Ärzteschaft

Arzneimittel­kommission kritisiert das Ende des Bestands­marktsaufrufs

Dienstag, 26. November 2013

Berlin – Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) hat die Pläne von Union und SPD kritisiert, den sogenannten Bestandsmarktaufruf zu streichen. „Wir halten das für einen eklatanten Fehler“, sagte Bernd Mühlbauer, Mitglied des Vorstands der AkdÄ, am vergangenen Freitag auf der Mitgliederversammlung der Kommission. „Über viele der bislang erfolgten Bestandsmarktaufrufe haben wir uns sehr gefreut.“ Denn ein Zusatznutzen von einigen der aufgerufenen Wirkstoffe sei durchaus zweifelhaft.

Anzeige

Als Beispiel nannte Mühlbauer die drei Antidiabetika Saxagliptin, Sitagliptin und Vildagliptin, die zusammen mit ihrem Wettbewerber Linagliptin, der in Deutschland nach einer negativen Nutzenbewertung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss nicht vermarktet wird, aufgerufen worden waren. „Alle drei Gliptine haben nach unserer Auffassung keinen belegten Zusatznutzen“, sagte Mühlbauer. Denn die Hersteller hätten es versäumt, rechtzeitig vernünftige Studien aufzusetzen.

Über den therapeutischen Stellenwert dieser Gliptine könne man heute daher keine belastbare Aussage treffen. „Genau deshalb ist der Bestandsmarktaufruf so wichtig“, betonte Mühlbauer. Werde er eingestellt, könnten Medikamente ohne Zusatznutzen auf Jahre zu überhöhten Preisen im Markt bleiben – zum Nachteil der Patienten.

„Auf dem Markt sind heute zahlreiche Arzneimittel, deren Zusatznutzen nicht belegt ist“, befand auch Ulrich Schwabe, Mitglied der AkdÄ und Mitherausgeber des Arznei-Verordnungsreports. Manche davon tauchten sogar in Leitlinien auf. „Diese Arzneimittel müssen auf ihren Zusatznutzen hin überprüft werden“, forderte Schwabe, „und zwar allein schon deshalb, um ihren therapeutischen Wert zu bestimmen.“

Bislang gehe es bei der Diskussion um den Bestandsmarktaufruf nur um die Kosten der Arzneimittel. Der Versorgungsaspekt werde dabei überhaupt nicht diskutiert. Das sei ein Fehler. „Der Bestandsmarktaufruf im Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz ist eine Kann-Bestimmung“, erklärte Schwabe. „Der Gesetzgeber hätte also problemlos alles beim Alten belassen können. Dass er ihn nun abschafft, ist ein Kniefall vor der Industrie.“

Im Rahmen der Koalitionsverhandlungen hatten sich Union und SPD darauf geeinigt, die heute bestehende Möglichkeit, den Zusatznutzen alter, patentgeschützter Arzneimittel prüfen zu lassen, wieder aus dem Sozialgesetzbuch zu streichen. Grund dafür seien „eine Reihe rechtlicher, verfahrenstechnischer und praktischer Probleme“, die sich beim Aufruf des Bestandsmarktes ergeben hätten. © fos/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

aquanixe2004
am Freitag, 29. November 2013, 14:58

Endlich Schluss mit der Ignoranz eines Hr. Mühlbauer !

Ich freue mich für meine Patienten, dass diese Studiendebatte vom Tisch ist.
Medizin findet nicht auf Papier statt, sondern in der Praxis !
Dort sollte sich Hr. Mühlbauer als Alt-Funktionär mal wieder hinbegeben !

Nachrichten zum Thema

15.02.17
Berlin – Das geplante Arztinformationssystem, mit dem Ärztinnen und Ärzte besser über die Ergebnisse der frühen Nutzenbewertung bei neuen Arzneimitteln informiert werden sollen, darf Ärzte in ihrer......
06.02.17
Arztinformations­system: Sorge um Verordnungsfreiheit
Berlin – Vertragsärzte sollen künftig mit Hilfe eines Arztinformationssystems direkt beim Verordnungsvorgang arzneimittel- beziehungsweise wirkstoffbezogen über die Ergebnisse neuer Arzneimittel im......
26.01.17
Nutzen von aktiven Bewegungsschienen bei Kreuzbandriss nicht belegt
Köln – Ob Patienten mit vorderem Kreuzbandriss bei der Rehabilitation vom Training mit aktiven Bewegungsschienen profitieren können, ist laut dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im......
11.01.17
Neugeborenen­screening auf schweren kombinierten Immundefekt sinnvoll
Köln – Neugeborene profitieren von einem Screening auf einen schweren kombinierten Immundefekt (Severe combined Immunodeficiency, SCID). In seinem Abschlussbericht zum Thema hat das Institut für......
10.01.17
Messung der myokardialen fraktionellen Flussreserve kann bei Frage nach PCI nützen
Köln – Die Messung der myokardialen fraktionellen Flussreserve (FFR) kann für Patienten mit einer koronaren Herzkrankheit (KHK) hilfreich sein, für die eine Gefäßerweiterung mittels perkutaner......
09.01.17
Köln – Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) sieht beim Vergleich der sogenannten Tonsillotomie – also der Mandelteilentfernung – und der vollständigen Resektion......
09.01.17
Nutzen von Sofosbuvir-Vel­patasvir bei HIV-positiven Patienten bleibt unklar
Köln – Wegen einer zu geringen Datenbasis bleibt der Effekt der Therapie mit Sofosbuvir-Velpatasvir (SOF/VEL, Handelsname Epclusa) bei HIV-Patienten mit chronischer Virushepatitis Typ C unklar. Zu......
VG Wort

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige