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Medizin

Tuberkulose: Rasche Ausbreitung trotz Resistenz in Russland

Montag, 27. Januar 2014

Mycobacterium tuberculosis CDC

London – Trotz vielfacher Resistenzen, die die Virulenz von Bakterien häufig ab­schwächen, breitet sich die Tuberkulose in Russland unvermindert aus. Ein Grund könnten sogenannte kompensatorische Mutationen sein, die die Fitness multiresistenter M. tuberculosis erhöhen. Dies zeigt die komplette Sequenzierung von tausend Mykobakterien, deren Ergebnisse in Nature Genetics (2014; doi: 10.1038/ng.2878) veröffentlicht wurden.

Zwischen 2008 und 2010 hat das Team um Francis Drobniewski vom Blizard Institute in London in der russischen Oblast Samara (am unteren Lauf der Wolga gelegen) 2.348 Isolate von russischen Tuberkulose-Patienten eingesammelt. Die Mykobakterien aus genau 1.000 Isolaten wurden später am Sanger Institute in der Nähe von Cambridge in England komplett gensequenziert. Es handelt sich damit um die bisher größte umfassende genetische Massenuntersuchung von Bakterien.

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Die Untersuchung sollte Aufschluss über die ungewöhnlich rasche Ausbreitung von resistenten Tuberkulosekeimen in Russland ergeben, die nicht nur Folge einer unzureichenden antibiotischen Therapie sind. Es kommt auch zur direkten Übertragung resistenter Erreger.

Dies überrascht Mikrobiologen, da die meisten Resistenzen die Fitness der Bakterien herabsetzen, was die Ansteckungsgefahr eigentlich vermindern sollte. Nicht so in der Oblast Samara (und vermutlich auch in weiten Teilen der ehemaligen Sowjetunion). Hier waren nicht nur 48 Prozent aller Erreger gegen Rifampicin und Isoniazid resistent, womit sie die Definition der MDR-Tuberkulose erfüllten.

Bei insgesamt 16 Prozent versagten außerdem mehrere Zweitlinienmedikamente, was sie zu Erregern der XDR-Tuberkulose machte. Die genetische Untersuchung ergab zudem, dass viele Erreger sich genetisch sehr ähnlich waren, was eine direkte Übertragung wahrscheinlich macht: Resistenzmutationen, die durch eine Behandlung induziert werden, sind häufig über die gesamte Strecke des verantwortlichen Gens verteilt. Wenn viele Infizierte die gleichen Mutationen aufweisen, spricht dies für eine Übertragung.

Besonders eng verwandt waren die Erreger des Beijing-Stammbaums, auf den zwei Drittel aller Bakterien fiel. Durch die Sequenzierung gewannen die Forscher nicht nur einen Überblick über die verschiedenen Resistenzen, deren auslösende Mutationen vielfach bekannt sind. Sie stießen auch auf Mutationen, mit denen die Erreger die Fitness zurückgewinnen, die sie durch die Resistenz verloren haben.

Mehr als 400 Isolate wiesen solche kompensatorischen Mutationen auf. Einige Antibiotika wie Kanamycin scheinen die Ausbreitung dieser „fitten“ Tuberkuloserreger besonders zu fördern, berichten die Forscher, die ein Auftreten dieser multiresistenten und gleichzeitig hochinfektiösen Erreger in Westeuropa nicht für ausgeschlossen halten. © rme/aerzteblatt.de

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