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Ausland

„Wer soll helfen, wenn nicht wir Ärzte?“

Freitag, 22. November 2013

Köln – Mehr als 4.000 Menschen hat der Taifun „Haiyan“ auf den Philippinen das Leben gekostet. 1.602 sind noch vermisst. Seit vergangenem Donnerstag ist Tankred Stöbe mit einem Team von 17 internationalen Mitarbeitern von Ärzte ohne Grenzen in Santa Fe nahe Tacloban. Insgesamt arbeiten 192 Mitarbeiter der Hilfsorganisation in den am stärksten betroffenen Gebieten auf den Philippinen. Außerdem besucht er mit mobilen Teams umliegende Ortschaften. Das Deutsche Ärzteblatt erreichte ihn im Katastrophen­gebiet.

5 Fragen an Dr med. Tankred Stöbe, Präsident von Ärzte ohne Grenzen Deutschland.

DÄ: Was haben Sie vorgefunden?
Stöbe: Das Ausmaß der Zerstörung ist bedrückend, katastrophal. Wir haben uns gefragt: „Wie kann hier überhaupt jemand überlebt haben?“ So etwas Schlimmes habe ich in dieser flächenhaften Ausdeh­nung noch nie gesehen. Die gesamte Infrastruktur ist zusammengebrochen. Wir besuchen mit mobilen Hilfsteams Dörfer und Ortschaften und leisten dort medizinische Hilfe. Jedes Mal waren wir bislang die ersten Ärzte, die vor Ort helfen konnten.

DÄ: Wer sind ihre Patienten?
Stöbe: Eben haben wir ein 14 jähriges Mädchen versorgt, die sich am Finger verletzt hatte. Die Wunde hat sich entzündet und der Finger wird gangränös. Wir tun alles, damit der Finger nicht amputiert werden muss. Insgesamt gibt es vier Hauptgruppen von Patienten: Da sind zum einen natürlich Verletzungen, die wir chirurgisch versorgen. Dann gibt es viele Menschen – gerade ältere – mit chronischen Erkrankungen, die wegen der Katastrophe ihre Medikamente verloren haben. Wir sehen zum Beispiel viele Patienten mit stark erhöhtem Blutdruck oder entgleisten Zuckerwerten.

Außerdem nehmen Atemwegserkrankungen und Durchfälle zu, weil die Menschen ihr Heim verloren haben und im Freien schlafen müssen. Und viertens impfen wir, zum Beispiel gegen Tetanus. Wegen des Zusammenbruchs der gesamten Infrastruktur – auch der Kühlkette für Medikamente und Impfstoffe – können das die lokalen Gesundheitsstrukturen nicht leisten.

Bildergalerie

DÄ: Was ist die größte Herausforderung im Augenblick?
Stöbe: Vieles ist im Augenblick sehr schwierig. Ein Hauptproblem ist die Logistik. Wir müssten an vielen Orten intensiver helfen – viele chronisch Kranke brauchen zum Beispiel dringend Medikamente, da läuft uns die Zeit davon. Aber auch akute Verletzungen können natürlich nicht warten, wie bei dem Mädchen mit dem Finger eben. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

DÄ: Wie ist die Zusammenarbeit mit Kliniken/Ärzten und Behörden vor Ort?
Stöbe: Wir gliedern täglich neue einheimische Mitarbeiter in unsere Teams ein. Kommen wir in einen neuen Ort, setzen wir uns dort zunächst mit dem Bürgermeister und – falls vorhanden – einem Krankenhaus in Verbindung. Die Menschen sind sehr dankbar, dass wir kommen, und die Zusammenarbeit sehr gut.

Spendenkonto Ärzte ohne Grenzen
Konto: 97097BLZ: 370 205 00 Bank für Sozialwirtschaft
Stichwort: „Philippinen und andere“

Überhaupt ist es überwältigend zu sehen, mit welchem Mut und welcher Entschlossenheit die Menschen hier einander helfen und aus den Trümmern heraus ihr Leben wieder aufbauen. Ohne diese Lebenszugewandtheit wäre das Leid noch viel größer.

DÄ: Wie geht es weiter?
Stöbe: Die Hauptaufgaben sind noch lange nicht gelöst, auch wenn das internationale Medieninteresse nachlässt. Die Akutversorgung ist längst nicht abgeschlossen und wir rechnen damit, dass Durchfall- und Atemwegserkrankungen weiter ansteigen werden. Außerdem ist das Katastrophengebiet natürlich ein Nährboden für Epidemien. Der hohe Hygienestandard der Bevölkerung hier wirkt dem glücklicherweise entgegen, so dass wir im Augenblick noch keine Anzeichen zum Beispiel für Cholera sehen. Wir rechnen damit, dass Hilfsteams noch für Monate vor Ort sein müssen. © hil/aerzteblatt.de

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Avatar #87388
Andreas Skrziepietz
am Samstag, 23. November 2013, 16:53

Ein echter Gutmensch, dieser Dr. Stöbe

s sei selbstverständlich, dass seine Kolleginnen dort Kopftücher trügen, um auch von der Bevölkerung akzeptiert zu werden, sagte Tankred Stöbe (41), Präsident des deutschen Zweigs der Nothilfe-Organisation, in einem epd-Gespräch am Donnerstag, kurz bevor er nach Pakistan flog.
Frauen im Katastrophengebiet würden auch nur von Ärztinnen oder Krankenschwestern behandelt, nicht von männlichen Medizinern. Der Respekt vor der Kultur gehe soweit, dass Frauen nicht behandelt würden, wenn der Ehemann das ablehne.

http://www.infranken.de/ueberregional/ausland/Medizin-Lebensmittel-landwirtschaft-Glaube-Staat-Helfer-achten-religioese-Gefuehle-in-Pakistan;art181,80842

da kann man ja nur hoffen, daß die philippinischen ehemänner die behandlung ihrer frauen nicht ablehnen.
LNS

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