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Soziale Not kommt in der Hausarztpraxis an

Donnerstag, 28. November 2013

Düsseldorf – Hausärzte sind täglich mit den gesundheitlichen Auswirkungen von Armut in Familien konfrontiert. „Wir sehen schon bei den Kindern, die in ärmeren Verhältnissen leben, die Krankheitslast wachsen, etwa bei sportlicher Inaktivität, Übergewicht und Verhaltensauffälligkeiten“, sagte Stefan Wilm, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Düsseldorf auf dem Kongress „Familienmedizin in der Hausarztversorgung der Zukunft“ in Düsseldorf.

Familienmedizinisch orientierte Hausärzte könnten und müssten darauf reagieren. Hausärztliche Praxen seien ein niedrigschwelliges Angebot für die Betroffenen. Die Familie im Fokus erlaube es, problematischen Entwicklungen vorzubeugen, auf die familiäre Situation abgestimmte Behandlungsoptionen anzubieten und systemische Aspekte mit zu berücksichtigen.

„Wir beobachten in der Langzeitbegleitung der Familien, wie über die Armutsspirale schlechte Bildungschancen zu früher, häufig überforderter Elternschaft führen“, erläuterte Wilm, der selbst als niedergelassener Hausarzt praktiziert und Mitglied im Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) ist. Er betonte jedoch auch, dass es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei, den Folgen von Armut und Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken – „dies kann nicht an die Kinderärzte und Hausärzte abgeschoben werden“, so Wilm.

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In Deutschland ist fast jeder Sechste armutsgefährdet. Die soziale Notlage geht mit einem vermehrten Gesundheitsrisiko einher. „Das gilt für ältere Menschen, deren Armutsrisiko zunimmt, wie für Arbeitslose und Menschen in prekären Beschäftigungs­verhältnissen“, erläuterte Thomas Lampert vom Robert Koch Institut (RKI) in Berlin auf dem Kongress. Menschen mit niedrigem Sozialstatus seien zwei bis dreifach so häufig von den großen Bevölkerungskrankheiten wie Diabetes, koronarer Herzerkrankung oder Adipositas betroffen wie gut Situierte“, so der RKI-Experte. © hil/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 29. November 2013, 00:12

Danke für den Hinweis, Prof. Dr. med. Stefan Wilm!

Im Zusammenhang mit der Tatsache, dass der klinische Epidemiologe Prof. Dr. Dr. Karl Lauterbach (Approbation als Arzt lt. Bundestagshandbuch 2010) sich als SPD-Verhandlungsführer der AG Gesundheit zum Abschluss seiner dortigen Koalitionsverhandlungen vor die SPD-Fraktion, die Medien und die Öffentlichkeit gestellt hat, um zu verkünden: "Die Solidarität muss sich darin zeigen, dass jeder nach seinem Einkommen zahlt und nicht Einkommens-u n-abhängig nach Kopfpauschalen", stellt sich für mich persönlich die Frage, ob dieser Kollege überhaupt ministrabel sein könnte?

Denn das "historische Ende der Kopfpauschalen" feiern zu wollen, ist leider, wie so häufig, eine SPD-typische Halbwahrheit Insbesondere, wenn immer von "Gesundheit" statt "Krankheit" politisiert wird: Rezeptverordnungsgebühren von 5-10 Euro pro Einzelverordnung, Selbstbeteiligungen bei REHA, Kuren und Kranken­haus­auf­enthalten, Zuzahlungen bei Heil- und Hilfsmitteln sind und bleiben in der GKV weiterhin Einkommens-u n a b h ä n g i g e "Kopfpauschalen". Das kann nur jemand übersehen und negieren wollen, der keine Kassenrezepte nach Muster 16 ausstellt, sondern eher globale Epidemiologie und hobbymäßig Gesundheitsökonomie betreibt - eigentlich müsste letzteres "Krankheitsökonomie" heißen. Nur wer selbst eine hausärztliche Praxis führt oder geführt hat, weiß, dass in j e d e r Haus-Arztpraxis, egal ob in Wohngebieten der Reichen, in den Ghettos der Armen oder bei mir in der Dortmunder Innenstadt i m m e r wieder Patienten auftauchen, die ihre Schwellenängste überwinden müssen, um zu offenbaren, dass ihr Geld für diese "kleinen Kopfpauschalen" hinten und vorne nicht reicht. Und wenn sie gerade o b e r h a l b der GKV-Befreiungsgrenze und o b e r h a l b der gesetzlich zulässigen Belastung von 1 Prozent bzw. 2 Prozent (chronische Erkrankungen) von den Brutto-(!)-Einkünften liegen, werden sie mit bis zu 30 Euro allein für drei Verordnungen pro Rezeptformular (GKV-Muster 16) belastet, was für Gutverdiener manchmal nur "peanuts" sein können.

Ich betreue seit Jahrzehnten einen jetzt 73 Jahre alten Patienten, der hatte früher auf Montage private Hallen-Schwimmbäder und Außen-Pools für die Reichen und Schönen in ganz Deutschland gebaut. Mein Patient hatte gutes Geld verdient, aber die von der FDP so gepriesene private Vorsorge konnte ihn nicht erreichen. Die ging für Falschberatungs- und Versicherungsprovisionen drauf. Also hat er dann trotz Bandscheibenschäden, COPD, hypertensiver Herzkrankheit weiter bis zum 69. Lebensjahr gearbeitet, um seine Rente gerade oberhalb der GKV-Befreiungsgrenze aufzubessern.

Dann bekam er ein invasiv wachsendes, aggressives Prostatakarzinom, eine Niereninsuffizienz und eine psychoreaktive Depression. In diesem Jahr musste er sich aktuell einer 3-fach-ACVB-OP wegen schwerer koronarer 3-Gefäß-Krankheit unterziehen. Nicht nur für d i e s e n einen Patienten sammle ich Ärztemuster, sortiere noch versiegelte Medikamenten-Rückgaben anderer Patienten und recherchiere Zuzahlungsbefreiungen. Weil es unter Schwarz-Schwarz, Schwarz-Gelb, Rot-Schwarz, Rot-Grün, Schwarz-Gelb und jetzt Schwarz-Rot i m m e r Leute gegeben hat und geben wird, die j e d e Art von "Kopfpauschale" in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung nicht ertragen und aushalten können.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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