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Politik

„Wir wissen, wo die Fachkompetenz zu finden ist“

Donnerstag, 9. Januar 2014

Berlin – Das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland ist angespannt wie selten zuvor. Auf die deutsch-russische Zusammenarbeit im Bereich Gesundheit haben politische Verstimmungen jedoch wenig Einfluss. Diese Erfahrung machen zumindest Vertreter des Koch-Metschnikow-Forums (KMF). Die Organisation engagiert sich in Gesundheitsprojekten in Russland, unter anderem im Rahmen des im Jahr 2010 verabschiedeten deutsch-russischen Gesundheitsabkommens.

5 Fragen an Timo Ulrichs, stellvertretender Vorsitzende des Koch-Metschnikow-Forums (KMF) und Leiter der Sektion Tuberkulose des KMF.

DÄ: Das Koch-Metschnikow-Forum hat sich seit seiner Gründung im Jahr 2006 um eine stärkere Vernetzung auf dem Gebiet der Gesundheitsvorsorge zwischen Deutschland und Russland bemüht. Wie gehen Sie dabei vor?
Ulrichs: Wir organisieren häufiger große medizinische Kongresse mit rund 300 Teilnehmern, aber auch Fachtagungen zu Spezialthemen wie Diabetes, Tuberkulose oder Gesundheit von Mutter und Kind. Zusätzlich initiieren wir Seminarveranstaltungen an den Partneruniversitäten, bei denen  informierte Hochschullehrer kleine Gruppen zu einzelnen Themen unterrichten. Es ist wichtig, ein Netzwerk zu bilden, das das Wissen weiter in die Fläche trägt.

Wir unterstützen auch den deutsch-russischen Austausch, zum Beispiel in Form von Hospitationen. Viele russische Kollegen kommen gern nach Deutschland, und die Kollegen hier sagen eigentlich nie nein, wenn man sie um Unterstützung bittet. Das liegt auch daran, dass wir die Hospitanten zusammen mit russischen Kooperationspartnern sehr sorgfältig auswählen. Ein Stipendiaten-Programm haben wir in Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Medizinisch-Chirurgischen Pirogov-Zentrum in Moskau durchgeführt. So konnten junge russische Chirurgen am Deutschen Herzzentrum in Berlin ausgebildet werden.

DÄ: Welche Kontakte sind besonders wichtig, um in Russland voranzukommen?
Ulrichs: Besonders wichtig ist es, zu denjenigen stabile Kontakte aufzubauen, die in Russland offizielle Funktionen übernehmen, wie beispielsweise Mitglieder der Russischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften. Sie sind einflussreich und bestimmen das Geschehen in einem Fach. Aber auch Kollegen mit koordinativen Aufgaben spielen eine wichtige Rolle. Dem Präsidenten der russischen Rektoren-Konferenz der medizinischen Hochschulen haben wir zum Beispiel die Zusammenarbeit mit den Universitäten in Woronesch und Tomsk zu verdanken.

Man muss sich aber auch mit den Repräsentanten politischer Strukturen abstimmen. Wir haben Verbindungen zum Russischen Föderalen Ge­sund­heits­mi­nis­terium geknüpft und haben dort als KMF mittlerweile einen offiziellen Status als Berater. Wir kooperieren aber auch mit lokalen Regierungen. Russland ist in 83 sogenannte Oblasts aufgeteilt, die Bundesländern ähneln und in denen eigene Ge­sund­heits­mi­nis­ter regieren.

DÄ: Wie schultert Ihre vergleichsweise kleine Organisation diese ganze Arbeit?
Ulrichs: Das Kernteam des KMF ist in der Tat überschaubar. Der Vorstand besteht aus sieben Personen. In Berlin haben wir eine Geschäftsstelle im Langenbeck-Virchow-Haus. Sie und der Vorstand koordinieren die Arbeit der insgesamt 14 Sektionen, die für bestimmte Inhalte verantwortlich sind. Dort findet dann die themenbezogene Arbeit an konkreten Projekten statt. Je nach Bedarf holen wir uns Experten und Kooperations­partner hinzu. Es kommt nicht auf die Größe an. Man muss nur wissen, wo die notwendige Fachkompetenz zu finden ist.

DÄ: Sie haben auch die Industrie an Bord geholt. Wie sieht die Zusammenarbeit in diesem Bereich aus?
Ulrichs: Das KMF hat als Verein auch zahlende Industriemitglieder. Es sind namhafte Firmen dabei, die sich natürlich von unserer Arbeit in Russland auch finanzielle Vorteile erwarten. Aber die Kaufleute folgen in diesem Fall den Wissenschaftlern, und dagegen ist nichts einzuwenden. Unsere Mitgliedsunternehmen können sich unter anderem bei unseren Veranstaltungen präsentieren. Dabei leisten sie einen finanziellen Beitrag zur Finanzierung der Veranstaltung.  Wir vermitteln auch Kontakte zu potentiellen Kooperationspartnern, wenn es gewünscht wird.

DÄ: Sie bauen so auch Brücken nach Deutschland. Begünstigen Sie damit nicht die Abwanderung von Wissenschaftlern und hochqualifizierten Arbeitskräften aus Russland?
Ulrichs: Das Problem sehen wir in der Tat. So sind beispielsweise in den Jahren der Zusammenarbeit mit dem Moskauer Tuberkulose-Forschungsinstitut einige gute Wissen­schaftler nach Kanada, in die USA oder nach Deutschland ausgewandert und haben sich dort etabliert. Das lässt sich nicht ändern. Denn die Forschungs- und Arbeitsbedin­gungen verbessern sich in Russland nur allmählich. Wir legen allerdings großen Wert darauf, dass die russischen Kollegen nach einem Erfahrungsaustausch in Deutschland möglichst wieder zurück nach Russland gehen, auch um dort eine gute und stabile Partnerschaft aus dem eigenen Land heraus aufzubauen.

Außerdem wollen viele Kollegen nicht ins Ausland. Sie sind vielmehr interessiert an der Einbindung in die westliche „Scientific Community“ und an der Möglichkeit, auf Englisch in internationalen Zeitschriften zu veröffentlichen und an internationalen Konferenzen teilzunehmen. Dann sehen die Wissenschaftler auch eine Perspektive, in ihrem eigenen Land etwas aufzubauen. © ank/aerzteblatt.de

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