NewsMedizinWie das Immunsystem gegen Harnwegsinfekte vorgeht
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Wie das Immunsystem gegen Harnwegsinfekte vorgeht

Donnerstag, 6. Februar 2014

Bonn – Einen neuen Immunregulationsmechanismus gegen Harnwegsinfektionen haben Wissenschaftler aus Hamburg, Würzburg, Aachen, Leuven, Yale und Heidelberg beschrieben. Dabei geht es darum, wie Makrophagen die Arbeit der Neutrophilen Granulozyten kontrollieren.

Die Forschung erklärt, warum Harnwegsinfekte eine häufige Nebenwirkung von Therapien sind, die den Tumor-Nekrose-Faktor inhibieren, zum Beispiel im Rahmen einer Rheumabehandlung. Erschienen ist die Arbeit in der Zeitschrift Cell (doi10.1016/j.cell.2014.01.006).

Harnwegsinfektionen gehören zu den häufigsten Infekten und werden durch Darm­bakterien ausgelöst, die durch Schmierinfektion über die Harnröhre in den Uroge­ni­taltrakt eindringen. Diese Infekte sind hartnäckig, weil die Bakterien oft nicht vollständig abgetötet werden.

Anzeige

Heutzutage lässt sich die schmerzhafte Erkrankung zwar mit Antibiotika behandeln, der Infekt kann aber die Nieren chronisch schädigen und möglicherweise sogar die Entwick­lung von Blasenkrebs fördern. „Es ist deshalb von großem Interesse, die körpereigenen Abwehrmechanismen gegen Harnwegsinfekte besser zu verstehen“, sagt Christian Kurts vom Institut für Experimentelle Immunologie des Universitätsklinikums Bonn.

Die Neutrophilen Granulozyten zirkulieren im Blut und dringen sofort in infiziertes Gewebe ein, um dort angreifende Bakterien zu bekämpfen. Entweder fressen sie die Eindringlinge auf oder töten sie durch Freisetzung von Giftstoffen ab. „Diese mächtigen Abwehrmechanismen müssen gut kontrolliert werden, damit sie möglichst wenig Kolla­teralschäden im Gewebe verursachen“, berichtet Kurts.

Diese Kontrolle übernehmen Makrophagen. Es ist seit langem bekannt, dass Makrophagen verschiedene Botenstoffe produzieren, die andere Immunzellen beeinflussen. Wie sie die Neutrophilen Granulozyten regulieren, war laut den Wissenschaftlern jedoch bislang unklar.

Regulation durch zwei Typen von Makrophagen
Das Forscherteam hat jetzt herausgefunden, dass diese Regulation durch zwei Typen von Makrophagen geschieht. „Ein wichtiges Ergebnis ist, dass beide Makrophagentypen unterschiedliche Funktionen ausüben“, erläutert Kurts. Der eine Makrophagentyp komme in allen Geweben vor und übe eine Wächterfunktion aus.

Sobald Krankheits­erreger eindringen, werden sie von diesen Wächter-Makrophagen erkannt, die dann einen Alarm auslösen. Dies geschieht durch Freisetzung von besonderen Botenstoffen, den Chemokinen, die die Neutrophilen Granulozyten in infiziertes Gewebe locken – im vorliegenden Fall in die Harnblase.

Zusätzlich locken die Wächter-Makrophagen noch den anderen Typ an, den die Wissenschaftler als Helfer-Makrophagen bezeichnen. Diese Zellen nehmen ebenfalls wahr, dass eine Infektion vorliegt und teilen dies den Wächter-Makrophagen mit. Letztere beginnen daraufhin mit der Ausscheidung anderer Chemokine, die es den Neutrophilen ermöglichen, die Bakterien im infizierten Teil der Harnblase zu erreichen.

„Die Wächter-Makrophagen holen eine zweite Meinung ein, ob die von ihnen wahrge­nommene Infektion so gefährlich ist, dass man die Neutrophilen Granulozyten aktivieren sollte“, erläutert Daniela Engel aus der Bonner Arbeitsgruppe. Dies sei ein Sicherheits­mechanismus, wodurch die potenten Abwehrzellen nur bei echter Gefahr in den infizierten Teil der Harnblase vordringen.

Die Kommunikation zwischen den beiden Makrophagentypen funktioniert über den Botenstoff Tumornekrosefaktor (TNF). Mit Medikamenten, die TNF blockieren, lassen sich zum Beispiel rheumatoide Arthritis oder chronisch entzündlichen Darm­er­krank­ungen behandeln. Als Nebenwirkung wurden jedoch häufig bakterielle Infekte beobachtet, darunter Harnwegsinfekte. Die nun vorliegenden Befunde erklären die Ursache: Wird dieser Botenstoff blockiert, können die Makrophagen nicht mehr miteinander kommunizieren, deshalb werden die Neutrophilen Granulozyten nicht mehr zum Infektionsherd geschickt.

Dieser Mechanismus wurde im Rahmen der Doktorarbeiten von Marzena Schiwon und Christina Weisheit vom Universitätsklinikum Bonn entschlüsselt. „Er ist für unser Verständnis der antibakteriellen Immunantwort fundamental“, so Kurts. © hil/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

22. August 2019
Berlin – Die Resistenzsituation von Bakterien auf Antibiotika und Antibiotikaklassen hat sich in den vergangenen Jahren in Deutschland für einzelne Erreger unterschiedlich entwickelt. Das zeigt eine
Anteil Vancomycin-resistenter Enterokokken steigt deutlich an
22. August 2019
Albstadt – Die Zahl der Q-Fiebererkrankung im Zollernalbkreis ist weiter gestiegen. Bei allen der bislang 29 eingereichten Blutproben sei die Infektion im Labor nachgewiesen worden, sagte eine
Zahl der Q-Fiebererkrankungen im Zollernalbkreis wächst
22. August 2019
Madrid – Wegen eines Listerioseausbruchs in Spanien hat das Ge­sund­heits­mi­nis­terium in Madrid eine internationale Warnung herausgegeben. Eine 90-jährige Frau starb in Sevilla an den Folgen der
Internationale Warnung wegen Listerioseausbruchs in Südspanien
21. August 2019
Rostock – Die Zahl der Vibrioneninfektionen in Mecklenburg-Vorpommern steigt weiter an. Mittlerweile seien neun Erkrankungen gemeldet worden, sagte der Leiter des Landesamtes für Gesundheit und
Zahl der Vibrioneninfektionen steigt
21. August 2019
Madrid – Wegen eines Listerioseausbruchs sind in Südspanien 53 Menschen ins Krankenhaus gebracht worden, darunter 18 Schwangere und zwei Neugeborene. Eine 90-jährige Patientin starb in Sevilla im
Listerioseausbruch in Südspanien
14. August 2019
Stuttgart – Erstmals soll in Deutschland ein Mensch durch den Stich einer tropischen Riesenzecke an Fleckfieber erkrankt sein. In der Zecke, die den Mann gestochen hatte, sei der betreffende Erreger
Forscher: Hyalomma-Zecke überträgt Fleckfieber in Deutschland
14. August 2019
Rostock/Kiel – In Mecklenburg-Vorpommern hat sich ein weiterer Mensch bei einem Bad in der Ostsee mit Vibrionen infiziert. Damit steige die Zahl der Infektionen in diesem Jahr auf sechs, wie Heiko
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER