhalten sie das DWG-Basiszertifikat. In den darauf folgenden Jahren und mit zunehmender Erfahrung können sie die nächsten Stufen, das Master- und das Exzellenzzertifikat, beantragen. Die Anträge werden nach Begutachtung der eingereichten Unterlagen von drei Mitgliedern der Weiterbildungskommission überprüft und anschließend über die Vergabe oder Ablehnung entschieden.

Da aber das Wissen ohne die entsprechende Infrastruktur nutzlos ist, befindet sich die DWG im Aufbau eines Kataloges, in dem die Voraussetzungen definiert werden, die erforderlich sind, um einfache bis hoch komplexe Eingriffe an der Wirbelsäule durchzuführen. Je komplexer die Operationen umso höher sind die Anforderungen an die Infrastruktur.

In Zukunft plant die DWG im Zusammenspiel von Wirbelsäulenregister, Personen- und Institutszertifizierung hohe Standards für die Patientenversorgung zu etablieren und zu überwachen. © hil/aerzteblatt.de

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