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Medizin

Cholesterin: US-Kardiologen­verbände verteidigen Risiko-Kalkulator

Dienstag, 19. November 2013

dpa

Dallas – Die in der letzten Woche von US-Kardiologenverbänden veröffentlichten Leit­linien zum Einsatz von Cholesterinsenkern haben eine heftige Kontroverse ausgelöst. Namhafte Kardiologen werfen den Verbänden vor, ihr Risiko-Kalkulator schätze das tatsächliche Risiko viel zu hoch ein, was einen unnötigen Einsatz von Statinen zur Folge habe. Die American Heart Association und das American College of Cardiology haben die Leitlinie verteidigt.

In den letzten Tagen haben mehrere Kardiologen in den Medien Kritik an den Leitlinien geübt, die nicht mehr, wie anders als die früheren Leitlinien des „National Cholesterol Education Program“ Cholesterinzielwerte vorgibt, sondern den Einsatz von Statinen von dem Ergebnis eines Risiko-Kalkulators abhängig macht. Da der Risiko-Kalkulator neben dem Cholesterinwert noch andere Risikofaktoren erfasst, kann dies dazu führen, dass am Ende Personen mit normalen Cholesterinwerten zur Einnahme von Statinen geraten wird.

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Doch die Validität des Risiko-Kalkulators wird von vielen Kardiologen bezweifelt. Paul Ridker, der am Brigham and Women’s Hospital das Center for Cardiovascular Disease Prevention leitet, hat nach einem Bericht der New York Times bereits vor einem Jahr bemängelt, dass der Risiko-Kalkulator bei den heutigen Patienten zu Fehlein­schätzungen führt, weil er auf veralteten Daten beruht. Seine Einwände wurden aber in den Leitlinien nicht berücksichtigt, lautet der Vorwurf, der Samstagnacht Gegenstand einer Notfall-Sitzung des Kongresses war, auf der es laut dem Zeitungsbericht, zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen war.

Laut Ridker, der seine Kritikpunkte im Lancet veröffentlichen will, überschätzt der Kalku­lator das Risiko um 75 bis 150 Prozent. Dadurch würde die Zahl der Personen, denen ein 10-Jahresrisiko auf ein kardiovaskuläres Ereignis von 7,5 Prozent attestiert wird, stark ansteigen. Ab dieser Grenze fordert die Leitlinie den Einsatz von Statinen, der bereits ab einem 10-Jahresrisiko von 5 Prozent erwogen werden könne.

Ein 10-Jahresrisiko von 7,5 Prozent erreicht ein gesunder US-Amerikaner bereits, wenn er einen einzigen kardialen Risikofaktor aufweist. Dies kann allein seine ethnische Herkunft sein. Steven Nissen von der Cleveland Clinic berichtete, er habe die Daten eines 60 Jahre alten Afroamerikaners ohne kardiale Risikofaktoren mit einem Gesamtcholesterin von 150, einem HDL-Cholesterin von 45, einem systolischen Blutdruck von 125 einge­geben, der keinen Diabetes hat und nicht raucht. Das Ergebnis war ein 10-Jahresrisiko von 7,5 Prozent mit der Empfehlung einer Statintherapie.

Zu der ungewöhnlich hohen Risikobewertung kommt es offenbar, weil dem Risiko-Kalku­lator die Daten zwei Jahrzehnte alter Beobachtungsstudien zugrunde liegen. Sie stammen aus einer Zeit, in der die Prävalenz von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wesent­lich höher war als heute. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Tatsache, dass der Kalkulator die Risiken linear einstuft. Die Senkung des systolischen Blutdrucks von 130 auf 100 werde fälschlicherweise genauso günstig bewertet wie die Senkung von 180 auf 150, kritisierte H. Gilbert Welch vom Dartmouth College in Hanover/New Hampshire.

Die American Heart Association und das American College of Cardiology sahen sich angesichts der massiven Kritik zu einer Stellungnahme veranlasst. Dort wird der Risiko-Kalkulator verteidigt. Er basiere auf der besten derzeit verfügbaren Evidenz. Das Ergeb­nis sei aber keine feste Therapieempfehlung, er sei vielmehr als Grundlage für eine Diskussion mit dem Patienten über therapeutische Maßnahmen gedacht, heißt es in der Stellungnahme.

An der umstrittenen Empfehlung, den Einsatz von Statinen ganz vom Cholesterinwert zu entkoppeln, halten die US-Fachverbände fest. Sie sehen ihre Leitlinie hier auf einem sicheren wissenschaftlichen Fundament. Es basiert unter anderem auf den Ergebnissen der vor fünf Jahren vorgestellten JUPITER-Studie, in der die Statintherapie bei Patienten mit normalen Cholesterinwerten (aber einem erhöhten C-reaktiven Protein) die Zahl kardiovaskulärer Ereignisse senkte. © rme/aerzteblatt.de

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