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Interdisziplinäres Forum der BÄK: Geschlechts­krankheiten nicht tabuisieren

Freitag, 10. Januar 2014

Berlin – Auf die steigende Zahl von sexuell übertragbaren Infektionen (STI, Sexually Transmitted Infections) haben Experten auf dem 38. Interdisziplinären Forum der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) in Berlin hingewiesen. Nach dem HIV/AIDS-Schock der 80er und 90er Jahre war es zu einem starken Rückgang von sexuell übertragbaren Erkrankungen in der westlichen Welt gekommen.

„Seit Beginn des neuen Jahrtausends wird jedoch wieder eine deutliche Erhöhung der HIV-Infektionszahlen in den westlichen Ländern verzeichnet“, sagte Norbert Brockmeyer, Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft und Leiter des Zentrums für sexuelle Gesundheit an der Ruhruniversität Bochum. Deutschland weise nach wie vor die, abgesehen von Finnland und Andorra, geringsten HIV-Neuerkrankungsraten auf. „Allerdings sind die Neuinfektionsraten für Syphilis, Gonorrhoe und andere STI seit etwa einem Jahrzehnt stetig zunehmend“, so der STI-Experte.

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Im Jahr 2012 seien 4.500 Syphilis-Fälle registriert und 15.000 bis 16.000 Gonorrhoe-Fälle geschätzt worden. Bei jungen Menschen, die erste sexuelle Erfahrungen machen, träten häufig Infektionen mit Chlamydien, humanen Papilloma Viren (HPV) und Herpes simplex auf. Gespräche über die eigene Sexualität seien weiterhin sehr häufig mit Scham, Scheu, Zurückhaltung und auch mit Tabus verbunden. „Wichtig ist, dass Kommunikation in diesem Spannungsfeld zwischen Tabu und Hilfsanspruch gelingt und dies vertrauensvoll und ohne moralische Vorbehalte“, unterstrich Brockmeyer.

Die zunehmende Bedeutung der STIs verdeutlichten weitere Referenten mit aktuellen Zahlen: Die Erreger der Spezies Chlamydia trachomatis seien die weltweit häufigste Ursache bakterieller sexuell übertragener Infektionen, berichtete Heinrich Rasokat, Oberarzt an der Universität zu Köln. So sei die Zahl der in Sachsen gemeldeten Infektionen von 26,3 pro 100.000 Einwohner in 2003 auf 102 pro 100.000 in 2012 deutlich gestiegen. „Es besteht ein hohes Reinfektionsrisiko, so dass in jedem Fall eine Partnertherapie dringend empfohlen wird“, so Rasokat.

Syphiliserkrankungen haben erheblich zugenommen
„Unter den klassischen Geschlechtskrankheiten ist die Syphilis die einzige Erkrankung, die seit Einführung des Infektionsschutzgesetzes noch an das Robert-Koch-Institut gemeldet wird“, berichtete Helmut Schöfer, Oberarzt an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Sie habe seit 2001 nahezu stetig und in den letzten drei Jahren erheblich zugenommen, vor allem bei Männern, die Sex mit Männern haben.

Petra Spornraft-Ragaller, Oberärztin an der Technischen Universität in Dresden, erklärte, dass zur Häufigkeit der Gonorrhoe wegen fehlender bundesweiter Meldepflicht wenig bekannt sei. Nach der sächsischen Meldeverordnung zeige sich jedoch eine mit anderen europäischen Ländern vergleichbare Inzidenz. „Die antibiotische Resistenz des die Gonorrhoe auslösenden Bakteriums nimmt seit Jahren ständig zu“, warnte Spornraft-Ragaller. 

Das 38. Interdisziplinäre Forum „Fortschritt und Fortbildung in der Medizin“ in Berlin ist der zentrale Fortbildungskongress der BÄK. Er endet am 11. Januar mit einer begleitenden Tagung der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft. © hil/aerzteblatt.de

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Avatar #697854
Dr.Bayerl
am Montag, 18. April 2016, 21:47

wieso bitte "ohne moralische Vorbehalte", Ethik-Kommissionen sind doch hoch im Kurs?

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LNS

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