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Medizin

Organfunktionsraten in Deutschland liegen unter denen des europäischen Durchschnitts

Montag, 3. Februar 2014

Köln – In Deutschland liegen die Ein­jahres­funktionsraten von Transplantaten für viele Organe unter denen des europäischen Durchschnitts. Dies ergab eine aktuelle Auswer­tung der Collabo­rative Transplant Study (CTS) in Heidel­berg, einem der umfangreichsten Regis­ter der Transplantationsmedizin weltweit. Danach funktionieren zwölf Monate nach Transplantation in Deutschland durch­schnittlich 67 Prozent der Lebern, in den euro­päischen Ländern außerhalb des Eurotransplantverbunds (ET) sind es dagegen durchschnittlich 83 Prozent. Für die Herzen liegen die Funktionsraten zwölf Monate nach Transplantation in Deutschland bei durchschnittlich circa 74 Prozent und bei etwa 84 Prozent in europäischen Ländern außerhalb von ET. Bei den Lungen ist die Differenz etwa sechs Prozent (76 Prozent versus 82 Prozent).

Zu ET gehören acht europäische Länder inklusive Deutschland. Für die Mitgliedsländer erfolgt die Zuteilung der Organe nach harmonisierten Regeln, die nationale Vorgaben mitberücksichtigen. „Wir haben bewusst die Einjahresfunktionsraten in Deutschland mit denen europäischer Länder verglichen, die nicht unter die ET-Regeln bei der Organallo­kation fallen“, erläuterte Gerhard Opelz vom Institut für Transplantationsimmunologie der Universitätsklinik Heidelberg dem Deutschen Ärzteblatt.

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Opelz hat die CTS-Studie vor circa 30 Jahren initiiert. Die Datenbank enthält Informa­tionen über mehr als 550.000 Transplantationen, zu 80 Prozent aus europäischen Ländern. Die Teilnahme an der CTS-Studie ist freiwillig, die Korrektheit der übermittelten Daten lässt sich nicht überprüfen, Datensätze sind nicht immer vollständig.

Viele Faktoren haben einen Einfluss auf die Ergebnisse der Organtransplantation: Qualität und Ischämiezeit des Spenderorgans, Gesundheitszustand der Empfänger, HLA-Kompatibilität, Ischämiezeit, Expertise der Chirurgen, Art der Infektions- und Abstoßungsprophylaxe, Nachsorge. Die Bedeutung einzelner Faktoren sei für die Funktionsraten der Transplantate von Organ zu Organ durchaus unterschiedlich, in der CTS-Studie sei nur ein Teil von ihnen erfasst, erläutert Opelz.

Je höher die Dringlichkeit, desto schlechter oft die Erfolgsaussicht
Als eine Ursache für die schlechteren Funktionsraten der Lebern wird von Opelz und anderen Experten die Zuteilung nach Dringlichkeit auf der Basis des MELD-Scores (Model of endstage liver disease) gesehen: Die dringlichsten Patienten haben die größte Chance, rasch ein Organ zu erhalten. Mit der Dringlichkeit sinkt aber häufig die Chance auf eine Langzeitfunktion der übertragenen Leber.

„In Nicht-ET-Ländern gibt es eine stete Verbesserung der Ergebnisse, bei uns ist die Entwicklung umgekehrt“, sagt Opelz. In anderen Ländern werde häufig eine Variation des MELD, bei der die Erfolgswahrscheinlichkeit eine gewisse Rolle spiele, für die Allokation angewandt. Man denke mehr, aber nicht ausschließlich, erfolgsorientiert.

Dennoch ist die Frage, anhand welcher Kriterien der voraussichtliche Erfolg einer Transplantation bewertet werden soll, nicht einfach zu beantworten, wie bei der Jahrestagung der Deutschen Transplantationsgesellschaft im Oktober in Frankfurt am Main deutlich wurde (DÄ 2013; 45: C 1826-9). Soll sich Erfolg an der unmittelbaren Lebensrettung, der erwarteten Lebensqualität, der Überlebenszeit, am individuellen oder am systemischen Nutzen orientieren? Selbst wenn Erfolg definiert sei – es bleibe die Frage, ob und mit welchen Instrumenten er sich zuverlässig quantifizieren lasse, sagte Christian P. Strassburg von der Universität Bonn. Ein flächendeckendes Transplan­tations­register sei unbedingt notwendig.

Ältere Patienten werden bei der Verteilung von Nieren bevorzugt
Diskutiert wird auch über Verteilungsgerechtigkeit bei den Nieren. Die deutschen Einjahresfunktionsraten differieren in der CTS-Studie deutlich (76 versus 86 Prozent) von denen europäischer Länder außerhalb des ET-Bereichs, wenn sie sich auf das sogenannte Seniorprogramm beziehen. Im „old-for-old-Programm von ET werden Patienten ab einem Alter von 65 Jahren prioritär die Nieren von Spendern älter als 65 Jahre zugeteilt. Wird das Seniorprogramm nicht berücksichtigt, sind die Differenzen bei den Einjahresfunktionsraten zwischen Deutschland und anderen europäischen Ländern deutlich geringer.

Das Seniorenprogramm wirke sich in Deutschland so aus, dass 94 Prozent der Wartepatienten, die das 65. Lebensjahr erreicht haben, innerhalb eines Jahres transplantiert werden, aber nur 21 Prozent der 50- bis 65-Jährigen, berichtet Opelz. Das sei eine enorme Bevorzugung der Älteren.

In Nicht-ET-Ländern gebe es zwar auch ein gewisses „age matching". Dort würden aber die Nieren von älteren Spendern unter Umständen auch an Empfänger ab dem 50. Lebensjahr vergeben: „Wenig erstaunlich mit besserem Erfolg als bei uns“, sagt Opelz. „Die Patienten müssen nicht so lange auf die Transplantation warten und sind noch in besserer Verfassung.“ © nsi/aerzteblatt.de

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