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Neue Chance für Schmerzpatienten

Mittwoch, 5. Februar 2014

Bonn – Ein „Interdisziplinäre Schmerzboard Bonn (ISB)“ hat das Universitätsklinikum Bonn haben ins Leben gerufen. Es soll die Schmerztherapie für die Betroffenen verbessern.

Etwa zwölf Millionen Menschen in Deutschland leiden unter chronischen Schmerzen. Viele Betroffene, die Hilfe in den speziellen Schmerz-Fachabteilungen der Klinik für Anästhesiologie und der Neurochirurgischen Klinik am Universitätsklinikum Bonn finden, haben bereits eine Odyssee im Gesundheitswesen hinter sich. „Erst der Schmerz­therapeut betrachtet sämtliche Aspekte der Erkrankung. Entsprechend der komplexen Krankheitsbilder ist auch die Therapie vielfältig“, hieß es aus Bonn.

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„Der Patient muss sich nicht mehr seine Spezialisten suchen, sondern wir setzen uns für ihn zusammen an einen Tisch“, beschreibt Thomas Kinfe, Leiter der Abteilung Funktionelle Neurochirurgie und Neuromodulation, den Kernpunkt des neuen ISB. Gegebenenfalls werden Spezialisten anderer Fachrichtungen hinzugezogen. So sei von einer ausführlicheren Anamnese über eine gezielte Diagnose bis hin zur langfristigen Therapieplanung alles aus einer Hand. © hil/aerzteblatt.de

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Avatar #79783
Practicus
am Samstag, 8. Februar 2014, 13:17

sowohl als auch...

Als Allgemeinarzt und Suchtmediziner in einer Großsstadt sehe ich beides: Die unzureichend analgetisch behandelten Schmerzpatienten wie auch die unqualifiziert und ohne nähere Kenntnis der Substanzen langfristig mit Opioiden behandelten Patienten. Schwere Abhängigkeiten von Tramadol und Tilidin finden sich dabei genauso wie fehlerhaft mit hochdosiertem Fentanyl behandelte somatoforme Schmerzstörungen bei unter 40-Jährigen...
Selbst im Rheinischen Ärzteblatt wurde eine zur Intoxikation führende Behandlung einer betagten Patientin mit 50mcg/h Fentanyl und 3x10mg Oxycodon als "niedrig dosiert" bezeichnet! Allein die Fentanyldosis entspricht dabei 180mg oralem Morphin, für das Oxycodon sind nochmals 60mg Morphinäquivalent dazuzurechnen!
Opioide sind kein Spielzeug und erfordern eigentlich, dass der Verordner sich mit den Substanzen etwas näher befasst.
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 6. Februar 2014, 21:10

Schmerztherapeutisch-deklamatorisches Wehklagen?

Ein „Interdisziplinäres Schmerzboard Bonn (ISB)“ als neue Chance für Schmerzpatienten kann ich nur vorbehaltlos begrüßen. Es soll die Schmerztherapie für die Betroffenen verbessern. Der Präsident der Deutschen Schmerzliga, Professor Michael Überall, betonte 2013: "Chronische Schmerzen brauchen mehr Beachtung, sonst laufen wir in eine Katastrophe".

Doch es gibt auch gegenläufige Tendenzen.
Dr. rer. soc. Ingrid Schubert, P. Ihle und Prof. Rainer Sabatowski vom Schmerzzentrum der Universitätsklinik Dresden warnten in ihrer Publikation: "Increase in Opiate Prescription in Germany Between 2000 and 2010: A Study Based on Insurance Data“
Dtsch Arztebl Int 2013; 110(4): 45-51;
DOI: 10.3238/arztebl.2013.0045
mit schmerztherapeutisch-deklamatorischem Wehklagen vor dem Anstieg der Opioidverschreibungen um 37 Prozent zwischen 2000 und 2010.
Was allerdings nur einer annuellen Steigerungsrate von 3,7 Prozent entspricht. Der Prozentsatz der Versicherten, die mindestens einmal mit Opioiden behandelt wurden, stieg im gleichen Zeitraum von 3,31 auf 4,53 Prozent: In absoluten Prozentpunkten ausgedrückt pro Jahr um 0,122.

Dies ist angesichts demografischer Faktoren, gesteigertem Anspruchs- und Versorgungsdenken, doppelter Facharztschiene in Klinik und Praxis bzw. erhöhter Prävalenz, Inzidenz, Morbidität bei Krebs und chronischen nicht-tumorbedingten Schmerzen (CNTS) an und für sich nicht ungewöhnlich,
Schubert et al. konstatierten, dass 76,7 Prozent aller Opioidverordnungen auf Patienten entfielen, die an CNTS litten. Im Jahr 2000 wären es 80,6 Prozent gewesen - also damals noch w e n i g e r Tumorschmerzpatienten-Anteil. Verdoppelt hätte sich der Anteil der langwirkenden WHO-3-Opioide an den verordneten Tagesdosen bei CNTS (2000: 16 Prozent; 2010: 33 Prozent). Bei den Einschränkungen ["Limitations"] gaben diese Autoren allerdings gleichzeitig zu bedenken, dass ihre Datenbasis (a l l e AOK Versicherten im Bundesland Hessen) "k e i n e Infos zu Krankenhausbehandlungen, Privatrezepten oder der B e g r ü n d u n g für die Verordnung enthält" ["The database contains no information on hospital treatment, private prescriptions, or the reason for prescription."]
Deshalb blieb ihre Feststellung verwunderlich: "Wir können die Möglichkeit nicht ausschließen, dass Opioid-Empfänger mit einer Krebsdiagnose eine Opioid-Verschreibung zur Linderung von n i c h t Krebs-bedingten Schmerzen erhalten hätten" ["We cannot exclude the possibility that opioid recipients with a diagnosis of cancer may have been prescribed opioids for relief of non-cancer-related pain."]

Angesichts von 12 Millionen chronischen Schmerzpatienten in Deutschland gibt es m. E. andere prioritäre Gesundheitsziele, als den geringen Anstieg von qualifizierter Schmerztherapie mit einer angeblich fehlgeleiteten Indikationsstellung wissenschaftlich zu geißeln. Denn wie sollen sonst Modellprojekte wie "Schmerzfreie Stadt Münster", „ISB“ der Uniklinik Bonn oder Initiativen der Deutschen Schmerzliga versorgungspraktisch umgesetzt werden?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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