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Politik

Krankenhausreport 2014: AOK plädiert für mehr Patientensicherheit

Dienstag, 21. Januar 2014

/fotolia

Berlin – Anlässlich der Veröffentlichung des diesjährigen Krankenhausreports fordert der AOK-Bundesverband „eine intelligentere Krankenhausplanung, die sich am Bedarf der Patienten orientiert“. Die Investitionsentscheidungen der Länder und die Kapazitäten der Kliniken müssten stärker an die Qualität des einzelnen Krankenhauses und an den tatsächlichen Bedarf in einer Region gekoppelt werden, sagte Uwe Deh, Geschäfts­führender Vorstand des AOK-Bundesverbandes, bei der Vorstellung des Reports in Berlin.

Damit bekräftigte er zu Beginn der neuen Legislaturperiode erneut eine bekannte Forderung der Kassen nach einer stärkeren Spezialisierung der Kliniken. Wie gut eine Krankenhausbehandlung sei, hänge mit der Häufigkeit der Eingriffe zusammen, argumentierte Deh. So weist beispielsweise laut Krankenhausreport bei planbaren Hüftgelenk-Operationen das Fünftel der Kliniken mit den wenigsten Eingriffen im Vergleich zum Fünftel mit den meisten Behandlungen eine um 37 Prozent höhere Rate an Wiederholungsoperationen auf.

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„Vieles spricht dafür, dass mit steigender Erfahrung und Routine bessere Ergebnisse erzielt werden“, ergänzte Jürgen Klauber, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) und Mitherausgeber des Krankenhausreports. Das belege auch eine aktuelle Auswertung von AOK-Daten zur Versorgung von Frühchen mit weniger als 1.250 Gramm Geburtsgewicht: Hier liege die Wahrscheinlichkeit, dass diese Babys sterben, bei Kliniken mit weniger als 15 Fällen pro Jahr um 87 Prozent höher als bei Kliniken, die mehr als 45 Frühchen pro Jahr versorgen, sagte Klauber. „Viele Krankenhäuser versuchen, sich zu ‚kleinen Universitätskliniken‘ zu entwickeln, die alles anbieten“, beklagte Deh. „Für eine hochwertige medizinische Versorgung ist jedoch Spezialisierung das Gebot der Stunde.“

Die im Koalitionsvertrag vorgesehene Gründung eines Qualitätsinstituts wertete der Vorstand als einen Schritt in die richtige Richtung. Wer tatsächlich Versorgungsprobleme beseitigen wolle, müsse aber einen Schritt weiter gehen und die Krankenhauslandschaft modernisieren.

Als einen Beleg für diesen Modernisierungsbedarf führt der AOK-Bundesverband Analysen des Aktionsbündnisses Patientensicherheit und des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen von 2007 an. „Wir müssen wir nach wie vor davon ausgehen, dass bei fünf bis zehn Prozent aller Krankenhausbe­hand­lungen ein unerwünschtes Ereignis stattfindet“, erklärte Max Geraedts, Leiter des Instituts für Gesundheitssystemforschung der Universität Witten/Herdecke und Mitherausgeber des Reports.

Knapp die Hälfte dieser unerwünschten Ereignisse gilt dem Gesundheitssystemforscher zufolge als vermeidbar. Fehler kämen den Hochrechnungen entsprechend mit einer Häufigkeit von rund einem Prozent aller Krankenhausfälle vor; tödliche Fehler mit einer Häufigkeit von rund einem Promille. „Ein Fall von 1.000 bedeutet auf dem heutigen Versorgungsniveau rund 19.000 Todesfälle in deutschen Krankenhäusern pro Jahr auf der Basis von Fehlern – das sind fünfmal so viele Todesfälle wie im Straßenverkehr“, sagte Geraedts. Für Krankenhäuser lohne es sich also, zum Wohle der Patienten in die Patientensicherheit und Vermeidung von Fehlern zu investieren.

Die Autoren des Krankenhausreportes 2014 nennen als Ursachen für Gefährdungen der Patientensicherheit unerwünschte Arzneimittelereignisse, Hygienemängel und eine zu wenig geregelte Einführung medizinischer Innovationen. Denn unerwünschte Arzneimittelereignisse seien mit elektronischen Verschreibungssystemen vermeidbar. Trainingskonzepte könnten helfen, Abläufe zu optimieren und im Krisenfall Fehler zu verhindern. Auch die Einführung des Deutschen Aortenklappenregisters und des Deutschen Endoprothesenregister seien zu begrüßen.

„Am wichtigsten scheint aber, dass die Krankenhäuser noch stärker für das Thema sensibilisiert werden, eine Fehlerkultur zu etablieren und die bereits eingeführten Fehlerberichtssysteme stärker zu nutzen, um besser aus eigenen Fehlern und den Fehlern anderer Krankenhäuser zu lernen“, betonte Geraedts.

Ärzteschaft ist das Thema Patientensicherheit früh angegangen
Gegen den Vorwurf einer mangelnden Fehlerkultur innerhalb der Ärzteschaft wehrte sich der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Frank Ulrich Montgomery: „Die deutsche Ärzteschaft ist das Problem frühzeitig und offensiv angegangen. Auf vielen Ärztetagen haben wir uns intensiv mit der Patientensicherheit auseinandergesetzt. Wir waren Initiatoren und sind Protagonisten dieses Themas“, betonte er.

Gleichzeitig räumte Montgomery ein, dass Fehler in der Medizin passierten. „Wir kehren diese Fehler aber nicht unter den Tisch, sondern wir lernen aus ihnen und wir setzen uns dafür ein, dass den betroffenen Patienten schnellstmöglich geholfen wird“, sagte er und verwies  auf das Verhältnis der Zahl der festgestellten schwerwiegenden Behandlungs­fehler zur Gesamtzahl der rund 18 Millionen Behandlungsfälle in den Krankenhäusern und den mehr als 540 Millionen Fällen im vertragsärztlichen Bereich. „Jeder Fehler ist ein Fehler zu viel. Dennoch müssen wir sehen, dass sich die Zahl dieser Behandlungsfehler im Verhältnis zur Gesamtzahl aller Behandlungsfälle im Promillebereich bewegt.“

Die Bundes­ärzte­kammer erinnerte auch an die seit Jahren akzeptierte Arbeit der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern. Aus der Behandlungsfehlerstatistik der Bundes­ärzte­kammer gehe hervor, dass  die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern im Jahr 2012 insgesamt 7.578 Anträge zu mutmaßlichen Behandlungsfehlern bearbeitet haben. Dabei habe in 2.280 Fällen ein Behandlungsfehler vorgelegen.

Krankenhausgesellschaft warnt vor Verunsicherung der Patienten
Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) warnte angesichts des AOK-Reports vor einer Verunsicherung der Patienten. „Nie hatten wir höhere Sicherheitsstandards in den Kliniken", erklärte Hauptgeschäftsführer Georg Baum. Die Kassen dürften nicht Maximales fordern und es gleichzeitig ablehnen, für die Mehrkosten zur Erhöhung von Qualität und Patientensicherheit aufzukommen. Denn Qualität und Sicherheit erforderten Ressourcen für mehr und permanent fortgebildetes Personal und moderne Ausstattungen.

Baum wies darauf hin, dass die Krankenhäuser Vorgaben zu Hygienepersonal zu erfüllen hätten. Zudem bestimmten Richtlinien des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA) Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität der stationären Patientenversorgung in hochsensiblen Bereichen,  zum Beispiel auf Frühgeborenen-Intensivstationen.

Als weitere Maßnahmen zur Erhöhung der Patientensicherheit nannte Baum unter anderem Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen, Qualitätszirkel, die Einführung von CIRS-Systemen zur Meldung kritischer Vorfälle, spezielle Besprechungen kritischer Fälle und die Einbindung von Risikomanagement-Aspekten in ärztliche und pflegerische Aus-, Fort- und Weiterbildung, Checklisten in sicherheitsrelevanten Bereichen oder die Teilnahme am Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System (KISS). © ER/aerzteblatt.de

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Avatar #111055
helmut.springer
am Mittwoch, 22. Januar 2014, 12:51

AOK-Krankenhausreport 2014

"19.000 Todesfälle in deutschen Krankenhäusern pro Jahr auf der Basis von Fehlern"
Derartige Horrormeldungen aufgrund von statistischen Zahlenspielen, die in der Tagespresse sogleich als fette Schlagzeile auf der ersten Seite veröffentlicht werden, sind völlig unverantwortlich.
Der Patient reibt sich ungläubig die Augen und ist heilfroh, dass er noch einmal mit dem Leben davon gekommen ist, wo so viele seiner Leidensgenossen in den Krankenhäusern gemeuchelt werden.
Es darf nichts beschönigt werden beim Umgang mit dem Thema Patientensicherheit. Aber ein differenzierter Umgang mit den Daten und eine verantwortungsbewusste Öffentlichkeitsarbeit kann erwartet werden. Die Verbreitung derartiger Schreckensszenarien richtet mehr Unheil an als dass sie nützt, indem sie die Patienten verunsichert und diese künftig zweifelhafte Alternativen zu einer notwendigen Krankenhausbehandlung suchen.
LNS

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