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Medizin

Hirnforschung: Elektrokon­vulsionstherapie löscht gezielt Erinnerungen

Montag, 23. Dezember 2013

Nimwegen – In Experimenten in Nature Neuroscience (2013; doi: 10.1038/nn.3609), die an Kinofilme erinnern, zukünftig aber Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung helfen könnten, ist es Hirnforschern gelungen, gezielt Erinnerungen aus dem Gehirn wenn nicht gänzlich zu löschen, so doch abzuschwächen.

In dem Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1975) wurden Elektroschocks genutzt, um den Willen rebellischer Psychiatrie-Patienten zu brechen. In „Vergiss mein nicht“ (2004) werden die Erinnerungen zweier Liebender komplett getilgt. So weit ist die Hirnforschung noch nicht, doch eine Manipulation von Erinnerungen erscheint heute zumindest vorstellbar.

Grundlage ist die Hypothese der Gedächtniskonsolidierung. Sie geht davon aus, dass der Inhalt des Gedächtnisses bei jedem Akt des Erinnerns neu geschrieben wird – vergleichbar mit einer Computerdatei, die zur Bearbeitung in den Arbeitsspeicher geladen wurde und beim Speichern die alte Datei ersetzt.

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Beim Menschen könnte der Akt des Erinnerns ein ähnliches Fenster öffnen, um Inhalte des Gedächtnisses zu verändern oder auch zu löschen. Marijn C. W. Kroes vom Donders Institut an der Radboud Universität in Nimwegen und Mitarbeiter verwendeten zu diesem Zweck eine Elektrokonvulsionstherapie, die ein anerkanntes Therapieverfahren bei Patienten mit schwerer Major-Depression ist. Alle 42 Teilnehmer der Studie litten an einer Major-Depression, zu deren Behandlung sie Elektroschocks erhalten sollten.

Für die Studie wurden den Probanden in Diavorträgen zwei emotional aufrührende Geschichten (Verkehrsunfall und Überfall) erzählt, deren Inhalt sie sich merken sollten. Später wurde die Erinnerung zu einer der beiden Geschichten durch einen erneuten kurzen Diavortrag geweckt. Unmittelbar danach erfolgte eine Elektrokonvulsionstherapie (unter Anästhesie und Muskelrelaxation).

Am nächsten Tag wurde das Gedächtnis mit einem Multiple-Choice-Test geprüft. Die Probanden, deren Rekonsolidierung durch die Elektrokonvulsionstherapie gestört wurde, erinnerteen sich an deutlich weniger Details als die anderen Teilnehmer, die keine Elektroschocks erhalten hatten. Die Erinnerung an die zweite Geschichte, die vor der Elektrokonvulsionstherapie nicht aus dem Gedächtnis abgerufen worden war, war dagegen nicht vermindert.

Die Studie belegt, dass Elektroschocks Erinnerungen in der Phase der Rekonsolidierung abschwächen können. Ob der Effekt allerdings stark genug ist, um Patienten mit post­trau­ma­tischer Belastungsstörung zu nutzen, muss offen bleiben. Diese Patienten leiden häufig unter Erinnerungen an traumatische Ereignisse, die unvermittelt auftreten und die – nach der Hypothese der Gedächtniskonsolidierung – durch das ständige Erinnern eine Verstärkung erfahren.

Weitere potenzielle Anwendungsgebiete wären die Behandlung von Substanz-Abhängigkeiten, bei denen Erinnerungen das Craving auslösen, sowie Zwangs­störungen, bei denen das Verhalten häufig durch zwanghafte Gedanken der Patienten ausgelöst wird. © rme/aerzteblatt.de

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