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Politik

„Heilmittelverord­nungen sind häufig falsch ausgefüllt“

Freitag, 31. Januar 2014

Berlin – Mitte Januar hat der neue Spitzenverband der Heilmittelverbände (SHV) seine Arbeit aufgenommen. Mitglieder sind der Bundesverband selbstständiger Physio­therapeuten (IFK), der Deutsche Verband der Ergotherapeuten (DVE), der Deutsche Verband für Physiotherapie (ZVK) und der Verband Physikalische Therapie (VPT). Dem Deutschen Ärzteblatt beschreibt der Vorsitzende des SHV, Karl-Heinz Kellermann, die Ziele des Verbandes und das Verhältnis der Heilmittelberufe zur Ärzteschaft.

Fünf Fragen an Karl-Heinz Kellermann, Vorsitzender des Spitzenverbandes der Heilmittelverbände

DÄ: Bisher waren die Heilmittelverbände in der Bun­desar­beitsgemeinschaft der Heilmittelverbände, kurz BHV, zusammengeschlossen. Was hat nun die Grün­dung eines neuen Spitzenverbandes notwendig gemacht?
Kellermann: Die bisher in der Bundesarbeits­gemein­schaft zusammengeschlossenen Heilmittelverbände haben sich inhaltlich voneinander entfernt. Deshalb sind auch der VDB - Physiotherapieverband und der Deutsche Bundesverband für Logopädie (dbl), die noch Mitglieder der BHV waren, nicht mehr im neu gegründeten Spitzenverband vertreten. Konkret möchte ich mich dazu aber nicht äußern. Nur so viel: Wir haben jetzt den Rücken frei, uns mit aller Kraft der berufspolitischen Arbeit zu widmen.

DÄ: Was sind die Hauptanliegen des SHV gegenüber der Politik?
Kellermann: Unser Hauptanliegen ist die Bekämpfung des Fachkräftemangels. Schon heute ist es für zahlreiche Therapeuten schwer, neue Mitarbeiter zu bekommen. Andere geben ihre Praxis ganz auf und verlassen den Beruf. Der Hauptgrund dafür ist, dass die Gebührenverhandlungen an die Entwicklung der Grundlohnsumme gebunden sind, und deshalb nur ein sehr niedriges Preisniveau zu erreichen ist. Viele Therapeuten müssen mit einem Umsatz von 40 Euro brutto in der Stunde auskommen. Das ist betriebs­wirtschaftlich überhaupt nicht akzeptabel und entspricht schon gar nicht der hohen Qualität unserer Leistungen. In der deutlichen Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sehen wir den Hauptschwerpunkt unserer Arbeit.

Dazu gehört auch unsere Forderung nach dem Direktzugang: Patienten, die Selbstzahler sind, müssen unsere Praxen auch ohne ärztliche Verordnung aufsuchen können. Konkrete Vorschläge an den Gesetzgeber liegen hierzu vor.

Der Ost-West-Angleich ist ein weiteres Thema. Therapeuten in Ostdeutschland bekommen für gleiche Leistungen noch immer zehn bis 15 Prozent weniger als ihre Kollegen im Westen. Fast 25 Jahre nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung ist das nicht mehr zu akzeptieren. Hier macht es sich die Politik zu einfach, wenn sie, wie bisher, auf die Vertragsverhandlungen mit den Krankenkassen verweist. Dieses Ungleichgewicht zu ändern ist nicht Sache der Selbstverwaltung, sondern Sache der Politik. Ein weiteres großes Problem für Therapeuten ist die Rezeptprüfpflicht, die ihnen vom Gesetzgeber auferlegt worden ist.

DÄ: Inwiefern?
Kellermann: Therapeuten werden dafür verantwortlich gemacht, dass die von den Ärzten ausgestellten Heilmittel-Verordnungen korrekt ausgefüllt sind. Die Verantwortung für Fehler in den Verordnungen liegt aber allein bei den Ärzten. Dennoch müssen Therapeuten nicht selten die verordnenden Ärzte persönlich aufsuchen, um eine korrekte Verordnung zu erhalten. Wenn unsere Praxen eine fehlerhafte Verordnung bei den Krankenkassen einreichen, bekommen sie für ihre Leistungen in aller Regel kein Geld. Besonders streng sind dabei die Kassen in Bayern und Baden-Württemberg.

In Sachsen-Anhalt, wo ich meine Praxis habe, gibt es weniger Beanstandungen – regional gehen die Krankenkassen sehr unterschiedlich mit der Prüfpflicht um. Das ganze Problem ließe sich lösen, wenn das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium unserem Vorschlag folgen und ein entsprechendes Pflichtmodul Heilmittel für die ärztliche Praxissoftware verbindlich vorschreiben würde, so wie es bei Arzneimitteln schon der Fall ist.

DÄ: Welche Fehler meinen Sie genau?
Kellermann: Häufig fehlen einfach bestimmte Kreuze auf der Verordnung, zum Beispiel bei dem Feld „Hausbesuch“. Oder es fehlt die Leitsymptomatik beim Indikationsschlüssel oder das Therapieziel bei einer Verordnung außerhalb des Regelfalls.

DÄ: Und was fordern Sie?
Kellermann: Wir fordern zum einen, dass wir die Verordnungen außerhalb der Zeit prüfen können, in der wir die Patienten behandeln – damit wir genug Zeit für die Behandlung haben. Zum anderen geht es aber gar nicht um Forderungen, sondern darum, miteinander zu reden und Verständnis für den anderen zu erzeugen. 

Zusammen mit den Kassenärztlichen Vereinigungen führen wir deshalb Informationsveranstaltungen durch, in denen wir die Ärzte darüber informieren, welche Probleme wir bei fehlerhaft ausgefüllten Heilmittel-Verordnungen bekommen. Viele Ärzte wissen das nicht und sind sehr offen für unsere Anliegen. Wir machen den Ärzten auch keine Vorwürfe, das möchte ich klarstellen. Wir möchten nur dazu beitragen, die Zusammenarbeit im Sinne der Patienten zu verbessern. © fos/aerzteblatt.de

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Avatar #104037
popert
am Samstag, 1. Februar 2014, 17:18

Verweigerungsbürokratie pur

Ich habe als niedegelassener Arzt noch die Zeit erlebt, als ein einfaches Rezept mit dem Adresskopf und dem Text "6 x KG wegen HWS-Beschwerden" völlig ausreichte. Heuzutage braucht man die Kenntnis von 200 Seiten Richtlinie, ein EDV-System, zwei verschiedene Verschlüsselungen, einmal Klartext Diagnose, einmal Klartext Symptome, drei verschiedene Formular und viel Zeit - für den gleichen Inhalt. Aber die Fehlermöglichkeiten sind enorm gewachsen, die Kassen sourcen die minutiöse Bearbeitung und Ablehnung der HM-Abrechnungen an Subunternehmer aus, die sich dann mit den Kassen die Beute (also die vorenthaltenen Zahlungen für erbrachte Leistungen) teilen.
Summa summarum ist dies das Musterbeispiel einer Bürokratie, die nur zu dem Zweck der Leistungsverweigerung und zu Lasten der Versorger betrieben wird.
Übrigens- der Inhalt der hochkomplizierten Ausschluss- und Indikationsregeln ist völlig evidenzfrei.
Wenn wir demnächst die Bürokratie bereinigen müssen, um den zukünftigen hausärztlchen Nachwuchs nicht zu verschrecken, dann wird diese skandalöse Verweigerungsbürokratie ganz am Anfang stehen müssen.
Avatar #110206
kairoprax
am Samstag, 1. Februar 2014, 16:03

Verantwortung f. Fehler i.d. Verordnungen liegt KEINESWEGS allein bei den Ärzten

Vielmehr ist der Heilmittelkatalog selbst unlogisch und lückenhaft und sogar in großen Teilen widersinnig.
Unlogisch ist er, weil z.B.einfache Krankheiten eine längere Behandlungszeit brauchen können als solche, die der Katalog als höherrangig ansieht. Dies führt schon zwangsläufig zur Notwendigkeit "außer der Regel" zu verordnen. Wenn Außer-der-Regel zur Regel wird, stimmt etwas nicht.
Lückenhaft ist der Katalog, weil es für zu viele Indikationen keine Vorschläge gibt, etwa für Gangbildstörungen ohne Apoplex oder Tumor, für Herzinsuffizienz, für psychogene Störungen, für Niereninduffizienz etc.
Es fehlt weiter an einer genaueren Unterteilung, beispielsweise der Regionen der Wirbelsäule.
Widersinnig ist der Katalog, weil generell nur zwei Therapieformen zugelassen sind, und die sind zudem nicht frei wählbar. KG-ZNS bei Wirbelsäulenleiden ist nicht möglich, ebenso wenig wie Lymphdrainage bei Apoplexen, beides nie in Zusammenspiel mit Massagen.
Therapiefreiheit ist anders.
In vielen Fällen würde es schon reichen, eine Rubrik "Sonstige" sowohl bei der Indiukation wie bei der Therapie vorzusehen.
Und dann kommen noch die Ankreuzfelder dazu, welche ich als Schikane betrachte, z.B. das Mußfeld Brief erwünscht, ja oder nein. Oder den seit 2013 vorgesehenen ICD-Code. In der Regel haben die Patienten in meiner Kartei mehrere ICD-Codes, die gleichermaßen Basis für die Verordnung sind.
Das Eintragen von einem (statt wenn schon von allen) ist Nonsens. Es ist aber auch deswegen Nonsens, weil das Therapieziel dort stehen müßte, also z.B. "Freies Gehen lehren unter Vermeidung des Rollators" oder "Muskelaufbau von derzeit trace auf wenigstens normal" oder "die Rotation derr HWS vermehren von derzeit 40 Grad auf bestmöglich".
Die OCD sind auch deswwegen fragwürdig, weil auf der anderen Seite statt konkreter Maßnahmen Komplexanwendungen angekreuzt werden können, also es dem Therapeuten überlassen bleibt, was er machen will.
Hausbesuche ja oder nein hingegen ist etwas anderes und im Gegensatz zu der Berichtspflicht mit Kosten und mit einer echten Indikation verbunden.
Ich bedaure mehr und mehr die früher praktikable Möglichkeit, die Verordnung frei und auf einem simplen Rezept zu formulieren, beispielsweise
"10x KG, Mobilisation aus dem Rollstuhl wegen Muskelschwäche und Gangbildstörung nach einer Hüft-OP, bitte neurophysiologische und manuelle Techniken anwenden - Befundbericht erbeten oder entbehrlicgh / Hausbesuche nötig oder nicht nötig".
Wir ziehen leider nicht am selben Strick, dabei wäre es sehr einfach, und wir hätten bald einen besseren Katalog.
Ach ja, es sind die Krankenkassen und nicht die Ärzte, die Leistungen verweigern, weil ein Kreuz fehlt, das Datum falsch ist oder es kein Folgerezept sondern eins außer der Regel ist - als sei das entscheidend für die Therapie.
Also bitte dort schimpfen, und bei den Autoren des Katalogs und denen, die hinter seiner Erstellung stehen, wohl wissend, daß er uns allen die Arbeit erschwert.
Die Krankenkassen treten als Zechpreller bei den Anwendern auf und als Regressandroher bei den Ärzten.
Das ist doch der Kardinalfehler des Ganzen, oder liege ich da falsch?

Dr.Karlheinz Bayer, Bad Peterstal
LNS

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