NewsMedizinHerzstillstand: Milde Hypothermie in US-Studie ohne Wirkung
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Herzstillstand: Milde Hypothermie in US-Studie ohne Wirkung

Montag, 18. November 2013

jeremyculpdesign/fotolia

Seattle – Die therapeutische Hypothermie, eine seit zehn Jahren empfohlene Maßnahme bei Patienten, die nach einem Herzstillstand erfolgreich reanimiert wurden, hat in einer randomisierten klinischen Studie im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2013; doi:10.1001/jama.2013.282173) die erhoffte Wirkung nicht erzielt.

Das International Liaison Committee on Resuscitation (ILCOR) empfiehlt seit 2003, nach Herzstillstand reanimierte Patienten für 12 bis 24 Stunden auf 32 bis 34 Grad Celsius Körperkerntemperatur abzukühlen. Dadurch soll die Erholung des Gehirns, das unter der zeitweisen Unterbrechung der Sauerstoffzufuhr am meisten leidet, unterstützt werden.

Anzeige

Als Evidenz wurden zwei 2002 veröffentlichte Studien aus Australien und Österreich angeführt, in denen die therapeutische Hypothermie den Anteil der Patienten, die später mit einem günstigen neurologischen Ergebnis die Klinik verlassen konnten, deutlich gesteigert wurde. In den beiden Studien war die Körpertemperatur durch Eisbeutel oder eine Kühlmatte gesenkt worden. Das Team um Francis Kim vom Harborview Medical Center in Seattle entschied sich in seiner aktuellen Studie für eine intravenöse Kühlung. Den Patienten wurde bis zu 2 Liter einer 4 Grad Celsius kalten Kochsalzlösung infundiert.

Ob dies der Grund für den negativen Ausgang war, dürfte jetzt Gegenstand von Diskussionen unter Notfallmedizinern sein. Denn anders als seine Kollegen aus Australien und Österreich konnte Kim keine positive Wirkung feststellen. Von den Patienten, die nach Kammerflimmern reanimiert wurden, konnten mit therapeutischer Hypothermie 62,7 Prozent später lebend aus der Klinik entlassen werden, ohne therapeutische Hypothermie waren es 64,3 Prozent. Auch in der Gruppe der Patienten, die bei Eintreffen der Sanitäter asystolisch waren oder nur eine pulslose elektrische Herztätigkeit zeigten, gab es keine Vorteile: Es überlebten 19,2 Prozent der thera­peutisch abgekühlten Patienten gegenüber 16,3 Prozent in der Kontrollgruppe.

Die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen waren statistisch nicht signifikant. Dabei hatte die US-Studie mit 1.359 Patienten – davon 583 mit Kammerflimmern und 776 mit Asystolie oder ohne erkennbaren Puls – vor der Reanimation – dreimal so viele Teilnehmer wie die beiden vorangegangenen Studien zusammen.

Signifikant war dagegen die Rate von Komplikationen: Unter der Abkühlung kam es bei 26 Prozent der Patienten zu einem erneuten Herzstillstand, in der Kontrollgruppe war dies nur bei 21 Prozent der Fall. Auch der Anteil der Patienten, die bei der ersten Röntgenaufnahme in der Klinik ein Lungenödem zeigten, war deutlich höher (41 versus 30 Prozent) und die arteriellen Blutgaswerte waren schlechter, wie Christopher Granger vom Duke Clinical Research Institute in Durham/North Carolina im Editorial hervorhebt.

Da es neben der Art der Kühlung noch andere Unterschiede gab – die erreichte Körperkerntemperatur war in der US-Studie höher – dürfte die randomisierte Studie nicht unmittelbar zu einer Änderung der Leitlinien führen. Granger gibt aber zu bedenken, dass eine effektiv organisierte Notfallversorgung der entscheidende Faktor für das Überleben der Patienten ist.

Die Unterschiede sind in den USA sehr groß. In Seattle hat ein Patient, der außerhalb der Klinik ein Kammerflimmern erleidet, eine fünfmal höhere Überlebenschance als ein Patient aus einer ländlichen Region in Alabama. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #673300
rechtenwald
am Dienstag, 19. November 2013, 15:54

Überschrift & Inhalt ungenau

Die Studie dreht sich laut den verlinkten Publikationen um den Vorteil prähospitaler Hypothermiemassnahmen und stellt lediglich diese und nicht das Konzept der Hypothermie generell in Frage.

Gruß,
Dr. Christian Rechtenwald
LNS

Nachrichten zum Thema

15. Mai 2019
London – In Großbritannien ist erstmals seit 50 Jahren die Zahl der Menschen, die vor ihrem 75. Geburtstag an Herz- und Kreislauferkrankungen sterben, wieder gestiegen. Die British Heart Foundation
In Großbritannien steigt die Zahl der Herz-Kreislauf-Todesfälle erstmals wieder seit 50 Jahren
15. Mai 2019
New Orleans – Die in angelsächsischen Ländern beliebte Einnahme von Glucosaminen zur Linderung von Gelenkschmerzen ging bei Teilnehmern der UK Biobank-Studie mit einer leicht verminderten Häufigkeit
Arthrosemittel Glucosamin könnte Herz-Kreislauf-Risiko senken
2. Mai 2019
Mannheim – Defizite bei der Versorgungsforschung zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Deutschland sieht die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung (DGK). Die
Kardiologen wollen Versorgungsforschung zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorantreiben
30. April 2019
Helsinki – Finnische Kinder, die im Alter von etwa 8 Jahren an Karies und/oder Parodontose erkrankt waren, wiesen in einer prospektiven Kohortenstudie in JAMA Network Open (2019; 2: e192523) im
Karies und Parodontose bei Kindern könnten Atherosklerose im Erwachsenenalter fördern
26. April 2019
New Orleans – Frauen, die über einen längeren Zeitraum Antibiotika einnehmen, erkranken später häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie einem Herzinfarkt. Dies kam in einer prospektiven
Längere Antibiotikatherapie könnte kardiale Risiken erhöhen
24. April 2019
Mannheim – Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) will im Kampf gegen Herzerkrankungen die Politik stärker in die Pflicht nehmen. „Gesundheitspolitische Strategien zur Vermeidung des
Kardiologen rufen zu mehr Unterstützung im Kampf gegen Herztod auf
11. April 2019
Stockholm – Ein einmaliges Stressereignis kann Herz und Kreislauf schädigen. Dies zeigen die Ergebnisse einer bevölkerungsbasierten Kohortenstudie aus Schweden im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2019; 365:
VG WortLNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER