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Medizin

Narkolepsie: Molekulare Mimikry erklärt Komplikation von Grippe und Impfung

Donnerstag, 19. Dezember 2013

dpa

Stanford – Die Narkolepsie-Erkrankungen, die nach der Schweinegrippe in China und nach der Impfung mit Pandemrix in Europa beobachtet wurden, sind vermutlich Folge einer molekularen Mimikry. Eine Studie in Science Translational Medicine (2013; 5: 216ra176) lässt vermuten, dass das Immunsystem die Grippe-/Impfviren bei ent­sprechender genetischer Veranlagung mit dem Neurotransmitter Hypocretin verwechseln kann, der im Gehirn den Schlafrhythmus reguliert.

Die molekulare Mimikry beschreibt die Ähnlichkeit von Krankheitserreger und Mensch auf der Ebene von Proteinen, genauer in der Abfolge von Aminosäuren, die als Antigen vom Immunsystem erkannt werden. Fremde Antigene werden attackiert, was bei einer zu großen Ähnlichkeit der Erreger mit körpereigenen Antigenen zu einem Kollateralschaden führen kann, der sich als Autoimmunerkrankung bemerkbar macht.

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Bei der Narkolepsie wird seit einiger Zeit eine molekulare Mimikry mit dem Neurotrans­mitter Hypocretin diskutiert. Hypocretin (auch Orexin genannt) wurde erst im Jahr 1998 entdeckt. Es wird von wenigen Neuronen im Hypothalamus gebildet und beeinflusst unter anderem den Schlafrhythmus. Ein Mangel an Orexin im Gehirn kann eine Narkolepsie auslösen. Narkoleptiker haben typischerweise verringerte Hypocretinkonzentrationen im Liquor.

Die seltene Erkrankung, die mit extremer Tagesmüdigkeit, Kataplexie, hypnagogen Halluzinationen und Schlafparalysen einhergeht, wird heute auf eine Zerstörung der Hypocretin-bildenden Neuronen zurückgeführt. Als Ursache wird seit einiger Zeit eine Autoimmunerkrankung vermutet. Als Hinweis gilt die Assoziation mit einem bestimmten humanen Leukozytenantigen (HLA), das an Immunreaktionen beteiligt ist.

In früheren Untersuchungen konnte Emmanuel Mignot vom Stanford Center for Sleep Sciences and Medicine zeigen, dass 98 Prozent aller Narkolepsie-Patienten die HLA-Variante DQ0602 haben, deren Anteil in der Gesamtbevölkerung nur 25 Prozent beträgt. Die HLA-Variante ist eine notwendige Bedingung für die Narkolepsie, es müssen aber andere Faktoren hinzu kommen.

Einer dieser Faktoren ist eine Erkrankung mit der Influenza A/H1N1 (Schweinegrippe) oder die Impfung dagegen mit der Vakzine Pandemrix. In China war es 2010 nach der Schweinegrippe und in Europa nach der Pandemrix-Impfung zu vermehrten Fällen einer Narkolepsie gekommen. Dies veranlasste Mignot, nach Bestandteilen des Grippe-Erregers (der auch im Impfstoff enthalten war) zu suchen, die eine Ähnlichkeit mit dem Hypocretin-Molekül haben.

Er fand sie jetzt in einem 13 Aminosäuren langen Abschnitt des Hämagglutinin-Proteins. Sie haben große Ähnlichkeit mit zwei Abschnitten im Neurotransmitter Hypocretin, der ebenfalls ein Protein ist. Im Labor reagierten T-Zellen von Narkolepsie-Patienten mit den beiden Abschnitten des Hypocretin-Proteins. Und bei Narkolepsie-Patienten konnten durch die Gabe des Hämagglutinin-Proteins eine Immunreaktion gegen Hypocretin induziert werden.

Diese Kreuzreaktionen gibt es allerding nicht erst seit der Schweinegrippe. Sie waren auch in älteren Blutproben aus der Zeit vor 2009 nachweisbar. Mignot vermutet deshalb, dass es neben dem Virus der Schweinegrippe noch andere Auslöser der Autoimmunreaktion geben muss. Die Kreuzreaktionen wurden interessanterweise nur bei Trägern der HLA-Variante DQ0602 gefunden. Ungeklärt bleibt allerdings noch, warum nach der Impfung mit Pandemrix nur wenige Personen an einer Narkolepsie erkrankten. Mignot gibt die Chance mit 1 zu 16.000 an. © rme/aerzteblatt.de

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